„Zivildienst in Holocaust Gedenkstätten“, ORF „Moment – leben heute“

09.03.1988

Projekt Beschreibung

„Zivildienst in Holocaust Gedenkstätten“

Dr. Peter Huemer und Dr. Andreas Maislinger

Huemer: Herr Dr. Maislinger, Sie haben vor etwa einem Jahrzehnt eine Idee entwickelt, die jetzt allmählich zu greifen beginnt und in die öffentliche Diskussion gerät. Man könnte diese Idee in einem Satz zusammenfassen, nämlich: Zivildiener arbeiten in ausländischen Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Wie stellen Sie sich das konkret vor? Maislinger: Ich stelle mir konkret vor, dass ein österreichischer Zivildiener in der Anne Frank Stiftung in Amsterdam arbeitet, ein anderer oder auch jeweils zwei in Yad Vashem in Jerusalem, im Museum Auschwitz-Birkenau oder aber auch in einem Projekt in Marzabotto. Das wären Plätze, welche auch abgesprochen sind, Einrichtungen, welche österreichische Zivildiener akzeptieren würden. Wenn ich nur herausgreife: Anne Frank Stiftung in Amsterdam und Yad Vashem. Beide Länder, beide Einrichtungen wissen, dass sich die Österreicher aus der Geschichte „herausgemogelt“ haben. Das haben wir bereits vor zehn Jahren gewusst. Es waren auch diese beiden Länder, die mich damals noch – damals war ich noch sehr jung, und mir war nicht in diesem Ausmaß bewusst, dass sich Österreich so aus der Geschichte herauszieht -, die mich sofort darauf aufmerksam gemacht haben, dass es in Österreich viel schlimmer ist als in der Bundesrepublik, dass etwa westdeutsche Zivildienstleistende in Amsterdam arbeiten dürfen, Österreicher, der österreichische Staat, die österreichische Bundesregierung überhaupt nicht daran denkt. Vor allem vor dem Hintergrund: Der Österreicher Artur Seyss-Inquart war es vor allem zusammen mit seinen Freunden aus Österreich, welche in den Niederlanden den nationalsozialistischen Terror durchführten. Huemer: Das heißt, das wäre einerseits ein Zeichen, das sowohl ins Ausland geht als auch nach innen wirkt, und gleichzeitig sollte es mehr sein als ein Zeichen, nämlich ein Beitrag der österreichischen Auseinandersetzung. Maislinger: Sicherlich ein Zeichen, weil es nur wenige sind. Die Leute muss man gut vorbereiten, auch die Kapazitäten sind nicht so groß, also es wird nie ein Massenprogramm. Zeichenhaft, weil es eben vier, fünf jedes Jahr sind, aber dann auch, und darauf lege ich besonders viel Wert, ein Einbekenntnis der Republik Österreich, dass es doch etwas zu bewältigen gilt, auch im Ausland. Huemer: Was sollten denn diese jungen Leute dort machen? Maislinger: Die werden ganz normal eingebunden in die Arbeit, das heißt, überhaupt keine „Extrawurst“ dort, sondern bei der Anne Frank Stiftung in Amsterdam würen die halt mitarbeiten wie auch ein westdeutscher Zivildiener: bei der Ausstellungsvorbereitung, Referate halten, natürlich ganz normale Büroarbeiten. Aber man muss da gleich dazu sagen, weil vielleicht hier der Eindruck entsteht, dass ist so ein lockerer Job, ähnlich wie wenn bei uns österreichische Zivildiener in Jugendzentren arbeiten. Damit verbunden ist natürlich ein Sprachstudium. Man kann bei der Anne Frank Stiftung nur arbeiten, wenn man zumindest Grundkenntnisse von Niederländisch hat. Das Gleiche in Yad Vashem oder in Polen, in der Gedenkstätte Auschwitz: man muss zumindest ein bisschen Polnisch können und ein bisschen Hebräisch sprechen. Huemer: Man müsste in Israel zuallererst einmal Englisch können als Vorbedingung. Werden da auch praktische Arbeiten allenfalls anfallen, Instandsetzungsarbeiten? Maislinger: Sicherlich. Huemer: Möglicherweise, wenn man schon einige Zeit dort ist, könnte man auch fremdsprachige Gruppen führen, dass heißt, die Gruppen, die aus dem eigenen Land kommen, für Polen und Israel aber fremdsprachig sind, also österreichische oder deutsche Gruppen führen. Maislinger: Die westdeutschen Freiwilligen in diesen Gedenkstätten betreuen vor allem westdeutsche Gruppen. Das könnte auch für diesen österreichischen Freiwilligen dort sein. Aber auch darüber hinaus ist es doch eine faszinierende Überlegung, dass ein österreichischer Zivildiener in Yad Vashem Israelis führt. Huemer: In der Bundesrepublik gibt es dieses Modell bereits im Rahmen der Aktion Sühnezeichen. Das heißt, das ist ein Wehrersatzdienst, den man aber nicht als Zivildienst bezeichnen kann, es ist ein Wehrersatzdienst eigener Art in der Länge des Wehrdienstes. Maislinger: Länger, so lange wie der Zivildienst. Was ich mir in Österreich vorstellen kann, wäre etwas Ähnliches wie bei den Entwicklungshelfern: Wenn jemand zwei Jahre Entwicklungshilfe geleistet hat, dann wird er nachher nicht mehr zum Wehrdienst oder zum Zivildienst eingezogen. Und ich könnte mir vorstellen, wenn jemand 12 Monate – ich meine schon, dass es länger sein muss – 12 Monate in Yad Vashem oder einer der anderen Gedenkstätten gearbeitet hat, mit einer Vorbereitungsphase von einem Jahr, das kann er noch während des Studiums machen oder während seiner Arbeitszeit. Wenn er das also auf sich nimmt, dass er dann nicht mehr zu Wehr- oder Zivildienst einberufen wird. Das wäre also der Vorschlag, und der müsste auch durchzusetzen sein. Huemer: Das heißt, das wäre ein Dienst, der auch nicht den Regelungen des Zivildienstes unterliegt. Maislinger: Das muss man sich jetzt überlegen. Als Trägerorganisation ist vorstellbar eine Mischung aus Arbeitsgemeinschaft katholischer Jugend, Österreichischer Hochschülerschaft, Österreichischer Bundesjugendring und Gesellschaft für politische Aufklärung, wobei die Gesellschaft für politische Aufklärung – Vorsitzende sind Anton Pelinka und Erika Weinzierl, andere Mitarbeiter Hermann Langbein und Peter Dusek – dass wir vor allem die Vorbereitung übernehmen, und, wenn wir Zivildiener beantragen. Aber das wird ja wahrscheinlich nicht gehen, dass jemand tatsächlich dort Zivildienst leistet – aber der wäre so unter unserer Obhut und würde seine Lebenshaltungskosten bekommen. Deshalb spricht man in der Bundesrepublik von Freiwilligen, das heißt sie bekommen ungefähr sieben- bis achthundert Mark, oder in Polen, weil man da mit unserem Geld sehr gut leben kann, weniger. Also Taschengeld im Wesentlichen oder ein Stipendium, das aber betreut wird, kontrolliert wird von der Gesellschaft für politische Aufklärung. Huemer: Nun, dieses Projekt, wenn es aktuell sein oder werden könnte in Österreich, dann jetzt, aus zwei Gründen: Zunächst einmal steht in diesem Frühjahr eine Novellierung des Zivildienstgesetzes bevor, und wenn, dann müsste es da hinein kommen. Und zum Zweiten, wenn Österreich überhaupt internationale Zeichen setzen will in diese Richtung, dann muss es sie jetzt setzen. Wenn es diesen Zeitpunkt wieder versäumt, dann ist es wahrscheinlich sinnlos. Maislinger: Das wäre jetzt die große Chance, nur bin ich eher skeptisch. Ich habe jetzt zehn Jahre Erfahrungen auf diesem Gebiet. Angefangen beim damaligen Bundespräsidenten Kirchschläger habe ich sehr wenig Verständnis gefunden. Immer nur so andeutungsweise, etwa der damalige Innenminister, späterer Außenminister Erwin Lanc, der dann diese „Menschen für Marzabotto“ gegründet hat. Ja, Sympathien, aber konkret nichts eingeleitet. Heinrich Neisser von der anderen Seite, von der ÖVP, oder von den Jungen, Othmar Karas und Josef Cap, wenn es irgendwie konkret geworden ist, haben sie doch gekniffen, es ist zu kompliziert, man muss das Zivildienstgesetz ändern. Ich bin eher skeptisch. Huemer: Heuer wird das Zivildienstgesetz geändert. Maislinger: Es wird geändert. Ich habe gerade vorher mit Ministerialrat Hermann gesprochen: Es wird eine Änderung beinhalten, nämlich die für Entwicklungshelfer, und ich habe eben gemeint, dass man das irgendwie auch anwenden kann dann für diesen Dienst. Man muss sich aber noch etwas Genaues überlegen. Huemer: Das heißt, es gäbe bereits ein Modell, das man nur adaptieren müsste. Maislinger: Genau. Ein Problem: Die Entwicklungshelfer machen zwei Jahre, und man unterstellt einem Entwicklungshelfer in der Regel nicht, dass er sich drückt, weil man weiß, dass das ein schwieriger Dienst ist. Bei dem Dienst könnte man dann vielleicht meinen, na ja, Jerusalem ist eine schöne Stadt oder Amsterdam und die haben dort ein schönes Leben, dem kann man eben gleich entgegenstellen, es ist eine ernsthafte Ausbildung damit verbunden, man muss sehr viel Zeit investieren, schon bevor man überhaupt diesen Dienst antritt. Also dieser Verdacht dürfte an sich nicht entstehen. Huemer: Das heißt, es muss, damit er diesen Dienst versehen kann, bestimmte Qualifikationen im Voraus erbringen, er muss sich nachweisbar mit der Geschichte befasst haben und zumindest auch begonnen haben, die Landessprache zu lernen. Zudem muss man noch dazu sagen, Sie sehen hier auch vor, jüdische Sozialeinrichtungen sollten im Ausland betreut werden, Altersheime, Behindertenprojekte. Da braucht man kann kein Geschichtsstudium. Maislinger: Es ist gut, dass Sie das noch ansprechen. Mir ist das auch deshalb so wichtig, weil ich seit fünf Jahren – seit drei Jahren mit Reinhold Gärtner zusammen – Fahrten in die Gedenkstätte Auschwitz organisiere, und was wir von Anfang an wollten: ganz verschiedene Leute mitnehmen. Eben nicht nur Lehrer, Akademiker, die sich die Zeit nehmen und dort hinfahren, sondern Lehrlinge, Leute, die kaum eine formale Ausbildung haben. Und wir haben die besten Erfahrungen damit gemacht. Also dieser Dienst, obwohl es sich eher anbieten würde, dass man halt Historiker nimmt, soll schon auch offen sein für interessierte Nichtakademiker, Nichtstudenten, wenn sie den ernsthaften Willen haben. Aber der ist ja auch vorausgesetz bei Geschichtsstudenten. Huemer: Das heißt, wenn eine Entscheidung fällt, wenn das ernsthaft ins Auge gefasst wird, dann müsste diese Entscheidung nun ganz konkret in den politischen Gremien gefällt werden. Maislinger: Ja, ich würde mir wünschen, dass jetzt diese Entscheidung getroffen wird, auch angekündigt wird ganz offiziell. Huemer: Nun, Herr Dr. Maislinger, Sie sind Universitätsassistent für Politikwissenschaft. Wie konkret schätzen Sie den diese Chancen ein, sind Sie optimistisch, weil man einfach dem Prinzip Hoffnung in jeder Situation anhängen soll, oder sind Sie konkret optimistisch? Maislinger: Ich bin schon konkret optimistisch, weil einfach jetzt alles zusammengetroffen ist. Vielleicht eine kleine Skepsis, dass man sich jetzt vielleicht sogar scheut, etwas zu machen, weil man nicht den Eindruck erwecken will, man macht es jetzt, weil Österreich so bedrängt ist. Aber ich meine schon, das Umlernen hat eingesetzt in Österreich. Ich merke das aus vielen Gesprächen, bei vielen Veranstaltungen. Leute, die früher gesagt haben, Antisemitismus, das gibt es nicht, sagen jetzt: Ich erlebe es, das ist tatsächlich da. Dass man jetzt diesen Schritt, der ja auch in der Bundesrepublik – ich habe Westdeutschland oft so lobend erwähnt, aber die sind ja auch gezwungen worden. Das ist ja auch von außen gekommen, die sind nicht von heute auf morgen alle gegen den Nationalsozialismus gewesen, sondern die Alliierten haben sie bedrängt, zum Teil einfach gezwungen. Österreich ist nicht gezwungen worden, wir werden jetzt erst gezwungen, und jetzt könnte dieser Schub kommen, also konkret auf die Frage: Ich bin konkret optimistisch, dass jetzt, im Jahre 1988, so eine Entscheidung getroffen wird. Huemer: Herr Dr. Maislinger, danke vielmals.

Projekt Details

  • Datum 7. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 1979 - 1990

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