UNIQUE Zeitschrift der ÖH Uni Wien – November 2002 / Vergessene „Gerechte“?

01.11.2002

Projekt Beschreibung

Vergessene „Gerechte“? Diktaturen leben von der Linientreue ihrer Staatsbürger, auch die Diktatur der NSDAP konnte lange auf die Loyalität der meisten ihrer Untertanen bauen. Verfolgte dieser Diktaturen (über)leben dank engagierter, couragierter oder einfach menschlicher RetterInnen, die unter Lebensgefahr Humanität vor Linientreue stellen. Diese sind „Gerechte“. Florian Niederndorfer Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, hat 79 ÖsterreicherInnen mit dem Ehrentitel „Gerechte der Völker“ ausgezeichnet, 79 Menschen, die während der NS-Dikatur, in Eigenregie oder organisiert, verfolgte Jüdinnen und Juden vor dem sicheren Tod gerettet haben. Trotz dieser Ehre haben die „Gerechten“ in der Öffentlichkeit nie die Bekanntheit und den Respekt erfahren, den sie verdient hätten. Oskar Schindler ist dank der Spielberg-Produktion „Schindlers Liste“ der einzige, einer breiteren Öffentlichkeit bekannte „Gerechte“, durch den Erfolg des Films wurde aber wenig Interesse an der Leistung und dem Schicksal der „Gerechten“ wach, der überwiegenden Mehrheit unter ihnen blieb ihre Zivilcourage nach dem Krieg ungedankt. Doch nicht nur das Leben des Oskar Schindler bot Filmstoff, schon 20 Jahre zuvor sorgte die Verfilmung der Biographie eines Mannes für Aufsehen: „Feldwebel Schmid“. Anton Schmid, gebürtiger Wiener, war Feldwebel und Leiter der Versprengten-Sammelstelle der Wehrmacht im besetzten Wilna, als solcher zuständig für Soldaten, welche die Verbindung zu ihrem Truppenteil verloren hatten. Schmid nutzte seinen Einfluß, um „arische“ Papiere für seine jüdischen MitabeiterInnen austellen zu lassen, er versteckte Jüdinnen und Juden in seiner Arbeitsstelle und transportierte über 300 Verfolgte in Wehrmachtslastwägen in weniger bedrohte weissrussische Gebiete. Im Jänner 1942 wurde Schmid verraten, von der Gestapo verhaftet und schließlich im April von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. 1964 beschloß Yad Vashem, Anton Schmid posthum zum Gerechten zu ernennen, in Österreich wurde 1972 der Film „Feldwebel Schmid“ uraufgeführt, 1990 benannte die Stadt Wien eine Wohnhausanlage in der Brigittenau nach Anton Schmid. Auch eine Kaserne trägt heute den Namen des Feldwebel Anton Schmid, bezeichnenderweise nicht in seiner Heimat Wien, sondern in Rendsburg im deutschen Bundesland Schleswig-Holstein. Die Verbrechen der deutschen Wehrmacht sind mittlerweile ausreichend erforscht, um ihre Existenz zu beweisen. Die überwiegende Mehrheit ihrer Soldaten hat es wohl geschafft, den Krieg ohne grobe Verstöße gegen Gewissen und Moral durchzustehen. Einige wenige haben aber „mehr“ gemacht, sie handelten aktiv gegen das mörderische Projekt „Endlösung“. Die 79 ÖsterreicherInnen als „Gerechte“ sind im Vergleich zu den Millionen Soldaten und Opfern der NS-Dikatur eine verschwindend kleine Gruppe. Offensichtlich zu klein, um sich ihrer vonseiten der Politik anzunehmen und ihnen späten Respekt zu erweisen. Informationen unter: www.auslandsdienst.at www.hrb.at/bzt www.yad-vashem.org.il

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2002

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