Zivildienst in Auschwitz, Kurier, 30.08.1992

30.08.1992

Projekt Beschreibung

Ein Tiroler ist Österreichs erster anerkannter Zivildiener im Ausland:

Zivildienst in Auschwitz

 

Der 26jährige Wörgler Bauernsohn Georg Mayer ist Österreichs erster Zivildiener im Ausland. Er tritt seinen Einsatz symbolträchtig am 53. Jahrestag des Ausbruchs des zweiten Weltkriegs an: im Holocaust-Brennpunkt, dem Museum Auschwitz-Birkenau.

Übermorgen, Dienstag, den ersten September, steht der frischgebackene Magister der Philosophie (Englisch/Geschichte) bewußt nicht „Gewehr bei Fuß“ an seinem neuen Einsatzort in Polen. Der Pazifist aus Überzeugung ist Österreichs erster Kandidat, der nach dem seit Jahresbeginn geltenden neuen Zivildienstgesetz (§ 12b) seinen zwölfmonatigen unentgeltlichen Dienst zur „Mitwirkung an der Lösung internationaler Probleme sozialer oder humanitärer Art“ außerhalb der österreichischen Staatsgrenzen antritt. Auf Anregung und unter tatkräftiger Mithilfe des erst jetzt im Sommer offiziell zugelassenen Innsbrucker „Vereins Gedenkdienst“. Ins Leben gerufen vom Politologen Andreas Maislinger, dem Grieser Ex- und Flüchtlingsbürgermeister Andreas Hörtnagl und dem Landecker Nationalratsabgeordneten Walter Guggenberger.

Dem Gedenkverein des gemischten Trios, dem bundesdeutschen „Sühnedienst“ nachempfunden, wurde vorerst in letzter Minute durch eine 500.000-Schilling-Subvention des Innenministeriums und eine Geldgabe von Tirols Regierungschef Alois Partl das finanzielle Überleben gesichert. Andere Ministerien oder offizielle Stellen legten sich außer Sympathiekundgebungen bisher materielle Beschränktheit auf.

Für Georg Mayer selbst geht’s nicht ums Geld, sondern um seine Tätigkeit vor Ort. Zusammen mit dem wissenschaftlichen Leiter von Auschwitz-Birkenau, Waclaw DIugoborski, soll er vor allem das sprachlich „antiquierte“ Informationsmaterial über das Synonym des NS-Grauens in den deutschsprachigen Versionen auf Vordermann bringen. Der angehende AHS-Lehrer sieht aber auch persönliche Vorteile: Wenngleich das Deportations- und Todeslager „nur 400 Kilometer von Wien entfernt liegt, ist es doch in unserem Bewußtsein weit entfernter, verdrängter“. Mayers Vorstellung: Er will seine in Oswiecim-Brzezinka gewonnenen Erfahrungen weitervermitteln, an Interessierte, vor allem aber an Schüler.

Derzeit ist der Wörgler, übrigens Bruder des verstorbenen Unterländer „Jungbauern-Rebellen“, Simon Mayer, noch dabei, sein momentanes „Survival-Polnisch“ am elterlichen Hof zu verbessern.

ROLAND BAUER

Projekt Details

  • Datum 14. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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