Was tun mit dem Hitler-Haus?, 11.01.2015

11.01.2015

Projekt Beschreibung

Was tun mit dem Hitler-Haus?

Ein verwahrlostes Eckhaus in Braunau plagt Österreich: Hier wurde Hitler geboren. Über die Nutzung wird seit Jahren gestritten. Bald könnte eine Entscheidung anstehen.      VON 

Ein etwas verwahrlostes zweistöckiges Eckhaus in Braunau plagt die Republik Österreich seit vielen Jahrzehnten. Im Obergeschoß des einstmaligen Gasthauses, nur ein paar Meter vom Stadtplatz entfernt, brachte am 20. April 1889 eine junge Frau ein Kind zur Welt, das zu einem der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte wurde: Adolf Hitler. Dessen Vater, der Zollbeamte Alois Hitler, hatte die Wohnung gemietet, die Familie übersiedelte schon bald in ein anderes Haus und drei Jahre später verließ sie Braunau, das schmucke Städtchen in Oberösterreich an der Grenze zu Deutschland, Richtung Passau. Der Ort hat keinen tiefen Eindruck auf den späteren Diktator gemacht, nur einmal kehrte er zurück: Am 12. März 1938, als Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, fuhr er gegen 14 Uhr über eine Brücke des Inn, der die beiden Länder trennt, vorbei an seiner Geburtsstätte, ohne anzuhalten, wie man sich in Braunau erzählte und ohne das Haus auch nur eines Blickes zu würdigen. Trotzdem: Braunau wird immer einen fixen Platz im Gedenken an den Nationalsozialismus haben. Fast jeder Braunauer kann Geschichten erzählen von grau melierten Herren, die sich mehr oder weniger schüchtern erkundigen, wo denn „das Geburtshaus des Führers“ zu finden sei. Verlässlich berichten internationale Medien immer wieder über das leerstehende Gebäude. Zuletzt berichtete die britische BBC davon, wie Hitlers Haus „Österreich Kopfschmerzen bereitet“. Von der Fassade wurden über die Jahre immer wieder kleine Stücke vom Verputz als Souvenir abgekratzt. Der Mahnstein vor dem Haus wurde vergangenen April mit blauer Farbe beschmiert. Und manchmal posieren Neonazis mit Hitlergruß vor dem Gebäude und posten Fotos davon im Internet. Martin Bormann erwarb das Gebäude Im Jahr 1912, Adolf Hitler trieb sich mittlerweile als erfolgloser Künstler in Wien herum, kaufte die Familie Pommer das Wirtshaus. Schon früh begann sie den Hitlerkult zu vermarkten. Das Magazin Profil berichtete vergangenes Jahr darüber, wie die Gaststätte zu einem Anziehungspunkt für Hitlertouristen wurde. 1936, die NSDAP war im austrofaschistischen Ständestaat verboten, wurde im Geburtszimmer bereits ein kleines Museum eingerichtet. Nach dem Anschluss Österreichs erwarb Martin Bormann das Gebäude für 150.000 Reichsmark, dem Vierfachen des Verkehrswertes. Ein verschlungenes MB über dem Eingang erinnert noch an Hitlers Sekretär. Nach der Befreiung ging das Gebäude zuerst an die Republik. Die Familie Pommer klagte und bekam es 1954 zurück. Mit dem Haus verdiente sie gutes Geld. Schulklassen wurden darin untergebracht, dann die Stadtbücherei und eine Bank. Immer wieder gab es Gerüchte, dass Altnazis an dem Eckhaus interessiert seien. Um dem zuvorzukommen, mietete die Republik Anfang der 1970er das Haus und quartierte die Behindertenorganisation Lebenshilfe ein. Oft kam es zu Konflikten mit der Vermieterin. Bauliche Maßnahmen lehnte sie ab und eine Mahntafel an der Fassade des Gebäudes verhinderte sie per Gerichtsbeschluss – der Mahnstein steht seit Ende der 1980er auf dem Gehsteig vor dem Haus. Seit die Lebenshilfe vor vier Jahren auszog, steht das Gebäude nunmehr leer und lässt alle ratlos zurück.    

Die Möglichkeit einer Enteignung wird geprüft

Pro Monat sind 4.668,60 Euro Miete fällig. Der Vertrag mit der Republik ist strikt. „Museale Konzepte“ dürfen im Gebäude nicht umgesetzt werden. Gegen die Einmietung der Volkshochschule wehrte sich die Besitzerin, die nicht mit Medien spricht, erfolgreich. Unterdessen registriert das Bündnis „Braunau gegen rechts“ seit 2013 vermehrt rechtsextreme Umtriebe in der Stadt. Rechte rund um das Freie Netz Süd sollen ein „Heldengedenken“ in der Braunauer Stadtpfarrkirche abgehalten haben, auf dem Soldatenfriedhof fand eine „Gedenkfeier“ statt und Aufkleber mit Sprüchen wie „Deutschland multikulti aber wir bleiben braun“ tauchten auf. Am Kirchenplatz vertreibt die bei Rechtsextremen beliebte Marke Thor Steinar ihre Textilien. Eine Räumungsklage gegen das Geschäft scheiterte. „Geburtsort des Bösen schlechthin“ Der Plan, in Hitlers Geburtshaus Wohnungen einzurichten, wurde rasch wieder verworfen. Auch die Idee eines russischen Duma-Abgeordneten, der das Haus kaufen und sprengen wollte, stieß auf wenig Gegenliebe – es ist als Teil eines Ensembles alter Häuser seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts denkmalgeschützt. Vergangenes Jahr bat das Wiener Innenministerium öffentliche Stellen um Vorschläge für eine Nachnutzung. Die Rückmeldungen waren ernüchternd: „Keine der befassten Stellen (alle Ressorts, Amt der oberösterreichischen Landesregierung, Stadtgemeinde Braunau) hat Bedarf an einer Nutzung des Gebäudes geäußert“, heißt es aus dem Innenministerium. Andreas Maislinger hat seit 15 Jahren eine Idee für das Gebäude. Dem umtriebigen und streitbaren Historiker, der 1992 die Braunauer Zeitgeschichtetage initiierte, schwebt ein „Haus der Verantwortung“ vor. „Junge Menschen aus der ganzen Welt sollen sich Gedanken über Verantwortung machen, über Verantwortung gegenüber der Vergangenheit, in der Gegenwart und für die Zukunft“, sagt er. „NS-Dokumentationszentren haben wir genug, hier sollen neue Ideen entwickelt werden.“ Die Unterstützerliste für das Projekt ist lang und prominent. Aber: „Ein ‚Haus der Verantwortung‘ wird von der Eigentümerin abgelehnt und ist daher nicht umsetzbar“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Mittlerweile wird gar die Möglichkeit einer Enteignung geprüft. Österreich hat sich mit der eigenen Geschichte lange Zeit schwer getan. Auch Braunau nagt an der Vergangenheit. Doch die Stadt ist weder Täter- noch Opferort. „Trotzdem“, sagt Maislinger, „ist sie für viele Menschen der Geburtsort des Bösen schlechthin“. Und mit diesem Erbe muss die Stadt umgehen.

Projekt Details

  • Datum 25. September 2016
  • Tags Pressearchiv 2015

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