Zivildienst? Gedenkdienst, Gut Pfad

01.01.1997

Projekt Beschreibung

Zivildienst? Gedenkdienst Seit 1992 gibt es im österreichischen Zivildienstgesetz den §12b. Was wie eine juristische Fußnote klingt, ist in Wahrheit die gesetzliche Verankerung einer Idee, deren Bedeutung und Konsequenzen vier Jahre nach ihrer Verwirklichung noch kaum abzusehen sind. Die genannte Bestimmung ermöglicht es jungen Österreichern, ihren Zivildienst auch im Ausland zu leisten. Sie geht auf die Initiative eines jungen österreichischen Historikers, Dr. Andreas Maislinger, zurück, der das Projekt Gedenkdienst startete. Im Rahmen des Gedenkdienstes werden Interessenten jedes Alters und Geschlechts an Holocaust – Gedenkstätten entsandt, um dort als Repräsentanten der Republik Österreich ein Zeichen der Bekenntnis zur Mitverantwortung unseres Landes am Holocaust zu setzen. Jungen Männern unter 28, die ihren Gedenkdienst 14 Monate lang im Ausland leisten, wird dieser als Zivildienst angerechnet. Die Möglichkeit, meinen Zivildienst im Ausland zu leisten und mich auf diese Weise intensiv mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, erschien mir verlockend und als eine interessante Herausforderung. So begann ich vor ein paar Monaten in den Verein Gedenkdienst, der die Auslandsplätze an engagierte Interessenten vergibt, hinein zu schnuppern. Wöchentlich treffen dort einander junge Menschen, um miteinander zu diskutieren, keine Aktionen oder Veranstaltungen ins Leben zu rufen oder geladenen Gästen zuzuhören, wie zum Beispiel ehemaligen Gedenkdienstleistenden, die von ihrer Arbeit und von ihren Erfahrungen berichten. Ein paar Mal im Jahr finden Seminare zu fachspezifischen Themen statt, um Interessenten auf ihren Gedenkdienst vorzubereiten, aber auch um die Vereinsarbeit zu koordinieren und um die Kandidaten für die einzelnen Stellen auszuwählen. Was tut ein junger Zivildiener im Rahmen seines Gedenkdienstes im Ausland? Nun, das ist von Fall zu Fall und von Stelle zu Stelle verschieden und liegt auch am jeweiligen Gedenkdienstleistenden selbst: Ihm wird zum Teil die Möglichkeit überlassen, selbständig zu arbeiten und sich selbst durch eigene Ideen in seine Gedenkdienstarbeit einzubringen. Im großen und ganzen sind jedoch Aufgabengebiete vorgegeben, an denen sich das Betätigungsfeld primär orientiert. Daniel, ein ehemaliger Gedenkdienstleistender im Museum Auschwitz – Birkenau in Polen (1993/94), zum Beispiel beschäftigte sich primär damit, die Aufzeichnungen und Dokumente über die Geschehnisse im Lager zu retten und der Nachwelt zu erhalten (es ging hauptsächlich um 40 faustdicke Lagerbücher, die im Begriff sind zu zerfallen und unlesbar zu werden). Die Daten wurden in Computer eingegeben und aufgearbeitet, so daß sie für wissenschaftliche Arbeiten erhalten bleiben. Heute helfen die dort Gedenkdienstleistenden unter anderem im Verlag des Museums mit. Neben diesen wichtigen Hauptarbeiten hat der Gedenkdienstleistende wie gesagt Gelegenheit, eigene Projekte oder Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. So gehört es zum Beispiel auch zu seinem Aufgabenbereich, das Ausschwitz – Seminar zu organisieren und vorzubereiten, das einmal im Jahr für Interessierte (v.a. Gedenkdienstinteressenten) stattfindet. (Es wird nächstes Jahr im März in der Karwoche stattfinden). Ähnliche Arbeiten leisten die Gedenkdienstleistenden in Yad Vashem, der Holocaust – Gedenkstätte in Jerusalem. Erich bearbeitet dort momentan die Personalakten der SS, die von Berlin nach Yad Vashem überstellt wurden, um dort katalogisiert und aufgearbeitet zu werden. Da aber selbst in so interessanten Bereichen Computer- und Archivarbeit mühsam und monoton werden kann, führt er auch die deutschsprachige Korrespondenz für das Archiv, recherchiert, macht für Gäste der österreichischen Botschaft in Jerusalem Führungen durchs Gelände und steht manchmal österreichischen oder deutschen Wissenschaftlern als Betreuer zur Seite. Einmal in der Woche besucht er das Anit – Mueller – Cohen – Elternheim in der Nähe von Tel Aviv, wo alte österreichische jüdische Auswanderer betreut werden. In diesem Altenheim ist übrigens seit heuer ein eigener Gedenkdienstplatz eingerichtet. Daß Gedenkdienst nicht nur harte Arbeit, sondern natürlich auch die Freuden und Vorteile eines mehr als einjährigen Auslandsaufenthaltes mit sich bringt, ist wohl selbstverständlich. So erzählte ein früherer Gedenkdienstleistender in Yad Vashem über sein Leben in Israel. Immerhin lebte er 14 Monate in einem Land, das bei uns als konfliktgeladen und gefährlich gilt. Er berichtete, wie man dort lernt, mit dieser Situation umzugehen, beziehungsweise gezwungen wird, die Tatsache einer ständig lauernden Gefahr einfach zu ignorieren. Er erzählte von den Eindrücken, die er von der israelischen Gesellschaft bekommen hat, vom dortigen Heeressystem (z.B. müssen orthodoxe Juden nicht zum Militär, alle anderen Burschen hingegen 3 Jahre, Mädchen 2 Jahre), aber auch vom Image Österreichs in Israel. Interessant fand ich, daß Österreich und Deutschland daran gemessen werden, was sie seit 1945 getan haben und wie sie mit ihrer Verantwortung am Holocaust umgegangen sind. Da schneidet aus israelischer Sicht Österreich einfach schlechter ab. Als Beispiel soll nur die deutsche „Aktion Sühnezeichen„ dienen, die seit den 50er Jahren ähnlich arbeitet wie der österreichische Gedenkdienst. Der Gedenkdienst wurde aber erst 1992(!) gesetzlich ermöglicht. Gedenkdienstarbeit ganz anderer Art leistete zum Beispiel Mathias im Anne Frank Haus in Amsterdam. Dort ist die Gedenkdienststelle fix in die Auslandsabteilung integriert und ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil geworden. Hier werden in erster Linie Organisationsarbeiten durchgeführt. So arbeiteten Mathias und sein Vorgänger an der Planung. Erstellung und Vergabe der nagelneuen Anne Frank – Ausstellung „Anne Frank – eine Geschichte für heute„, die vergangenen Oktober in Wien Weltpremiere hatte, danach in Oberwart zu sehen war und noch das ganze nächste Jahr auf Österreich – Tour sein wird. Ab 1997 wird man Gedenkdienst auch als ganz normalen Inlandszivildienst leisten können und zwar bei der Organisation ESRA, dem „Beratungs- und Behandlungszentrum für psychosoziale Probleme und Krankheitsbildern, die durch das Holocaust- bzw. Entwurzelungssyndrom bedingt sind„, und in Braunau. In Braunau am Inn wird ein Gedenkdienstbüro eingerichtet werden, von dem aus die Vereinsarbeit und die Kommunikation zwischen den Stellen koordiniert werden soll. Weiters will der Verein Gedenkdienst von hier aus ein Sprachrohr gegen Rechtsextremismus im Internet aufbauen. Tatsache ist, daß es im noch so jungen Projekt Gedenkdienst in den letzten Jahren einen ungeheuren Zuwachs sowohl an neuen Stellen, als auch an Interessenten gegeben hat. Ich wage zu prophezeien, daß sich das Betätigungsfeld und das Gewicht des Gedenkdienstes in nächster Zeit noch vergrößern wird.

Projekt Details

  • Datum 28. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1997

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