Wenn aus Akten Schicksale werden – Gedenkdienst in Israel, Salt & Paper (Salzburg) Nr. 2, Dezember 1993

2.12.1993

Projekt Beschreibung

Wenn aus Akten Schicksale werden

Gedenkdienst in Israel

Es geht nicht um Schuld und Sühne oder gar um vorgetäuschtes Mitleid, vielmehr um Mitgefühl und das Übernehmen von Verantwortung , damit Vergangenes auch vergangen bleibt, sich in unserer Erinnerung jedoch als Warnung für Gegenwart und Zukunft erhält. – Die Rede ist vom Projekt „Gedenkdienst“, einer Möglichkeit, den Zivildienst an einer von weltweit fünf Holocaust-Gedenkstätten mehr als nur sinnvoll abzuleisten.

„Salt & Paper“ sprach mit den beiden Israel-Legionären, dem Salzburger David Röthler und dem Wiener Reinhard Steiner, die zur Zeit in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ihren Gedenkdienst ableisten.

Berlin 1942: „Nach Feststellung der Personengleichheit der Vorgeführten mit der Verurteilten beauftragt der Vollstreckungsleiter den Scharfrichter mit der Vollstreckung. Die Verurteilte, die ruhig und gefaßt war, läßt sich ohne Widerstreben auf das Fallbeilgerät legen, worauf der Scharfrichter die Enthauptung mit dem Fallbeil ausführt und sodann meldet, daß das Urteil vollstreckt ist. Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 17 Sekunden.“

Dies ist die Beschreibung der Hinrichtung von Marianne Sara Joachim, einer jüdischen Widerstandskämpferin der frühen 40er Jahre. Ein Dokument, eines von einigen Millionen, die in den Archiven von Yad Yashem auf ihre im wahrsten Sinne geschichtliche Aufarbeitung und EDV-mäßige Erfassung warten, erinnert an einen sicher sehr wertvollen Menschen. Aus einer Akte wird ein Schicksal.

Seit März bzw. seit Juni dieses Jahres beschäftigen sich David Röthler und Reinhard Steiner mit solchen Dokumenten, nein: Schicksalen. Die wichtigsten Informationen aus deutschen Originalakten müssen gespeichert und dokumentiert werden. Es werden Listen verfaßt, die das spätere Wiederfinden erleichtern sollen. Der knappe, nüchterne Stil der Fernschreiben, berichte und Funksprüche vermittelt ein anschauliches Bild dafür, was sich hinter den Worten Holocaust und Judenvernichtung verbirgt. Die gesammelten Informationen werden in den Archiven allen Forschern zugänglich.

Auch viele Privatpersonen sind an den Recherchen interessiert. Reinhard erzählte mir von einer jungen Engländerin, die nach Jerusalem kam, um etwas über ihren Großvater zu erfahren, dessen bisherige Spuren 1941 im Ghetto von Riga endeten. Nach gemeinsamer Suche fanden sie tatsächlich ein Polizeiprotokoll, das den Transport von 1000 Juden aus Bielefeld am 12.12.1941 beschreibt. In den Namenslisten befand sich auch der Name ihres Großvaters. Nachdem er den Transport überlebt hatte, war er im Frühjahr 1942 an Unterernährung gestorben. Reinhard übersetzte der jungen Frau die traurige Wahrheit. Beide waren sie erschüttert, beide weinten. Szenen, die die jungen Gedenkdiener nie vergessen werden.

Informationen zum nächsten Gedenkdienstseminar in Salzburg gibt`s beim Bildungshaus St. Virgil.

Philipp Breuss

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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