„ZIVILDIENST“ in Auschwitz, STATTBLATT – Linzer Programm- und Belangzeitschrift Nr. 22

1980

Projekt Beschreibung

„ZIVILDIENST“ in Auschwitz

Aber das geht doch gar nicht! Du kannst doch nur in Österreich Deinen Zivildienst ableisten! So hörte ich es immer wieder, wenn ich von meinem Vorhaben erzählte, für ein Jahr bei Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste als Freiwilliger zu arbeiten. Besonders angesprochen hat mich innerhalb dieser internationalen Friedensorganisation mit ihrem Büro in Westberlin und Freiwilligen in vielen Ländern (in solchen, die unter dem Nationalsozialismus am meisten leiden mußten) die Arbeit in Polen. In diesem Land hatte ich Freunde gefunden, für dieses Land begann ich Sympathien zu entwickeln. Diese Erfahrungen konnte ich unmittelbar mit der Arbeit von Aktion Sühnezeichen in Polen verbinden. Langsam wurde mir der Gedanke vertraut, Zivildienst könnte echt sinnvoll sein, durch das Einbringen meiner ganzen Person – nicht nur meiner verwertbaren Arbeitskraft! Sicher, auch der Dienst am Nächsten in einem österreichischen Krankenhaus oder beim Roten Kreuz ist sinnvoll; doch eröffnet er eine Alternative zur ausschließlich militärischen Friedenssicherung? Eigentlich nicht – und dies war auch bei der Schaffung des Zivildienstes nicht beabsichtigt – sollen doch die Zivildiener bloße Zuträgerdienste für das Militär leisten. Die Schweizer nennen es beim Namen: Verteidigungshilfsdienst. Darüber hinaus wird keine Möglichkeit zugelassen! Und auch bei uns gibt es keinen eigentlichen Zivildienst; spätestens jetzt nach der Zivildienstgeestznovelle, welche uns in das System der Umfassenden Landesverteidigung (ULV) einbindet, sollte das jeder erkennen. Viel glaubte ich vor sechs Jahre durch die Verweigerung des Militärdienstes erreicht zu haben. Nach drei Jahre Bedenkzeit beim Studieren an der Uni wurde es mir jedoch bewußt: die damalige Verweigerung genügt nicht mehr! überhaupt, nicht so sehr die Ablehnung des Dienstes im Bundesheer stand im Weiteren für mich im Mittelpunkt – einen aktiven Friedensdienst wollte ich leisten. Wie solte ich das jedoch innerhalb des derzeitigen Zivildienstes anpacken? Schließt nicht das Zivildienstgesetz jeden auch noch so kleinen Ansatz für einen alternativen nichtmilitärischen Friedensdienst aus? Obwohl ich noch etwas Zeit bis zum Abschluß des Studiums hatte und damit den Zivildienst hinausschieben konnte, mußte ich bald meine Entscheidung treffen. Sollte ich „total verweigern“, wie es eine Gruppe in Westdeutschland nennt. Der Begriff „Totalverweigerung“ gefiel mir zwar nicht (schließlich sah ich mich nicht mehr vorrangig als Verweigerer, sondern als Freiwilliger), die Ideen dahinter sprachen mich aber an. Konnte ich meine Vorstellungen von einem echten alternativen Friedensdienst „legal“ nicht verwirklichen und meinen Grundsätzen treu bleiben, so kam nur eines für mich in Frage: Die Forderung nach Anerkennung meines beachsichtigten Freiwilligendienstes in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Das Muster für die mit dieser Entscheidung verbundenen Öffentlichkeitsarbeit gaben mir meine Kontakte zur Arbeitsgemeinschaft für Zivildienst, anderen Friedensorganisationen und die kleinen Zeitschriften der „Alternativszene“. Soweit schien die Sache ihren geordneten Gang zu gehen: hinein in den linken alternativen Zirkus und wenn Du schon nichts damit erreicht, wenigstens dort wird darüber gesprochen. Denkste! Ganz anders kam es: das Interesse für meinen „Zivildienerausflug nach Auschwitz“, war unter den Friedensleuten nicht überwältigend, stattdessen fand ich bei den „bürgerlichen“ Medien Gehör (was wiederrum die Spontitypen vom Zivildienst skeptisch stimmte). Da erschien doch tatsächlich in der katholischen „Furche“ im März 1979 ein Artikel von mir! Naiv wie ich noch war, dachte ich in diesen öden schwarz/weiß-Kategorien – die Sache mit dem Frieden ist jedoch damit nicht umschreibbar. Im Gegenteil: neue Ansätze außerhalb traditioneller politischer Bindungen sind zu suchen – und zu finden, wie drei Beispiele aus einer für viele „Linke“ anderen Welt zeigen: Zunächst einmal der angesprochene Artikel in der „Furche“, in welchem zwar kein totaler Angriff auf das Bundesheer geritten wurde (wozu auch?), die Alternative in folgenden Sätzen jedoch Ausdruck fand: Vor meinem Studium habe ich den Wehrdienst verweigert, weil ich annahm, außerhalb der Armee meinen Beitrag für den Frieden leisten zu können. In der Tätigkeit der Aktion Sühnezeichen glaubte ich meine Aufgabe gefunden zu haben. In den Jahren 1980/81 werde ich im Polenreferat als Freiwilliger arbeiten. Leider ist es in Österreich nicht wie in der Bundesrepublik Deutschland möglich, diesen freiwilligen Dienst als Zivildienst anrechnen zu lassen. Dies, obwohl die geforderte Leistung weit über den üblichen Zivildienst hinausgeht. Na gut, was heißt das schon? Geschrieben wird viel, auch veröffentlicht – einen Scheinpluralismus will man schließlich noch wahren. Ganz so einfach ist das aber dann doch wieder nicht. Das Gespräch mit den anderen, den Vertretern einer militärischen Friedenssicherung, kam voran. Dazu wieder ein Zitat: Vorweg und ausdrücklich darf ich meinem Standpunkt Ausdruck geben, daß Sie durch Ihren freiwilligen Einsatz wesentlich mehr tun, als viele andere junge Österreicher, die sich mit der Völkerverständigung nicht auseinandersetzen, oder jedenfalls dazu keinen aktiven Beitrag leisten. Insofern, da darf ich Sie beruhigen, sind Sie meines Erachtens sicher kein „Drückeberger“, ich kann nur hoffen, daß sich möglichst viele Menschen auf diesem Gebiet engagieren, auf welche Art auch immer. Geschrieben wurde dies von einem Mitglied der Offiziersgesellschaft Salzburg. Sicherlich ist dieser Offizier damit nicht zu uns übergelaufen, auch hat er nach wie vor seine Bedenken gegenüber dem Zivildienst, doch unverleugbar gibt es Gemeinsamkeiten. Muß es auch, betonen doch beide, Zivildiener und Bundesheerler, es würde ihnen um die Republik Österreich und die demokratischen Rechte gehen. Ohne auf den eigenen Standpunkt verzichten zu müssen, eröffnet sich mit meinem „Zivildienst in Auschwitz“ eine neue Perspektive: Weiterentwicklung des Zivildienstes, ohne ständig die Konfrontation mit dem Bundesheer herauszufordern. Dazu noch das dritte Beispiel: Kreuzverhör im ORF zum Thema „Gefährdet der Zivildienst die Landesverteidigung“. Die Fronten zwischen Pelinka und Possanner, uniformierten und zivilen verhärten sich, nur selten scheint man sich einig zu sein – einmal bei der Bewertung meines Freiwilligendienstes in Auschwitz. War ansonsten Possanner nicht zimperlich mit der Verteilung von Kollektivbezeichnungen wie „Drückeberger“ udn „Parasiten“, für den Herrn Maislinger hatte er Respekt übrig. Endgültige Schlüsse getraue ich mir aus diesen Erfahrungen noch nicht zu ziehen, ein bißchen Nachdenken darüber könnte uns aber nicht schaden. Dazu stinkt mir auch die bisher abgelaufene Zivildienstdiskussion zu sehr, kamen doch vorrangig Vorurteile und weniger Argumente zum tragen. So richtig verstehen wollten sich ja beide Seiten nicht! Ich möchte die Bedenken des Offiziers aus Salzburg nicht einfach vom Tisch wischen. Im bereits zitierten Brief schreibt er weiter: Beim Problem der Wehrdienstverweigerung geht es jedoch um etwas anderes: bei der derzeitig gegebenen und sich in voraussehbarer Zukunft trotz viel guten Willens kaum ändernden Tatsache, daß in der Welt immer noch politische und militärische Machtmittel direkt und indirekt eingesetzt werden – wer könnte das bestreiten? – bleibt (leider!) nichts anderes übrig, als dies zur Kenntnis zu nehmen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Das kann, so unangenehm und letztlich unbefriedigend es auch sein mag, nicht ohne militärische Verteidigungsbereitschaft bewerkstelligt werden, wobei jedenfalls die österreichische Landesverteidigung einen rein defensiven Charakter hat. Ihre Wirkung entfaltet sie dauernd, also schon im Frieden, indem sie dazu beiträgt, die „Rentabilitätsschwelle“ fü reine Anwendung militärischer Mittel gegen Österreich und damit auch im europäischen Raum so hoch anzuheben, daß von der Anwendung solcher Mittel (=Krieg!) Abstand genommen wird. Der Verantwortung für die Erhaltung des Friedens aber kann sich kein Staat entziehen, schon aus moralischen Gründen nicht. Praktisch gesehen, kann in Österreich dem nur durch eine allgemeine Wehrpflicht Rechnung getragen werden. Die militärischen und politischen Gründe brauche ich hier nicht aufzuzählen, wobei ich nur sagen möchte, daß die allgemeine Wehrpflicht insbesondere auch ein Ausdruck des österreichischen Demokratiebewußtseins ist, auf das wir – mit einem gewissen Recht – so stolz sind. Diese Entscheidung hat ihren Niederschlag darin gefunden, daß die Wehrpflicht verfassungsrechtlich statuiert wurde. Versuchen wir es doch einmal: widersprechen wird der Offiziersgesellschaft Salzburg nicht! Einer Ergänzung bedarf es jedoch: Friedenssicherung ist nicht nur durch Abgrenzung (dissoziativ), sondern auch durch Verständigung (assoziativ) zu erreichen. Mehr noch, das eine bedingt für die österreichische Situation das andere, der militärischen Friedenssicherung ist eine verstärkte Verständigungsbereitschaft vorauszugehen – Zivildiener könnten dieser Notwendigkeit nachkommen. Dafür will mein Freiwilligendienst in Auschwitz ein Beispiel sein.
Andreas Maislinger

Projekt Details

  • Datum 7. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 1979 - 1990

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