Zivildienst in New York leisten, Salzburger Nachrichten

23.09.2014

Projekt Beschreibung

Zivildienst in New York leisten

Von Angelika Wienerroither | 23.09.2014 – 19:41 | Kommentieren

Die österreichischen Gedenkdiener verrichten ihren Wehrersatzdienst in der ganzen Welt. Jedoch nicht ohne Schwierigkeiten.

Zivildienst in New York leisten

Der Braunauer Tobias Aigner tauschte den Zivildienst mit New York City.

BILD: SN/PRIVAT

Tobias Aigner tritt aus dem U-Bahn-Tunnel ans Tageslicht und steht den glänzenden Wolkenkratzern von New York Midtown gegenüber. „Das war der erste schöne Moment am Morgen“, sagt der 25-jährige Braunauer. Aigner leistete von Oktober 2012 bis September 2013 seinen Gedenkdienst – am American Jewish Comittee in New York. Seit 1991 ist der Gedenkdienst als Alternative zu Zivildienst und Bundesheer anerkannt. Die jungen Männer und Frauen sind ein Jahr auf der ganzen Welt an Gedenkstätten des Holocausts tätig, von New York, Melbourne bis nach Puducherry in Indien. Der Verein „Auslandsdienst“ sucht die einzelnen Stätten aus und nimmt Bewerbungen entgegen. Der Salzburger Andreas Maislinger (59) ist der Vorsitzende des Vereins. Er hat sich 21 Jahre lang dafür eingesetzt, dass der Gedenkdienst anerkannt wird. Die österreichischen Gesetze mussten entsprechend geändert werden: „Der Gedenkdienst ist eine Alternative zum Zivildienst – der Zivildienst kann nur auf österreichischem Boden geleistet werden.“ 21 Jahre sind eine lange Zeit. Für Maislinger war es dennoch klar, dass er sein Ziel verfolgen muss: „Österreich hat sich aus der Geschichte gemogelt. Wir haben uns als Opfer dargestellt.“ Der Gedenkdienst soll es Jungen ermöglichen, sich mit der Geschichte des Landes auseinanderzusetzen.  

Gedenkdiener müssen sich mit Holocaust auseinandersetzen

Für Kay-Michael Dankl war das nicht immer einfach. Der 25-jährige Salzburger war ein Jahr lang in Straßburg im Europarat, um dort für die Integration der Roma zu kämpfen. Vorher musst er sich jedoch der Frage stellen, was der Holocaust für ihn bedeutet: „Was haben meine Großeltern gemacht? Der Gedenkdienst hilft dabei, die Geschichte nicht nur schweigend als Last zu empfinden, sondern aktiv zu werden.“ Dankl hat sich für den Gedenkdienst entschieden, weil er etwas Sinnvolles machen wollte. Das Ausland war da besonders spannend: „Es war eine Möglichkeit eine andere Gesellschaft kennenzulernen.“   Wer einen Gedenkdienst leisten will, muss sich zuerst vorbereiten. Ein Jahr lang bespricht man seine Anliegen mit einem Mentor, liest Bücher und nimmt an Konferenzen teil. Ein Jahr lang hat der zukünftige Gedenkdiener Zeit, sich ein Visum, eine Wohnung und auch das notwendige Taschengeld zu organisieren. „Bei uns wird nicht alles fix und fertig serviert. Die jungen Menschen müssen zeigen, dass sie selbstständig sind“, sagt Maislinger, Vorsitzender des Vereins „Auslandsdienst“.  

„Gedenkdienst ist nicht nur was für Reiche“

Die Gedenkdiener müssen bereit sein, finanziell etwas zu geben. Tobias Aigner hatte 9000 Euro zur Verfügung gestellt bekommen, um ein Jahr in New York zu leben. Ein Diener in Europa bekommt vom Innenministerium 6000 Euro im Jahr, kann diesen Betrag aber durch ein Leonardo-Stipendium der Europäischen Union auffetten. „Wer es wagt, über den großen Teich zu gehen, muss meist etwas drauflegen“, sagt Aigner. In seinem Fall musste er etwa weitere 9000 Euro von seinem Ersparten aufbrauchen.   Maislinger will nichts davon hören, dass sich nur Reiche den Gedenkdienst leisten können. „Wenn man etwas wirklich will, dann erreicht man es.“ Er komme selbst aus kleinen Verhältnissen, habe für seine Ziele gespart und gearbeitet. Und der Gedenkdiener kriegt schließlich etwas dafür. Erfahrungen etwa, die das ganze Leben beeinflussen können: „Mein Berufswunsch hat sich pulverisiert“, sagt Aigner. In New York sei ihm klar geworden, dass er kein schicker Anwalt werden will. Die Energie der Stadt habe ihn fasziniert, das Gefühl von „anything goes“. „Verfolge deine Ziele, so lange du kannst. Nimm dein Leben in die Hand – und nimm nichts hin. Das ist, was ich aus New York mitgenommen habe.“

Projekt Details

  • Datum 20. Oktober 2016
  • Tags Pressearchiv 2014

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

nach oben