„Wer sich Freizeit erhofft, ist hier am falschen Ort“ – Der Zivildienst als „Gedenkdienst“ für die Opfer des Holocaust, Kleine Zeitung

09.07.1995

Projekt Beschreibung

Kleine Zeitung 9. Juli 1995

„Wer sich Freizeit erhofft, ist hier am falschen Ort“

Der Zivildienst als „Gedenkdienst“ für die Opfer des Holocaust

VON KATHARINA SEWERA

Felix ist in Auschwitz, Dieter in Yad Vashern, Israel, Markus in Amsterdam, Hannes in Washington, D.C.. Bernhard in Theresienstadt, Christian Klösch aus Graz will nach New York gehen. An jüdischen Gedenkstätten wie der holländischen Anne-Frank-Stiftung oder dem Holocaust Memorial Museum leisten sie ihren „etwas anderen“ Zivildienst ab. Und setzen ein wichtiges Zeichen der Bekenntnis zur österreichischen Verantwortung am Holocaust. …

15 (!) Jahre kämpfte der Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger für das Projekt „Gedenkdienst“, das Zivildienern einen 14monatigen (Ersatz-)Dienst im Ausland ermöglicht. Zwei Zivildienstnovellen 1991 und 1993 führten zum Erfolg, 17 junge Osterreicher sind seit 1992 im Rahmen des „Gedenkdienstes“ – als Bundesheerler offizielle Repräsentanten der Republik – aktiv.

Wobei ihr Betätigungsspektrum breit gefächert ist: Forschungsarbeiten in Archiven und Bibliotheken stehen ebenso wie Restaurierung und Erhaltung der Gedenkstätten oder museumspädagogische Tätigkeit bis hin zum persönlichen Kontakt mit Holocaust-Überlebenden auf dem Programm. So spielt es keine Rolle, ob der Zivildiener nun Geschichte oder Technikstudent, Lehrling oder Landwirt ist. Relevant sind ernsthafter Einsatz („Wer auf viel Freizeit, Ausgehen und wenig Streß hofft, ist bei uns am falschen Ort“, betont Maislinger) und Überzeugung.

Kriterien, die neben Sprachkenntnissen (z.B. in Litauen nicht ganz einfach) in einjähriger „Gedenkdienstmitarbeit“ in Österreich erarbeitet werden können. Persönliche Überraschungen Maislingers waren meist positiver Natur: der ausgehfreudige junge Mann mit Rasterlocken, der zum Liebling der kleinen, einsamen polnischen Gemeinde wurde, oder der Techniker, den die Washingtoner Alt-Österreicher im selben Grade wie die Museumsdirektion in den Himmel lobte. Bisheriges Highlight ein fünfjähriger Forschungsauftrag für die „Gedenkdienstler“ am jüdischen Leo-Baeck-Institut in New York (in Zusammenarbeit mit Außenministerium und Kulturinstitut), der alle Österreichischen Emigranten in den USA erfassen soll. Probleme von den obligaten Drohbriefen mit rassistischen und anti-jüdischen Parolen abgesehen, sind hauptsächlich finanzieller Natur:

Maislingers Engagement und Zeitaufwand wurde bis jetzt nicht honoriert. Minister Einem hat im Moment andere Sorgen, und so stehen weiter geplante und erweiterte ,,Außenposten“, (es gibt bis jetzt 500.‘ Interessenten) bzw. Tagungen und Seminare auf wackligen Beinen. Ebenfalls angestrebt wird die kontinuierliche Finanzierung von weiblichen Gedenk-dienstlern, eine äußerst positive Erweiterirrig des Projekts, die zwei junge Österreicherinnen nach Kanada und Israel führte. …

Wer sich über den Gedenkdienst informieren möchte, hat reichlich Gelegenheit: direkt bei Dr. Andreas Maislinger, Hutterweg 6, 6020 Innsbruck Tel. Fax: 0512-291087, oder anläßlich der 4. Braunauer Zeitgeschichte-Tage, die Maislinger vom 22.-24. 9. in Braunau organisiert und „Vor Ort“ via eines Besucherservice, das der hiesige Gedenkdienstler Felix Mittermayer (Tel. Fax. 0048-381-30636) anbietet.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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