Zwei junge Männer als Österreichs Visitenkarte in China, Der Standard

11.1.2019

Projekt Beschreibung

Zwei junge Männer als Österreichs Visitenkarte in China

Bernhard Gerstl und Markus Bencsits wollen verhindern, dass die jüdischen Flüchtlinge in Schanghai vergessen werden

In schier endloser Auflistung stehen Namen auf der Bronzewand. Das Mahnmal zieht sich 23 Meter an der inneren Mauer um das Jüdische Flüchtlingsmuseum Schanghai. Der 65-jährige Ben Yuan schreitet es mit den Österreichern Bernhard Gerstl und Markus Bencsits ab. „Wir haben hier 13.732 Namen von deutschen und österreichischen Juden sowie Juden aus ganz Europa eingestanzt, die nach Schanghai geflohen sind.“ Dank seines Internationalen Konzessionsgebiet sei es der einzige Hafen der Welt gewesen, der sie auf ihrer Flucht vor Nazideutschland ohne Einreisevisum aufnahm. „Die meisten trafen zwischen 1938 und 1941 ein. Unser Museumsdirektor Chen Jian benötigte zehn Jahre, um ihnen 2015 dieses Denkmal zu setzen. Es war schwer, all die Namen zu finden.“

Junge Österreicher unterstützten die Recherche. Seit 1992 können sie sich, statt im Bundesheer zu dienen, über den österreichischen Auslandsdienst zur freiwilligen Mitarbeit in Holocaust-Erinnerungsstätten bewerben, die auf ihren Zivildienst angerechnet wird. Seit 2006 auch in Schanghai. Ihr dortiger Mentor ist seither der weltbekannte Historiker Pan Guang, der das 1988 gegründete Zentrum für Studien des Judentums an der Schanghaier Akademie für Sozialwissenschaften leitet.

Seit September hilft ihm der 21-jährige Gerstl aus Gießhübl bei Wien. Als Gedenkdiener durchforstet er deutschsprachige Literatur zur Flüchtlingsgeschichte. Gerstl ist oft im Museum. „Jedes Mal, wenn ich vor den Bronzetafeln stehe, habe ich ein ehrfürchtiges Gefühl. So viele anonyme Flüchtlingsschicksale haben Namen bekommen.“

Bis zu 4.000 Österreicher

Die Liste ist nicht komplett. „Chinesische Forscher gehen von 23.000 europäischen Juden aus, die zwischen 1933 bis 1941 zu uns flohen“, sagt Ben, und nach 1945 zurückkehrten. „Darunter waren etwa 3.000 bis 4.000 aus Österreich.“

Die Aufnahme in Schanghai bedeutete für sie Rettung vor den Vernichtungslagern. 2006 begleitete ich für den STANDARD die 1939 mit ihren Eltern geflohene deutsche Jüdin Inge Booker. Wir fanden ihre einstige Unterkunft wieder. Sie hausten auf engstem Raum im überfüllten Stadtviertel Hongkou, geduldet von ihren chinesischen Nachbarn und wie diese bedroht von Typhus, Ruhr und Ungeziefer. Jahrzehntelang wollte die Volksrepublik nichts mit dem Erbe aus vorrevolutionärer Zeit zu tun haben. Heute aber ist sie stolz – auch dank der Flüchtlingsforschungen von Professor Pan –, wie Schanghai zum Schauplatz einer humanitären Großtat wurde.

Zuversicht gegen Barbarei

Bis Juni will Gerstl, der Chinesisch im Schüleraustausch lernte, in Pans Zentrum mithelfen, die Fernost-Exilgeschichte der Juden aufzuarbeiten. „Über den Gedenkdienst habe ich als Österreicher die Möglichkeit, etwas zurückzugeben. Das ist eine Chance.“ Er ist inzwischen der 14. Gedenkdiener in Schanghai. Als erster kam 2006 der 20-jährige Martin Wallner aus Baden bei Wien. Er sagte mir damals: Je mehr Licht auch aus China in das dunkle Kapitel der Judenvernichtung gebracht werden könne, desto „zuversichtlicher können wir sein, dass sich solche Barbarei nie wiederholt“.

Das unterschreibt auch Gerstl. Bevor er sich auf die weite Reise machte, befragte er seine Vorgänger. Alle sagten ihm, dass der Gedenkdienst ihr Leben verändert habe. Schanghai sei für sie eine „coole Erfahrung“ geworden.

Führungen und Übersetzungen

Sein Freund Markus Bencsits, der aus Salzburg stammt, ist aus der benachbarten Großstadt Nanjing zu Besuch gekommen. Der 18-Jährige arbeitet seit September im John-Rabe-Gedenkhaus als Friedensdiener für den Auslandsdienst. Die Mahnstätte ehrt den deutschen Siemens-Repräsentanten Rabe. 1937 schützte er tausende Chinesen nach dem japanischen Überfall auf Nanjing davor, Opfer der Massaker zu werden. Rund 30.000 Besucher schauen sich pro Jahr das Rabe-Haus an.

Bencsits hilft bei Führungen, übersetzt deutschsprachige historische Aufzeichnungen. Er lernt viel über Konfliktforschung. „Mein größtes Aha-Erlebnis war, wie beeindruckt chinesische Besucher über die Zivilcourage sind, mit der sich Rabe aus humanitärer Überzeugung vor ihre Landsleute gegen die Japaner stellte.“ Obwohl es damals ein Bündnis zwischen Deutschen und Japanern gab und Rabe aus Verblendung ein überzeugter Nazi war. Bencsits ist seit 2008 der elfte Friedensdiener, der im Rabe-Haus mitarbeitet. „Nur durch den kritischen Blick auf die Vergangenheit können wir für die Zukunft lernen.“

Flüchtlingscafé „Zum weißen Rössl“

Über genau dieses Thema diskutieren die beiden Freunde, als ich mit ihnen im 2009 wiederaufgebauten einstigen Flüchtlingscafé „Zum weißen Rössl“ sitze. Es liegt gegenüber dem mehrfach erweiterten jüdischen Flüchtlingsmuseum, das vergangenes Jahr 80.000 Besucher aus aller Welt aufsuchten. „Bei der Aufarbeitung dieser Geschichte zu helfen ist eine Botschaft, dass auch wir dazu unseren kleinen Beitrag leisten wollen.“

Die zwei Österreicher und ihre Eltern zahlen einen großen Teil der Kosten für ihren Aufenthalt selbst. Beide verstehen nicht, dass in der Heimat eine Debatte geführt wurde, ob solche Gedenkarbeit noch notwendig ist. „Was wir hier machen, ist kein Luxusdienst, den sich unsere Republik leistet. Es ist eine Visitenkarte, die Österreich im Ausland hinterlässt.“

(Johnny Erling aus Schanghai, 11.1.2019) – derstandard.at/2000095933577/Zwei-junge-Maenner-als-Oesterreichs-Visitenkarte-in-China

Projekt Details

  • Datum 14. Januar 2019
  • Tags Pressearchiv 2019

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