Wenn Österreich 1995 die Befreiung feiert, Süddeutsche Zeitung, 04.08.1994

04.08.1994

Projekt Beschreibung

Wenn Österreich 1995 die Befreiung feiert Das Problemhaus in der Vorstadt Wo Hitler geboren wurde, sollen künftig Besucher über dessen Ideologie aufgeklärt werden Von Wolfgang Simonitsch Wien, 3. August – Er weiß es auch nur aus der Zeitung. Der Bund wolle aus dem Bau eine Gedenkstätte machen. Eine offizielle Depesche aus dem fernen Wien hat Bürgermeister Gerhard Skiba noch nicht in Händen. Dabei wäre es hoch an der Zeit, denn im kommenden Jahr will Österreich den 50. Jahrestag seiner Befreiung von der Nazi-Herrschaft feiern. Dabei soll auch der Ort, dem Bürgermeister Skiba vorsteht und dessen zeitgeschichtliche Relevanz ein Lexikon mit der dürren Festellung „In B. wurde A. Hitler geboren“ umreißt, Braunau am Inn eine fixe Größe sein. Innenminister Franz Löschnak hat angekündigt, im Zuge etlicher Jubiläums-Aktivitäten wolle er das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau „zu einem Ort der Information über die von Adolf Hitler geprägte Form des Faschismus“ umrüsten. Dadurch könne dauerhaft verhindert werden, dass rechtsradikale Alt- und Neo-Nazis das sogenannte „Hitler-Haus“ zur Kultstätte für faschistische Nostalgie missbrauchten, erklärte der Hauptstadtpolitiker schon Mitte Juni in Wien. Bürgermeister Skiba ist damit prinzipiell einverstanden. Braunau und etliche seiner 17.000 Einwohner gewöhnen sich langsam daran, dass mit Totschweigen – das Haus trägt keinerlei direkten Hinweis auf Hitler, der auch in der Stadtchronik nicht erwähnt wird – nichts zu gewinnen ist. Vor fünf Jahren hat das Städtchen an der bayerischen Grenze, das sich wiederholt von reißerischen Medienberichten über angebliche Neonazi-Exzesse rund um das Hitler-Haus verschaukelt und falsch präsentiert fühlte, ein erstes Zeichen gesetzt: Vor dem Haus wurde ein Stein aus dem Konzentrationslager Mauthausen mit der eingemeißelten Inschrift „Nie wieder Faschismus“ enthüllt. Im September 1992 ging die Gemeinde einen Schritt weiter. Bei den 1. Braunauer Zeitgeschichtstagen stellte sich die Stadt bewusst dem Motto „Unerwünschtes Erbe“; erörtert wurde wie andere Orte mit ihrer historischen Belastung leben. Damals wurde auch die Frage, was mit dem Hitler-Haus geschehen solle, erstmals hemmungslos diskutiert. Es abzureißen, hieß es, wäre simpel, jedoch keine Lösung, obwohl eine Umfrage unter Israelis ergeben habe, daß dieser Akt die größte Zustimmung gefunden hätte. Der in der Nähe von Braunau geborene Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger will damals die Verwendungsidee geboren haben, die nun auch Wiener Bundespolitiker wünschen. Vor der geplanten Umwandlung in eine Art Anti-Faschismus-Museum ist aber noch manches zu klären: Der Bund hat das Hitler-Haus vor gut zwanzig Jahren gemietet und in der Stadt Braunau einen Untermieter gefunden, der dort wiederum die Lebenshilfe, eine Werkstatt mit Tagesheim für 60 Behinderte, einquartiert hat. Für die Behinderten müsste in Braunau, das nach Auskunft der Gemeinde „kein Haus frei“ hat, vorerst eine Ersatzbleibe gefunden werden. Zusätzlich müsste der Bund das Haus von der Privatbesitzerin ankaufen. Dann erst stellt sich die Kernfrage, was darin tatsächlich geschehen soll. Bürgermeister Skiba denkt daran, das Hitler-Haus in Österreich, das 1995 zur Europäischen Union stößt, in den EU-Kulturauftrag zu integrieren und damit Fördergelder lockerzumachen. Inhaltlich schwebt ihm eine Dokumentationsstätte über die österreichische Beteiligung am Nazi-Regime vor. „Das ist falsch“, es müssten alle Aspekte des Faschismus präsentiert werden, nicht nur Selbstanklagen, meint jedoch der Leiter des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer. Der von Minister Löschnak in das Komitee zur Vorbereitung der 50. Jahrfeiern berufene Neugebauer will „auch Positives“, etwa den für viele Österreicher tödlichen Widerstand gegen die Nazis, im Hitler-Haus aufzeigen. Dagegen wehrt sich auch der Politologe Maislinger, der sich heftig um Braunaus jüngste Geschichtsbewältigung bemüht hat. Das Wiener Dokumentationsarchiv sei eine großkoalitionäre Einrichtung, die jahrzehntelang versucht habe, der historisch bewiesenen Mittäterschaft vieler Österreicher in hohen Nazi-Diensten den Widerstand anderer Landsleute gegenüberzustellen. Maislinger hält diese Strategie für überlebt. Es sei hoch an der Zeit, die gern verschwiegene österreichische Mittäterschaft klar herauszustreichen und „nicht länger herumzumogeln“. Seitdem jedoch Braunaus Bürgermeister kundgetan hat,  er wolle gemeinsam mit dem Wiener Dokumentationsarchiv tätig werden, fürchtet Maislinger, daß am Ende „bloß typisch österreichisches Gewäsch, viel Nichtssagendes herauskommen“ werde.

Projekt Details

  • Datum 25. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1994

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