Warum ich meinen Dienst am Staat in Polen ableistete, YAT Jugendzeitschrift der Gemeinde Hallwang

31.12.2002

Projekt Beschreibung

Warum ich meinen Dienst am Staat in Polen ableistete

Text:
Warum ich meinen Dienst am Staat in Polen ableistete Als ich mit 18 Jahren zur Musterung nach Klagenfurt fahren musste, hatte ich noch überhaupt keine konkrete Vorstellung wie nun mein bevorstehender Dienst am Staat aussehen sollte. Schon damals entschloss ich mich aber anstelle des Wehrdienstes zur Ableistung eines Zivildienstes. Auf der Berufsinformationsmesse in Salzburg stieß ich dann auf den Infostand des Bundesinnenministeriums und erfuhr dort von der Möglichkeit, den Zivildienst auch in Form eines 14 Monate langen Auslandsdienstes ableisten zu können. Nach einer intensiven inhaltlichen Vorbereitung konnte ich im November 2000 meinen Auslandsdienst am Zentrum für Jüdische Kultur in Krakau, Polen, antreten. Diese Form des Auslandsdienstes heißt Gedenkdienst und setzt sich mit den Opfern des Nationalsozialismus auseinander. Ich arbeitete also für 14 Monate für diese Einrichtung, welche sich mitten im ehemaligen jüdischen Viertel von Krakau, Kazimierz, befindet. In Krakau lebten vor dem Zweiten Weltkrieg über 65.000 Juden, die meisten von ihnen im jüdischen Viertel Kazimierz. Die nationalsozialistischen Deutschen und Österreicher ermordeten praktisch die gesamte jüdische Bevölkerung von Krakau, sodass heute weniger als 200 Juden hier leben. „Wir sind die letzten“ meinte einmal ein Mitglied der kleinen jüdischen Gemeinde in einem persönlichen Gespräch zu mir. Die meisten Juden in Krakau heute sind zwischen 50 und 80 Jahre alt. Mein Arbeitsplatz im Zentrum für Jüdische Kultur befand sich an der Rezeption. Dort betreute ich polnische und internationale Besucher und informierte sie über die Geschichte des jüdischen Viertels und deren furchtbaren Ende durch den Holocaust. Von Zeit zu Zeit führte ich auch Gruppen durch den alten jüdischen Stadtteil, das ehem. nationalsozialistische Juden-Ghetto und das Gelände des ehem. Konzentrationslagers Plaszow, diese Stätten sind der Weltöffentlichkeit zumeist durch den berühmten Film Schindler´s Liste bekannt. Der interessanteste und vor allem wichtigste Teil meiner Arbeit in Krakau war wohl ohne Zweifel die enge Zusammenarbeit mit den noch hier lebenden Zeitzeugen des Holocaust, Bernard Offen und Mike Staner. Herr Staner wurde vom Konzentrationslager Plaszow direkt nach Österreich deportiert, wurde dort im KL Mauthausen interniert, später wurde er in das Nebenlager Linz III gebracht, wo er bis zum Ende des Krieges als Zwangsarbeiter in den Hermann Göring Werken (heute Vöst Alpine Werke) festgehalten wurde. Zur Zeit organisiere ich mit meinen Kollegen Franz Berger und Korbinian Schleicher eine Vortragsreise durch ganz Österreich, in der Mike Staner seine tragische Lebensgeschichte an 60 Schulen erzählen wird. Die Jugendlichen werden dann auch die Möglichkeit haben, Mike Staner Fragen zu seinem bewegenden Leben vor, während und nach dem Holocaust zu stellen. Solltet ihr euch für die Arbeit des Vereins für Dienste im Ausland bzw. für die Ableistung eines alternativen Wehrdienstes im Ausland interessieren, so stehe ich euch gerne unter schlager@auslandsdienst.at zur Verfügung. Richard Schlager Internetseiten: www.auslandsdienst.info oder www.gedenkdienst.de

Projekt Details

  • Datum 10. Dezember 2015
  • Tags Pressearchiv 2002

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