Zeichen zur rechten Zeit Gedenkdienst im Ausland, Rupertusblatt, 22.11.1992

22.11.1992

Projekt Beschreibung

Zeichen zur rechten Zeit Gedenkdienst im Ausland

Während am jüdischen Friedhof in Eisenstadt Hunderte Menschen in Regen und Kälte bei einer Mahnwache gegen die Schändung der Gräber durch rechtsradikale Schmierer ausharrten, trat auch in Holland ein junger Zivil-Ersatzdiener für das humane Gesicht Österreichs ein. Die Besudelung jüdischer Gräber in Eisenstadt hat auch im Ausland Aufmerksamkeit erregt. Durch ihr entschiedenes Auftreten gegen diesen Vandalenakt haben Vertreter der Kirchen, der Politik und des kulturellen Lebens nach innen- und außen unmißverständlich bekundet, daß das demokratische Österreich jeder Form des Antisemitismus entgegenzutreten gewillt ist. Gerade in Holland, wo man die NS-Terrorherrschaft des Österreichers Seyß-Inquart nicht vergessen hat, werden antisemitische Vorfälle hierzulande äußerst hellhörig registriert. Es war daher ein glücklicher „Zufall“, daß ausgerechnet in diesen kritischen Tagen der Offenhausner Stephan Schirl als erster österreichischer „Gedenkdiener“ bei der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam der niederländischen Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Nicht nur die Stiftung sieht in der (regelmäßigen) Mitarbeit eines Zivil-Ersatzdieners ein konkretes Zeichen für ein verantwortungsbewußtes und waches Bewußtsein unter der Jugend Österreichs, auch von den Medien „ist dieses Signal erkannt worden“. Dies berichtete uns der unermüdliche Motor des Vereins „Gedenkdienst“, Andreas Maislinger, über eine Pressekonferenz am 9. November, dem Bedenktag des Judenpogroms (Reichskristallnacht), in Amsterdam. Neben Stephan Schirl haben seit September noch der Lehrer Georg Mayer und der Architekturstudent Bernhard Schneider ihren Gedenkdienst angetreten. Mayer arbeitet in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (Polen) und kann sich über mangelnde Beschäftigung nicht beklagen. Im Verlag, beim Aufbau eines EDV-Archives und im Sekretariat ruft man nach ihm. „Die ganze Welt redet von Auschwitz, aber kaum jemand hilft mit Leuten“, faßt Andreas Maislinger seine Erfahrungen zusammen. Er habe deshalb auch Wissenschaftsminister Busek eine Stipendienaktion für junge Wissenschafter aus Österreich empfohlen. Gut angelaufen, so Maislinger, sei auch das Projekt in Theresienstadt (CSFR). Bernhard Schneider, ursprünglich für Instandsetzungsarbeiten eingestellt, hat bereits eine Reihe zusätzlicher wichtiger Aufgaben, besonders die Kontakte in die deutschsprachigen Länder, übernommen. Im Februar wird Reinhard Steiner das „Gedenk-Quartett“ vollmachen und mit seinem Einsatz in Yad Vashem in Jerusalem beginnen. Nachdem nun auch die Finanzierung des Zivil-Ersatzdienstes in ausländischen Holocaust-Gedenkstätten durch das Innenministerium gesichert ist, soll jeweils ein Österreicher in jeder der vier Gedenkstätten tätig sein. Verschiedene zusätzliche Projekte sind im Gespräch. Interessenten an einem Gedenkdiensteinsatz, der sicherlich kein lockeres Auslandsjahr ist, können aus allen Berufsgruppen kommen. Sie müssen an einem Interessentenseminar und einem Vorbereitungsjahr (neben Studium und Beruf möglich) teilnehmen. Die Seminare finden jeweils am letzten Juni- und Novemberwochenende statt.
Baumgartner

Projekt Details

  • Datum 8. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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