Zweites Gespräch, Kempfenhausener Gespräche

03.03.2000

Projekt Beschreibung

Kempfenhausener Gespräche – Zweites Gespräch 3. – 5. März 2000 Dokumentation
Dritter Zyklus der KEMPFENHAUSENER GESPRÄCHE Europäische Nachbarschaft: Partnerschaft entwickeln, den Wandel mitgestalten Zweites Gespräch 3. – 5. März 2000 „Rückkehr nach Europa“ – die Wiederkehr der Geschichte Andreas Maislinger Geschichte, Gedenken und blinde Flecken 1976 hatte ich eine polnische Freundin, die in Katowice studiert und in Bielsko-Biala gelebt hat. Ich war bei Ihr zu Besuch und erst dort ist mir klargeworden, dass ganz in der Nähe ein weltbekannter Ort ist, nämlich Auschwitz. Ich wollte natürlich hinfahren, sie war nicht sonderlich begeistert und hat gesagt, es ist nicht interessant, es gibt schönere Dinge, wir sollten nach Krakau fahren oder nach Warschau, aber nicht unbedingt nach Auschwitz. Ich habe sie dann doch überzeugt, wir sind nach Auschwitz gefahren. Ich gehe auf das berühmte Tor „ARBEIT MACHT FREI“ zu und komme dann zu einer der Ausstellungen, den nationalen Blöcken, damals nur von Ländern aus Osteuropa, aus kommunistischen Ländern, mit einer Ausnahme, nämlich der Österreichs. Ich gehe in den Österreichblock hinein, da steht, jetzt kann ich nicht mehr so gut Polnisch, ich sage es jetzt auf Deutsch „Österreich – erstes Opfer des Hitlerfaschismus“ Man geht durch die Ausstellung, der Unterschied zu den kommunistischen Ausstellungen: museumstechnisch damals in den 70er Jahren perfekt gemacht. Ich gehe da durch und denke, eigentlich kann ich ganz stolz sein, im Vergleich zu den anderen müssen wir uns zumindest dafür nicht schämen. Dann sehe ich: Widerstand, Hermann Langbein, also ehemalige österreichische Häftlinge in Auschwitz. Beim Hinausgehen denke ich: Alles war richtig, aber es fehlt etwas. Es war nur die halbe Wahrheit: Österreich war Opfer. Es waren viele österreichische Häftlinge in Auschwitz, es gab einen Widerstand in Auschwitz und der wurde auch wesentlich von Österreichern geleitet. Paul Lendvai: Österreicher als Opfer Ich werde nie vergessen wie Bruno Kreisky – ich habe die erste Biographie über ihn geschrieben – mir in unserem ersten Treffen gesagt hat: „Man hatte immer nur davon geredet, wie die Leute auf dem Heldenplatz, als Hitler kam, gejubelt haben, aber davon, dass Tausende Menschen schon in den ersten Zügen – Sozialisten, Katholiken, Kommunisten, Juden – nach Dachau deportiert wurden, dass das sehr viele katholische, kommunistische Widerstandskämpfer waren, dass zigtausend Menschen umgebracht wurden – davon sprach niemand.“ Andereas Maislinger: Polen fragten: „Was machst Du bei den Deutschen?“ Ich habe den Namen eines Opfers genannt, Hermann Langbein, aber von österreichischen Tätern war nicht die Rede. Das wurde nicht erwähnt. Das war von den Polen auch nicht gewünscht, weil Polen Österreich als Osten gesehen hat. Diese Auslegung, und das stand auch auf einem Schild, wurde konzipiert von der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz. Das heißt, die Lagergemeinschaft Auschwitz hatte natürlich ein Interesse, die Opfer zu zeigen. Nur, es war die Ausstellung der Lagergemeinschaft Auschwitz, aber gleichzeitig, unausgesprochen, die offizielle Ausstellung der Republik Österreich. Österreich hat sich also, ich bin dann später durch den israelischen Historiker Walter Grab auf diesen Ausdruck gekommen, da ein bisschen herausgemogelt. Das heißt, man zeigt die eine Seite, die eine Wahrheit. Ich spreche ganz bewusst von einer Wahrheit. Es ist eine Wahrheit, dass Österreich Opfer war, aber die andere Hälfte der Wahrheit lässt man einfach aus und alle sind damit zufrieden. Das hat mich dann nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Ich habe gedacht, das muss man ändern, das geht nicht. Ich habe dann an die Lagergemeinschaft geschrieben, die mit meiner Intervention nicht viel anfangen konnte. Ich habe mich dann selbst an die Politiker gewandt und habe etwas später in Deutschland eine Organisation gefunden, die Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste. Die hat genau das gemacht, was ich mir für Österreich gewünscht habe: Junge Deutsche gehen in Holocaust-Gedenkstätten und zeigen dort, dass sie sich für die deutsche Geschichte verantwortlich fühlen. Sie wollen zeigen, dass damals Deutsche Täter waren und sie sich damit auseinandersetzen wollen, obwohl sie selber persönlich nicht dafür verantwortlich sind. Ich habe mich bei der Aktion Sühnezeichen beworben. Es war schon etwas merkwürdig: Was macht ein junger Österreicher bei der Aktion Sühnezeichen in Berlin? Können wir den überhaupt nehmen und wie passt das überhaupt? Aktion Sühnezeichen hat sich mit allen Ländern beschäftigt, die in irgendeiner Form Opfer des Nationalsozialismus waren, aber ein Land hat sie ausgespart – Österreich. Dazu hatte man einfach kein Verhältnis. Dass Österreich auch besetzt war, hat man zwar gewusst, aber man hat sich nicht damit auseinandergesetzt. Also, was machen wir mit diesem Österreicher? Das war etwas schwierig. Ich habe dann überlegt, ich könnte innerhalb von kurzer Zeit einigermaßen „Deutsch lernen“, dann fällt es nicht mehr auf, dass ich aus Österreich komme, und ich möchte mal schauen, wie das dann läuft. Ich habe versucht, so zu reden, wie man dort redet und man hat mich für einen Süddeutschen gehalten. Dann komme ich nach Polen, als junger „Deutscher“, und habe erlebt, wie man von Polen behandelt wird – nämlich nicht so gut. Es wurde immer gezeigt: Du kommst aus einem Land der Täter! Bei einem dieser Gespräche ist es dann doch herausgekommen: Wir sitzen zusammen, da fragte dann ein Pole, woher ich komme. Ich habe gedacht, nein, lügen werde ich jetzt auch nicht, ich komme aus Salzburg. „Oh, jestec austriacen!“ oder so ähnlich heißt das – „Du bist ja Österreicher. Du bist unser Bruder. Was machst Du bei den Deutschen? Was machst Du bei Jense? Da gehörst Du doch nicht hin, Du gehörst zu uns.“ Es war nicht zu schaffen, den Polen zu erklären, dass ich als Österreicher der Auffassung bin, dass Österreicher auch Täter waren. Ich betonte das noch einmal und, dass ich bewusst als Österreicher in Auschwitz arbeite, um das auch aufzuzeigen. Das war den Polen damals nicht zu erklären. Daran sollte man jetzt denken, weil jetzt die Sicht auf Österreich wieder eine etwas andere geworden ist. Ich war dann bei unserem Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger im Juli 1980 – noch vor dem Dienst bei Aktion Sühnezeichen. Das war ein wenig so, wie wenn man zum Staatsoberhaupt oder zum Monarchen geht, der hilft einem dann schon. Ich habe ihn gebeten, dass dieser Dienst als Zivildienst anerkannt wird. Und der damalige Bundespräsident hat mir ganz klar gesagt: „Ein junger Österreicher hat in Auschwitz nichts zu sühnen.“ Einmal abgesehen davon, dass der Sühnebegriff wegen seiner Herkunft aus dem Protestantismus ohnehin problematisch ist, war ich auch nicht der Auffassung, dass ich in Auschwitz etwas zu sühnen hätte. Kirchschläger hat die Problematik damals nicht verstanden und nicht verstehen wollen. Er hat nur davon gesprochen, er sei in Polen so gut aufgenommen worden und er war auch im Museum Auschwitz und er versteht überhaupt nicht, was ich dort machen will und das würde doch ganz falsch verstanden werden. Er könne mich da nicht unterstützen. Ich nehme eines gleich vorweg: Ich habe vor einigen Jahren einen Brief von Kirchschläger bekommen. Er hat mir geschrieben, dass er das damals nicht richtig eingeschätzt hat. Ich glaube, das ist fast einmalig, dass ein Politiker später zugibt, dass er etwas nicht richtig eingeschätzt hat und dass er die Arbeit bei Aktion Sühnezeichen und die Gründung des österreichischen Gedenkdienstes für sehr verdienstvoll hält. Der Dienst als Zivildiener in Auschwitz wurde also von der Republik Österreich nicht anerkannt. Ich wollte, dass dieser Dienst anerkannt wird. Nicht nur, um etwas Geld zu bekommen, sondern damit ich dann auch meinen Zivildienst nicht mehr leisten muss und damit die Republik Österreich durch diese Arbeit in Auschwitz in die Pflicht genommen wird. Das heißt, wenn ich sagen kann, ich bin österreichischer Zivildiener in Auschwitz, dann hat das etwas mit meinem Staat zu tun. Dann hat die Republik Österreich doch auch eine Verantwortung. Das wurde eben nicht anerkannt. Es hat dann zehn Jahre gedauert: 1991 wurde ein Gesetz beschlossen, das den Dienst im Ausland, in Holocaust-Gedenkstätten, ermöglicht hat. Ich habe für diesen Dienst den Begriff „Gedenkdienst“ eingeführt. Andreas Maislinger: Eine deutsche Entschuldigung steht aus. Ich hab auch nicht gemeint, dass man in Österreich nichts aufgearbeitet hat. Mir ging es um das offizielle Bekenntnis der Republik Österreich. Was ich jetzt noch sagen möchte, Österreich war, Sie haben es jetzt oft gehört, Österreich war Opfer. Es gibt ja seit zehn Jahren so eine richtiggehende Mode, sich zu entschuldigen. Sie werden alle paar Tage irgendwo lesen, dass sich eine Staatsoberhaupt bei jemand entschuldigt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich ein deutsches Staatsoberhaupt gegenüber den Österreichern einmal entschuldigt hätte. Die deutsche Wehrmacht wurde nicht eingeladen von einem österreichischen Politiker. Und ich habe das mehrmals angesprochen, ich habe immer nur Häme bekommen. Also wenn man das anspricht, bekommt man in Deutschland immer nur Häme. Und ich habe mich lange Zeit zurückgehalten und wollte auch diesen Standpunkt der Lagergemeinschaft nicht so leicht akzeptieren. Ich habe viel mit Österreichern gesprochen, die in Konzentrationslagern waren und die ein sehr starkes antideutsches Ressentiment hatten, bis heute. Und ich wollte das nicht wahrhaben. Ich hab das beiseite geschoben, gesagt, ja aber eben bei der Täterschaft von Österreich, wir sollten das nicht auf die Deutschen schieben. Und dann wurde ich immer daran erinnert, genau was Sie jetzt sagen: „Wir haben sie nicht ins Land gebeten. Wir waren nicht am Heldenplatz, wir waren im Konzentrationslager, ich war in Dachau. Das haben die Deutschen gemacht. Die österreichischen Nazis waren beteiligt, aber die eigentlichen Agierer waren die Deutschen.“ Und dabei gibt es bis heute, das gehört auch zur Nachbarschaft. Es gibt eben auch eine Nachbarschaft zwischen diesen beiden Ländern. Man hat jetzt generell gesagt, die Entschuldigerei mit der sollte auch schön langsam aufhören, das wird ja bald schon ein bisschen peinlich, wenn man sich überall und ständig und zwei- und drei- und viermal immer wiederholt, aber ich hab das ein bisschen untersucht und bin drauf gekommen, dass auf solche Entschuldigungen gewartet wird und dass sie auch, wenn sie oft nur so nebenbei ausgesprochen werden, dass sie meistens sehr ernst genommen werden. Und ich wär neugierig darauf, das könnte ja vielleicht der jetzige Bundeskanzler, Schröder könnte das ja vielleicht nachholen. Dann sind ein paar interessante Dinge passiert. Zwei möchte ich erzählen: Wir haben von Anfang an eng mit unseren Botschaften zusammengearbeitet. Im Gespräch mit einem Angehörigen der österreichischen Botschaft in Prag, als die Gedenkdiener von der Verantwortung Österreichs und von der Mittäterschaft von Österreichern gesprochen haben, hat ganz konkret ein Gedenkdiener, ein junger Österreicher, darauf hingewiesen, dass damals alle drei Kommandanten in Theresienstadt Österreicher waren. Da haben die Botschaftsangehörigen gesagt: „Muss das sein? Müsst Ihr wirklich darauf hinweisen?“ Sie waren einfach in diesem alten Denken gefangen. Österreich ist damit ja gut gefahren, vor allem in kommunistischen Ländern, wenn es sich als Opfer darstellt. Es wurde ja nie etwas anderes von uns verlangt. Also bitte, halt deinen Mund, es muss ja nicht unbedingt sein. Dann haben die Botschaftsangehörigen gemerkt, dass das gut aufgenommen wird. Die Zeiten hatten sich ja doch etwas geändert. Es war Anfang der neunziger Jahre – Wende in Osteuropa. Man hatte angefangen, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Man hatte angefangen, sich für die Mittäterschaft der eigenen Landsleute zu entschuldigen. Und dann haben diese Botschafter Zug um Zug gemerkt, das kommt gut an und damit könnten wir eigentlich ganz gut arbeiten. Das heißt, wenn diese jungen Österreicher dieses Bekenntnis abgeben, dann haben wir auch eine gute Presse – es wurde auch gut darüber geschrieben. Also hat man langsam begriffen, dass es auch im außenpolitischen Interesse der Republik Österreich ist, wenn junge Österreicher diesen Dienst in ausländischen Gedenkstätten leisten, der vom Innenministerium finanziert wird. Dialog: Paul Lendvai: Darf ich etwas fragen, Herr Alner? Am 14. März werden Gedenktafeln in der Stadt Silinga, in der alten Zeit hieß es glaub ich Jeuna, enthüllt zu Ehren von Monsignore Josef Tiso, der neunzehnhundert-fünfund – ich glaube Ende 45 – gehängt wurde, noch durch die bürgerliche Koalitionsregierung – Zwischenruf 1946 – Ja, unter dessen Herrschaft 70.000 Juden ermordet wurden, pro Kopf hat die slowakische Regierung im Dritten Reich, ich weiß nicht wie viele Mark bekommen, einschließlich einen Cousins von mir. Wie sehen Sie das? Juraj Alner: Ja, warum fragen Sie mich das? Paul Lendvai: Weil Sie aus der Slowakei kommen, wir haben über Österreich gesprochen. Andreas Maislinger: Eine kleine Geschichte aus Theresienstadt oder Terezin, die dann leider ohne Folgen geblieben ist. Es gab ein Pressegespräch in Terezin über den Gedenkdienst in dieser Gedenkstätte. Am Schluss hat sich ein Mitarbeiter von der Lokalzeitung gemeldet und hat gesagt: „Bei uns gibt es ja jetzt seit kurzem auch einen Zivildienst. Wäre es nicht vielleicht denkbar,“ er hat immer etwas gezögert, „wäre es nicht denkbar, dass auch junge Tschechen, die jetzt Zivildienst leisten, etwas ähnliches machen, aber für Sudetendeutsche. Mit genau dem gleichen Hintergrund. Wir haben selber dafür keine Verantwortung, wir sind Nachgeborene, aber wir wollen zeigen, dass wir uns für die Geschichte verantwortlich fühlen, ein Zeichen setzen wollen.“ Meine Antwort war ganz klar, ich habe gesagt, ich selber hätte das nicht vorgeschlagen, denn ich kümmere mich um die Geschichte meines Landes. Ich würde nie ins Ausland gehen und sagen, Ihr müsst das auch machen, aber wenn der Vorschlag kommt, finde ich das gut. Beziehungsweise, wenn dieser Dienst von jungen Österreichern im Ausland hervorruft, dass man nämlich sagt: „Moment, wir haben ja auch Verbrecher gehabt.“ oder „Meine Vorfahren haben sich auch an Verbrechen beteiligt, die anders geartet waren als der Holocaust, aber ein Verbrechen waren.“ Ich habe damals gedacht, es wäre wirklich faszinierend, wenn das Schule machen würde und wenn in vielen Ländern solche Verständigungsdienste, Gedenkdienste, eingerichtet werden würden. Leider hat das bis heute nicht Schule gemacht. Werner Weidenfeld: Die nationalsozialistische Zeit hat Europa traumatisiert. Bei der Frage Gegenwart der Geschichte und was davon jetzt für uns besonders relevant ist, zeigt sich ganz offenbar, dass eine Geschichtsepoche von ganz herausragender und tiefgreifender Bedeutung ist. Und das ist dann eben nicht 15. Jahrhundert und nicht 18. Jahrhundert, sondern das ist die nationalsozialistische Zeit. Diese Art von traumatischer Prägung des Kontinents durch diese Zeit ist meines Erachtens ein ganz herausragender Sachverhalt. Andreas Maislinger: „Selbsthilfegruppe“ für historisch belastete Orte Jetzt mache ich einen kleinen Sprung und möchte eine andere Geschichte erzählen. Ich bin in St. Georgen bei Salzburg geboren, das ist direkt an der Grenze zwischen Oberösterreich, Salzburg und Bayern. Vor dem Haus meiner Eltern war eine Bushaltestelle – die zwei Endstationen waren Braunau und Salzburg. Ich habe schon als Kind gemerkt, wie zwei Städte durch eine Person definiert werden können. Die eine ist Mozart, das Schönste was wir haben, obwohl er kein Österreicher war, das Genie Wolfgang Amadeus Mozart, und auf der anderen Seite Braunau: Adolf Hitler. Und Braunau, natürlich nicht so bekannt wie Salzburg, kennt man auch auf der ganzen Welt – negativ. Die Geburtsstadt von Adolf Hitler. Fertig. Also, man kann im Positiven und im Negativen eine Zuschreibung bekommen, die man nicht losbekommt. Auf deren einen Seite wollen die Salzburger auch nicht davon wegkommen. Bei der Mozartkugel angefangen, lebt man in Salzburg sehr gut davon. Auf der anderen Seite Braunau, das für alle Zeiten ein Stigma hat. 1989, kurz vor dem 100. Geburtstag hat sich Bürgermeister Gerhard Skiba überlegt, da irgend etwas zu machen. Man kann nicht einfach nur warten und Braunau abriegeln und sich immer dagegen wehren, sondern man könnte ja versuchen, das positiv umzusetzen. Wenn es schon dieses Image gibt und man laut sagt, dass eben dort der Adolf Hitler geboren wurde, dann könnte man sich ja mit der Geschichte genau auseinandersetzen. Wir haben einige Zeit überlegt und dann eine Tagung konzipiert. Ich habe diese Tagung „Unerwünschtes Erbe“ genannt und wir haben Vertreter von Orten aus ganz Europa eingeladen, die auch ein unerwünschtes Erbe haben. Zum Beispiel Kielce in Polen, Auschwitz in Polen oder Predappio in Italien, Dachau – ich zähle jetzt nicht alle Orte auf. Und das war in mehrerlei Hinsicht interessant und könnte vielleicht auch für unsere Diskussion interessant sein, wie die verschiedenen Länder mit diesen Orten umgegangen sind und wie man darauf reagiert hat. Ich wollte einfach eine Art „Selbsthilfegruppe“ einrichten von Vertretern, von Bürgermeistern von Orten, die ein ebensolches Stigma haben, und dann miteinander reden und im Gespräch darauf kommen, welche verschiedenen Probleme es gibt. Die ersten Einwände kannte ich natürlich: „Du darfst ja nicht, wenn auch nur indirekt, wenn Du Dich mit Braunau beschäftigst, Adolf Hitler jetzt mit Kielce vergleichen, weil ja in Kielce 1946 ein Progrom stattgefunden hat mit 30 oder 40 Toten. Das ist ja ganz etwas anderes.“ Aber ich habe gedacht: „Ja, es ist natürlich etwas anderes, aber die Orte haben alle ein Stigma und es wäre einmal interessant, gerade in Braunau diese Erfahrungen auszutauschen.“ Und mit viel Bauchweh, ich gebe das zu, ich hab damals sehr gezittert, ich hatte einfach Angst, dass die Medien negativ darüber berichten, dass sie sagen, da wird aufgerechnet oder das ist ein falscher Vergleich und das darf man nicht machen. Es wurde sehr gut aufgenommen und die Bürgermeister, die anwesend waren, haben das irgendwie als Unterstützung empfunden, dass man einmal mit einem anderen Betroffenen reden kann. Ich habe auch Predappio erwähnt: Sie werden es wahrscheinlich schon vermuten, dass in Predappio die Reaktion natürlich eine ganz andere war. Man empfindet die Geschichte dort nicht als Belastung. Ich habe mir das angesehen: Da gibt es ein riesiges Mausoleum für Mussolini und der Bürgermeister wollte auch nach Braunau kommen, aber er wäre irgendwie unter ganz anderen Voraussetzungen gekommen – ja, der hätte mit großen Prospekten für seine Stadt geworben. Er ist dann schließlich nicht gekommen. Also, es gibt einen Unterschied zwischen den verschiedenen Orten wie Predappio, dem Geburtsort von Mussolini, das diese Tatsache nicht als Stigma empfindet, sondern bis heute im Wesentlichen als Auszeichnung. Ich habe mit einigen Leuten in Predappio darüber gesprochen, man hat diesen Ansatz dort überhaupt nicht verstanden. Das als weiteren Einblick, dass Umgang mit Geschichte in den europäischen Ländern natürlich sehr verschieden sein kann. Andreas Maislinger: Im Umgang mit Vergangenheit nur Schwarz oder Weiß. Jetzt muss ich noch einen Nachtrag zu Polen machen. Ich habe das vorhin vergessen. Es war ja nicht nur die Definition von staatlicher Seite, dass Österreich ein Opfer ist, sondern das polnische Volk hat es auch tatsächlich so wahrgenommen und so gelebt. Ich habe immer gerätselt, wieso verklären die uns so. Einerseits ist es klar: 19. Jahrhundert – Polen war geteilt und die Österreicher, die Habsburger, haben die Polen besser behandelt als die Preußen und die Russen – das ist ein Faktum, das stimmt. Aber wieso gibt es trotzdem dieses positive Bild, auch bezogen auf den Zweiten Weltkrieg? Die Antwort, die eigentlich ganz einfach ist, hat mir dann der polnische Historiker Tomasz Szarota geliefert: Wenn ein junger Österreicher, und ich glaube, das kann man auch wieder auf viele andere Länder übertragen, in einer deutschen Uniform in Polen aufgetreten ist und er war Nationalsozialist, dann haben die Polen ihn als Deutschen wahrgenommen. Außer man hat seinen Akzent tatsächlich bemerkt. Man hätte nie gesagt, ein Österreicher. Wenn aber ein junger Österreicher in deutscher Uniform gegen den Nationalsozialismus war, dann war das erste Mittel, um Distanz gegenüber dem Nationalsozialismus zu zeigen, sein Bekenntnis zum Österreichertum. Das heißt, viele Polen haben gute Österreicher kennengelernt, aber keine bösen, da die bösen Österreicher keine Österreicher waren, sondern Deutsche. In Polen ist mir das immer wieder gesagt worden: Otto Schimek. Es gibt einige Österreicher in Polen, die sehr verehrt werden, fast schon verklärt werden, und die negativen Beispiel kennt man einfach nicht. Das war in anderen Ländern auch so und in Polen eben besonders stark. Und wieso erzähle ich das? Das ist jetzt nicht nur eine historische Reminiszenz, sondern ich meine, und auch jetzt in Bezug auf Braunau und Salzburg, dass es gerade im Umgang mit der Vergangenheit immer nur Schwarz oder Weiß gibt – entweder nur gut oder nur schlecht. Diese Zwischentöne zu erklären, das ist mir eben damals in Polen kaum gelungen. Und jetzt gelingt es auch nicht. Ich meine, wenn man jetzt auf Jörg Haider angesprochen wird: Derzeit kann Österreich nur ein Naziland sein. Man erlebt viel: Man wird überall auf Jörg Haider angesprochen, Differenzierungen, Versuche, diese Person in Österreich zu erklären, sind kaum möglich. Das heißt: Einmal über Jahrzehnte nur die Guten, wir haben uns also auch ganz klar von den Deutschen unterschieden. Es war also günstiger für einen Deutsch-Sprechenden, irgendwo zwischen den Niederlanden und Polen, Österreicher zu sein. Jetzt, und das sagen in Österreich schon einige, jetzt sollten wir uns schon langsam überlegen, wenn wir irgendwo hinkommen, zu sagen, dass wir Deutsche sind. Weil das für uns sicher einfacher, in einigen Ländern um einiges einfacher wäre. Juraj Alner: Österreich pochte auf Europa als Wertegemeinschaft Im europäischen Vertrag Artikel 6, steht es ganz eindeutig: Europa ist eine Wertegemeinschaft. Das ist es im Punkt eins sehr gründlich beschrieben und im Artikel 7 schreibt man dann welche Sanktionen die Staaten, die gegen eben diese Wertegemeinschaft verstoßen, wie man gegen die vorgehen kann. Die Kuriosität dabei ist, dass diese Artikel 6 und 7 eben die Österreicher vorgeschlagen haben damals. Anderer Sprecher: Das zielte auf die Osterweiterung. Man dachte damals, dass irgendeiner der osteuropäischen Staaten ja umkippen könnte. Andreas Maislinger: Haider wurde nicht wegen seiner Sprüche gewählt. Haider ist ja nicht wegen dieser Sprüche gewählt worden. Also ich hab meinem Volk einiges vorgeworfen, Sie haben’s ja gehört, ja, aber das jetzt nicht. Das wär zu einfach. Haider gewinnt keine Wahl, weil er sagt, dass die Waffen-SS irgendwie die Männerehre hatte oder so was. Sondern er gewinnt die Wahlen, weil er am lautesten und heftigsten und am feschesten angezogen und mit einem gewissen Charisma, da sprechen ihm ja die Deutschen in den Talkshows auch nicht ab, auftritt und gegen diese Koalition angeht. Gegen eine Regierungspartei angeht, die seit 30 Jahren am Regieren ist. Seit 1970. Und das wisst Ihr ja von Kohl, irgendwann mal bei den größten Verdiensten, und wenn er der größte Kanzler des Jahrhunderts ist, irgendwann mal ist die Geschichte zu Ende und es soll jemand anderer ran. Das spielt eine ganz große Rolle in Österreich. Das kommt dann dabei zwangsläufig durch und da kann man auch kaum argumentieren. Ich halt mich auch schon zurück, weil ich schon, sogar hier schon Angst hab, es könnt ja doch einer glauben, ich verteidige jetzt den Haider. Es läuft ja immer gleich so zack, zack, es kann immer nur so oder so sein. Also ich wär einfach für eine Versachlichung, nur ich sehe niemand auf europäischer Ebene, der die Autorität hätte und da mal sagt, okay, jetzt schauen wir uns mal an, wer ist der Jörg Haider. Schauen wir uns mal an, was findet tatsächlich in Österreich statt. Ferenc Glatz: Weg vom Mythos der kollektiven Verantwortlichkeit Für mich spricht einiges dafür, dass wir aus unserem europäischen Traditionsgepäck mehrere Dinge hinauswerfen müssen und dazu gehört vor allem die sogenannte kollektive Verantwortlichkeit. Das ist eine Tradition in der europäischen Geschichte: die ethnische Zugehörigkeit, dann konfessionelle Zugehörigkeit, dann die Klassenzugehörigkeit, dann in der französischen Revolution, wo Zehntausende wirklich nur wegen ihrer Abstammung, Klassenabstammung vernichtet wurden, all das als Begründung für kollektive Schuld und Gegnerschaft herzunehmen. Das ist eine historische Tradition, welche wir Europäer aufgeben müssen. Sonst können wir keine richtig gut individualisiertes 21. Jahrhundert wirklich erleben.

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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