Weder Phantom noch Gespenst, Die Furche Nr. 11

14.03.1979

Projekt Beschreibung

Weder Phantom noch Gespenst Die „Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste“ plant in Zusammenarbeit mit dem polnischen Verband ehemaliger Widerstandskämpfer den Bau einer internationalen Jugendbegegnungsstätte bei Auschwitz. Die Aktion ist aus der Überzeugung entstanden, daß gelebtes Christentum Mitarbeit für Frieden und Gerechtigkeit bedeutet. Dieser Friedensdienst, dessen historische Wurzel der Widerstand gegen die Verbrechen des Faschismus ist, arbeitet zeichenhaft und gewaltlos dort, wo Haß und Unrecht durch kritische Solidarität und tätiges Engagement überwunden werden müssen. Unter den vielen Projektes der „Aktion Sühnezeichen“ steht uns Österreichern sicher die Arbeit in Auschwitz am nächsten. Dies sowohl aus Gründen unserer jüngsten Geschichte als auch wegen der geographischen Nähe. Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war vor wenig mehr als 30 Jahren ein Ort schrecklichster Verbrechen. Heute ist dort eine Gedenkstätte, deren Aufgabe darin besteht, bei den Überlebenden, den Nachgeborenen die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und zur Menschlichkeit zu mahnen. In dieser Gedenkstätte, die jährlich von Hunderttausenden Menschen aus aller Welt (darunter Bundespräsident Rudolf Kirchschläger) besucht wird, arbeiten seit 13 Jahren auch Freiwillige der „Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste“. Ihnen hat, wie 1969 ein polnischer Journalist schrieb, „Auschwitz den Mund geöffnet“: „Sie wissen, daß Geschichte und Gegenwart eins sind. Für diese jungen Christen ist Auschwitz weder Phantom noch ein Gespenst. Auschwitz ist der Beginn eines Weges und einer Stimme, die in die Zukunft führt.“ Die junge Generation der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs (ich bin 24 geworden) ist unschuldig an den Ereignissen der Vergangenheit. Für sie soll die Begegnung mit Auschwitz nicht eine Reise in die Vergangenheit, sondern ein Aufbruch in die Zukunft sein. Doch nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft bewältigen. Volker von Törne beschreibt in einer Aussendung von „Aktion Sühnezeichen“ das Projekt folgendermaßen: Geplant ist eine Internationale Jugendbegegnungsstätte, etwa 1 km von der heutigen Gedenkstätte entfernt, im Erholungsgelände am Ufer des Flusses Sloa, gegenüber der Altstadt der heutigen Stadt Oswiecim. Die Baupläne sehen kein touristisch orientiertes Jugendhotel vor, sondern ein Seminargebäude mit 80 Betten, Seminargruppen- und Freizeiträumen und anderen Einrichtungen unter Berücksichtigung didaktischer Gesichtspunkte. Aufgabe der Internationalen Jugendbegegnungsstätte wird es sein, Jugendgruppen aus aller Welt (damit auch aus Österreich), die die Gedenkstätte Auschwitz besuchen, aufzunehmen und ihnen die Gelegenheit zu geben, auf dem Hintergrund der Geschichte die brennenden Fragen nach einer Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern zu diskutieren. Die „Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste“ wird sich an der Planung und Durchführung von Programmen für Gruppen beteiligen, die aus dem westeuropäischen Ausland, der Bundesrepublik Deutschland und Berlin(West) kommen. Zu diesem Zweck sollen Freiwillige der „Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste“ auch nach Beendigung des Baus langfristig bei der Betreuung von Besuchergruppen in der Internationalen Jugendbegegnungstätte mitarbeiten. Hauptanliegen wird dabei die Ost-West-Verständigung sein. Ähnliche Pläne hatte der österreichische Bundeskanzler Josef Klaus 1969, als er vor dem Europarat den Vorschlag der Errichtung einer internationalen Jugendakademie in Österreich einbrachte. Aus diesem Vorschlag ist nichts geworden. Im Gegenteil: in Österreich verzichtet man nicht nur auf neue Initiativen in der internationalen Jugendbegegnung, man hat auch den von der UNESCO durchgeführten Jugendaustausch eingestellt. Am Schluß noch einige persönliche Bemerkungen. Vor meinem Studium habe ich den Wehrdienst verweigert, weil ich annahm, außerhalb der Armee meinen Beitrag für den Frieden leisten zu können. In der Tätigkeit der „Aktion Sühnezeichen“ glaube ich meine Aufgabe gefunden zu haben. In den Jahren 1980/81 werde ich im Polenreferat als Freiwilliger arbeiten. Leider ist es in Österreich nocht nicht wie in der Bundesrepublik Deutschland möglich, diesen freiwilligen Dienst als Zivildienst anrechnen zu lassen. Dies, obwohl die geforderte Leistung weit über den üblichen Zivildienst hinausgeht. So bereite ich mich bereits jetzt auf meine Tätigkeit vor. Dieser Artikel sollte deshalb auch eine Einleitung zu einer Diskussion über einen Zivildienst im Ausland darstellen. Einen internationalen Verständigungsdienst, als Ergänzung zu dem bereits möglichen internationalen Entwicklungsdienst. ANDREAS MAISLINGER

Projekt Details

  • Datum 7. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 1979 - 1990

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

nach oben