Wer darf wie in Wien der Opfer gedenken?, Stuttgarter Zeitung

15.08.2000

Projekt Beschreibung

Stuttgarter Zeitung 15. August 2000
Linke, Rechte, Junge, Alte und der Holocaust Wer darf wie in Wien der Opfer gedenken?   Österreichs rechtslastige Regierung kürzt die Zuwendungen an Juden und lehnt eine Verantwortung für den Holocaust ab. So weit die Schlagzeilen. Die Wirklichkeit ist etwas komplizierter. Von Paul Kreiner, Wien   Leon Zelman sieht sein Lebenswerk zerstört; Andreas Maislinger baut das seine aus. Beiden Männern ist es um historische Verantwortung zu tun, um ein Bekenntnis Österreichs zur NS-Vergangenheit und zur Mitschuld am Holocaust. Maislinger und Zelman mögen einander nicht besonders, gehen verschiedene Wege, hadern oder kooperieren mit derselben Regierung. 72 Jahre alt ist Zelman, Maislinger 45. Nahe liegt die Vermutung, dass beim Gedenken ein Generationswechsel stattfindet. Oder ist alles nur eine Stilfrage? Eine Frage taktischer Klugheit? Zwölf Jahre lang musste Andreas Maislinger für seine Idee kämpfen, am 1. Januar 1992 hatte er sich durchgesetzt: der erste österreichische „Gedenkdiener“ wurde ins Ausland geschickt. Seither leisten jedes Jahr bis zu 30 junge Österreicher ihren Zivildienst in einem Holocaust-Museum, einem Jüdischen Kulturzentrum, einer Shoah-Foundation, einer KZ-Gedenkstätte, beim Simon-Wiesenthal-Center Los Angeles oder in ähnlichen Einrichtungen. 1997 kamen, um nicht nur Vergangenheit zu bewältigen, sondern auch Gegenwart und Zukunft, ein Sozial- und ein Friedensdienst hinzu; nun arbeiten österreichische Zivis auch mit tibetischen Kindern in Indien, mit Aidskranken in New York, mit Slumbewohnern in Brasilien… Die Idee, gibt der Innsbrucker Politologe Maislinger zu, habe er von der deutschen „Aktion Sühnezeichen“ abgeschaut, aber anders als diese baut er nicht auf Spenden. Vielmehr hat er „von Anfang an“ den Staat in die Pflicht genommen. Im Gegensatz zur deutschen Regierung finanziert die österreichische den Auslandsdienst: „Sie haben auf diese Weise akzeptiert, dass das Gedenken an die NS-Opfer etwas mit dem österreichischen Staat zu tun hat.“ Dieser Umstand wäre beinahe zur Falle für die ÖVP-FPÖ-Regierung geworden. Sie hat ja radikale finanzielle Schnitte beim Zivildienst vorgenommen, die Zuwendungen an die Zivis halbiert. Dass sie damit den Auslandsdienst komplett ausgehungert hätte, wurde den Politikern offenbar erst bewusst, als die Diplomaten, das Außenministerium, internationale Medien aufschrien: das Land wolle sich offenbar aus der Gedenkarbeit für den Holocaust herausstehlen und ausgerechnet seine für Österreichs Image so bedeutenden „Friedensbotschafter“ einsparen; dies unter einer Regierung, die ohnehin einschlägig verdächtigt werde. Hatte nicht eine FPÖ-Frau erklärt, man solle Zivis lieber soziale Arbeit im Inland verrichten, als sie „im Ausland Gedenktafeln abstauben lassen“? Jetzt versichert ein Sprecher des Innenministeriums, beim Auslandsdienst werde nicht gekürzt: „Wir sind uns der Verantwortung bewusst.“ Nachsatz: „Was die Zukunft bringt, kann ich nicht sagen.“ Für die Wechselfälle der Zukunft indes dreht Maislinger bereits ein größeres Rad: „Es kann den Auslandsdienst mitziehen.“ Auch Leon Zelman hat, seit nach einem Aufschrei der Medien ein paar unerwartete Geldgeber eingesprungen sind, die Mittel wieder, die er braucht. Dennoch ist er todunglücklich: „Mir geht es nicht ums Geld. Für die Tragik der KZ-Opfer ist kein Platz, wenn wir nur über Geld reden. Ich will eine Geste der Regierung, ein Bekenntnis des Landes zu diesen Leuten – und dass so etwas nie wieder vorkommen darf.“ Zelman, jüdischer Überlebender des KZ Mauthausen, wienbegeistert bis in die letzte Faser seines Herzens, hat in Österreichs Hauptstadt den Jewish Welcome Service aufgebaut. Jedes Jahr ermöglicht er 200 emigrierten Juden ein Wiedersehen mit ihrer Heimatstadt: Ob sie „im neuen Wien“ auf den Straßen ihrer Jugend wandeln, ob sie die alten Wohnungen, ihre Hochzeitssynagoge oder die Friedhöfe besuchen, ob sie „beim Heurigen die Wienerlieder singen mit Tränen in den Augen“: „Sie sollen willkommen sein und ohne Hass ihrer Kindheit begegnen. Das wollte ich. Daheim machen sie dann Mundpropaganda für diese herrliche Stadt – es sind die besten Botschafter dieses Landes.“ Mit einem Schlag aber hat die Regierung die Zuschüsse um mehr als die Hälfte gekürzt. Und da es zwar für Zelmans Projekt, nicht aber für das Staatsbudget um weltbewegende Beträge geht – bisher wurden pro Jahr 341000 Mark ausgezahlt – werden andere Hintergründe vermutet: Judenfeindlichkeit? Persönliche Rache? Zelman sagt, für Sparzwänge hätte er sogar Verständnis, aber von der Regierung habe es niemand für nötig befunden, wenigstens mit ihm zu reden. Und dann erzählt Zelman von jener gespenstischen Veranstaltung am Wiener Stephansdom, mit der die FPÖ am 1. Oktober 1999 ihren Wahlkampf abgeschlossen hat. An jenem Abend ist Zelmans Vertrauen in das „neue“ Österreich zerbrochen: „Diese verzerrten Gesichter. Das Schreien, das mich an Aufseher im KZ erinnert hat. Dieser Hass. Mit Worten des Hasses hat damals auch alles begonnen. Soll ich denn jetzt über zwei Millionen Schilling jubeln und sagen, Juden aller Welt, kommt in diese Stadt?“ Während Maislinger sich mit der Regierung arrangiert und jede Provokation, jeden Affront vermeidet, bietet der streitbare Zelman der Koalition die Stirn. Die Regierung musste es hinnehmen, dass sie bei den Befreiungsfeiern im KZ Mauthausen dieses Jahr unerwünscht war. Zelman, der mit einem jüdischen Totengebet und Beethovens Neunter von Mauthausen aus ein neues Europa proklamieren wollte, er mochte die Regierung dabei nicht sehen. „Dann hätte ich auch den Haider nicht fern halten können.“ Zelman sagt beinahe verzweifelt, er habe das getan, um Österreichs Image zu retten: „Stellen Sie sich vor: die Kameras der internationalen Fernsehanstalten und dann Demonstranten, die sich scharenweise auf die Regierungsmitglieder stürzen und sie als Nazis bezeichnen…“ Gleichwohl: Zelman wurde seinerzeit nicht so verstanden, und kurz nach Mauthausen kürzte man seine Zuschüsse. Überhaupt war Zelmans „Neunte“-Projekt hoch umstritten – vor der Feier jedenfalls, nachher nicht mehr. „Kein Konzert im Schlachthaus!“ lautete die Parole. Hinter Geschmacksfragen jedoch verbargen sich alte, unerquickliche Streitereien innerhalb der jüdischen Gemeinde Wiens: hie Leon Zelman, da Simon Wiesenthal. Der Linke gegen den Konservativen. Das „Opfer“ gegen den „NS-Kollaborateur“. Weil Zelman 1988 „sein“ Holocaust-Denkmal in Wien durchsetzte, sagt man, musste Wiesenthal ein eigenes bekommen. Selbst Mauthausen, wo vergleichsweise wenig Juden, mehr Kommunisten und Sozialdemokraten umkamen, wo aber auch Wiesenthal gefangen gehalten wurde, steht seit langem im Parteienstreit. Der eher linke Verband der KZ-Insassen richtet die Gedenkfeiern aus – die zahlreichen roten Fahnen, bis hin zu denen der kurdischen PKK, die dort regelmäßig zu sehen waren, irritierten die anderen mächtig. Dass der Gräuel in Mauthausen würdiger gedacht werden muss, ist unumstritten – aber wie soll es geschehen? Leon Zelman ist soeben mit einem „Haus der Toleranz“ in Wien gescheitert. Das Parlament schnappte ihm die Räume weg. Maislinger dagegen, der Simon Wiesenthal als den „bedeutendsten Österreicher“ bezeichnet, richtet gerade ein neues Haus ein. Es richtet sich bewusst an die internationale Öffentlichkeit und trägt deshalb den englischen Namen „House of responsibility“. Es steht in Braunau am Inn. Es ist Adolf Hitlers Geburtshaus. Zelman sagt zu diesem Projekt: „Paah, was soll ich mich um Braunau kümmern?“ Das Gebäude soll in Zukunft zur Zentrale des Auslandsdienstes, des Gedenk-, Sozial- und Friedensdienstes werden. Und deswegen ist Maislinger auch so zuversichtlich, dass sein neues Projekt „den Auslandsdienst mitziehen kann“. Wegen der immensen Signalwirkung des Ortes würde es die internationale Öffentlichkeit sofort aufgreifen, wenn Österreichs Regierung je einen Rückzieher machen sollte. Manche vermuten, Maislinger könnte, gestützt auf seinen Studienkollegen, den Innenminister, gestützt auf das Braunau-Projekt und eine Zusammenarbeit mit dem „D-Day-Museum“ in New Orleans, einem neuen Museum für den Zweiten Weltkrieg, irgendwann zum Sprung nach Mauthausen ansetzen. Das hätte eine neue Art des Gedenkens zur Folge. Nach dem Regierungswechsel wäre auch der Generationswechsel komplett.

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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