Zivildienst im Ausland: Über Waldheim nach Auschwitz, Salto, 04.09.1992

04.09.1992

Projekt Beschreibung

Zivildienst im Ausland:

Über Waldheim nach Auschwitz

Seit dem 1. September können junge Österreicher ihren Zivildienst auch in den Gedenkstätten des Holocaust ableisten. Nach Waldheim und nach der „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ Jörg Haiders schien es dem zwanzigjährigen Daniel Krcal notwendig, „zu zeigen, daß Österreich nicht vergißt“. „Ich trage keine Schuld“, sagt er, „aber ich möchte zeigen, daß ich betroffen bin“. Krcal wird zwölf Monate lang im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt arbeiten. Er ist einer der ersten jungen Österreicher, welche die Zivildienstnovellierung in Anspruch nehmen. Nach dieser Novelle ist es ab 1. September möglich, den Zivildienst im Rahmen des Gedenkdienstes im Ausland zu absolvieren. Die Initiative dazu ging von dem Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger aus. Er hatte sich jahrelang um eine solche Novellierung bemüht. Die Finanzierung des Projektes hat das Innenministerium übernommen. Die Kosten für die ersten vier Österreicher, die den Gedenkdienst absolvieren, belaufen sich auf rund 500.000 Schilling. Damit werden Auslandsaufenthalt, Taschengeld und Verwaltungskosten bezahlt. Obwohl verschiedene Ministerien die Initiative Maislingers ausdrücklich befürworteten, war die Finanzierung des Projektes bis zum Schluß unsicher. Vergangene Woche erklärte sich das Innenministerium bereit, die Finanzierung zu übernehmen. Maislinger fühlt sich deshalb Innenminister Franz Löschnak „persönlich zu Dank verpflichtet“. Offensichtlich deckt der „Verein Gedenkdienst“ ein Bedürfnis der jungen Österreicher ab, denn die Nachfrage ist groß. Maislinger hat bereits mit mehr als 150 Interessenten Kontakt aufgenommen, über 100 sind beim Gedenkdienst als Anwärter registriert. Das erste Vorbereitungsseminar des Vereins hatte 40 Teilnehmer. Maislinger legt großen Wert auf eine genaue Auswahl: starke Motivation, Anpassunsgsfähigkeit und kommunikative Fähigkeiten sind die Hauptkriterien. Der Vorsitzende des Vereins behält sich allerdings ein Veto vor: „Wenn jemand unfähig ist, ein Querulant oder etwa ein religiöser Sektierer, der die Juden bekehren will, dann nehme ich ihn nicht. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, wir sind eine perfekt demokratische Organisation. Ich muß es ja ausbaden, wenn etwas schief geht.“ Die bisherigen Erfahrungen zeigen nach Meinung Maislingers, daß die Auswahl relativ problemlos vor sich geht. Im Vorbereitungsseminar werden die Teilnehmer in Arbeitsgruppen aufgeteilt, die jeweils eine Person vorschlagen. Grundvoraussetzung ist, „daß die Leute in den Gedenkstätten auch gebraucht werden“, sagt Maislinger. Der Tiroler Georg Mayer arbeitet seit 1. September in Auschwitz an der Computererfassung der Dokumente. Sobald als möglich soll er deutschsprachige Besucher durch das Konzentrationslager führen. Der Leiter des Verlages der Gedenkstätte Auschwitz, Waclaw Dlugoborski, hat Mayer bereits eine Mitarbeit angeboten. Er soll die deutschsprachigen Publikationen des Verlages der Gedenkstätte mitbetreuen. Mayer hat deshalb bereits einen Polnischkurs besucht, der, wie Maislinger betont, „völlig unbürokratisch vom Wissenschaftsministerium finanziert und organisiert wurde“. Krcal qualifizierte sich für den Dienst in Theresienstadt aufgrund seiner Tschechischkenntnisse. Von ihm wird vor allem manuelle Arbeit erwartet. Er wird an der Renovierung der Gedenkstätte teilnehmen. Maislinger, der den Vorsitz des Vereines „nicht ewig innehaben“ möchte, erwartet, daß die Gedenkdiener auch nach den zwölf Monaten Dienst in diesem Bereich aktiv bleiben. Georg Mayer soll „natürlich“ in Österreich Vorträge über Auschwitz halten. „Ich verlange sehr viel, aber das wissen die Leute.“ Der Gedenkdienst soll nach den Vorstellungen Maislingers „nicht nur Intellektuelle“ ansprechen. Er hofft, daß diese Initiative auch „bis ins letzte Tal Österreichs“ bekannt wird.
Ulrich Ladurner

Projekt Details

  • Datum 8. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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