Streit um Hitlers Geburtshaus – Gelber Kasten, braune Lasten, Der Spiegel

09.04.2016

Projekt Beschreibung

Streit um Hitlers Geburtshaus Gelber Kasten, braune Lasten

Außen oll, innen leer – und trotzdem streitet ganz Österreich über dieses Haus: In Braunau kam Adolf Hitler zur Welt, für die Stadt ist das eine schwere Bürde. Jetzt greift die Regierung durch.

Aus Braunau am Inn berichtet

imago/Arkivi
Samstag, 09.04.2016   12:45 Uhr
Wenig Zeit? Am Textende gibt’s eine Zusammenfassung.
Dreigeschossiger Altbau in zentraler Lage, ringsherum Boutiquen und Reformhäuser, zum Fluss und dem mittelalterlichen Stadtplatz mit seinen Giebelhäusern sinds nur ein paar Minuten zu Fuß: In Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Eimsbüttel hätten längst bärtige Start-up-Gründer und trendbewusste Kleinfamilien dieses Eckhaus bezogen.
Aber das Gebäude in der Salzburger Vorstadt 15, Ecke Schmiedgasse, liegt eben in keinem In-Viertel, sondern im sogenannten Inn-Viertel, genauer: im österreichischen Braunau. Und das ist vor allem wegen eines Ereignisses im April 1889 in eben jenem Haus weltbekannt – der Geburt Adolf Hitlers, Zollbeamten-Sohn und Jahre später Diktator.
Braunau ist seitdem Geburtsort des personifizierten Bösen, und das Haus in der Salzburger Vorstadt ist ein Streitobjekt. Wie lässt sich das Gebäude angemessen nutzen, in dem der Tyrann das Licht der Welt erblickte? Nach Antworten auf diese Fragen suchen sie seit Jahren in der Kleinstadt, in der Region, in ganz Österreich. Nun hat der Mieter des Baus – das Innenministerium – eine Entscheidung gefällt.
Das seit fünf Jahren leerstehende Haus soll enteignet werden, so sieht es ein Gesetzentwurf aus dem Innenministerium vor. Die faktische Verstaatlichung soll demnach die „Pflege, Förderung oder Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts“ unterbinden – was auf anderem Wege nicht mehr möglich gewesen sei, wie ein Ministeriumssprecher sagt. Bis Ende Juni soll das Gesetz in Kraft treten, bis dahin soll eine Expertenkommission Vorschläge für die künftige Nutzung entwickeln. Schon vor mehr als einem Jahr hatte das Ministerium der Eigentümerin Gerlinde Pommer-Angloher mit diesem Schritt gedroht, sollte sie nicht kooperativer mit ihren Mietern umgehen. Pommer-Angloher ihrerseits versuchte, den Mietvertrag mit dem Staat zu kündigen – allerdings vergeblich. Jetzt zeigt sich, wer in dem Streit am längeren Hebel sitzt. Die Geschichte könnte hier enden, aber sie beginnt gerade wohl erst richtig.
Einige Wochen zuvor, an der Bushaltestelle „Salzburger Vorstadt“ in Braunau. Vor dem Hitlerhaus, wie sie den gelb getünchten Klotz hier nennen, diskutiert an diesem kühlen Frühjahrstag Consuela De Lago mit Andreas Maislinger – ein freundlicher Herr mit grauen Locken und grüner Steppjacke.
Video: Andreas Maislinger über Hitlers Geburtshaus
SPIEGEL ONLINE

Vor drei Monaten hat die blonde Frau ihr Modegeschäft direkt neben dem berühmten Gebäude eröffnet, seitdem ist Hitler Teil ihres Alltags. „Ständig kommen Leute und fragen nach dem Hitlerhaus“, sagt sie, „manche parken aus Scham vor dem Geschäft und fotografieren dann heimlich aus dem Auto.“ Wer gibt schon zu, wegen Hitler zu kommen? Maislinger kommt aus dem Braunauer Umland. Seit Jahren kämpft der Politologe dafür, aus dem berühmtesten Haus der Stadt eine Jugendbegegnungsstätte zu machen. „Haus der Verantwortung“ nennt der 60-Jährige sein Konzept, das alle drei Etagen umfasst: Im Erdgeschoss sollen Jugendliche über Verantwortung für die Vergangenheit diskutieren, im ersten Stock die Wirren der Gegenwart besprechen, unterm Dach die Zukunft planen. De Lago findet die Idee gut. Schließlich wolle jeder in der Stadt, „dass mit dem Haus endlich was passiert“. Tatsächlich haben auf Maislingers Facebook-Seite schon etliche Unterstützer ihre Solidarität bekundet, wenn auch kaum Braunauer: der Hollywood-Produzent Branko Lustig, Politiker und Künstler aus Deutschland, Wissenschaftler aus Wien, Salzburg, Innsbruck. Mehr als 3700 Likes hat das „Haus der Verantwortung“ erhalten – aber es gibt da einen Haken: Die Idee ist schon 15 Jahre alt und noch immer weit davon entfernt, umgesetzt zu werden. Kommt jetzt Maislingers große Chance? Bislang hatte er vergebens für sein Projekt getrommelt: Seit den Fünfzigerjahren waren eine Bücherei, eine Bankfiliale und eine Schule in dem umstrittenen Bau einquartiert, 1972 mietete ihn das Innenministerium und ließ fünf Jahre später eine Tagesstätte für Behinderte einziehen. Ein Schritt mit Symbolkraft: benachteiligte Menschen ausgerechnet im Geburtshaus des Mannes, der ihresgleichen töten und Herrenmenschen züchten wollte. Doch als 2011 der Betreiberverein „Lebenshilfe“ behindertengerechte Umbauten plante, lehnte Hauseigentümerin Pommer-Angloher dies ab. So suchte sich die Sozialeinrichtung eine neue Bleibe, und Maislinger witterte erstmals die Chance für sein „Haus der Verantwortung“. Doch er wurde enttäuscht. Denn Pommer-Angloher will offenbar keine Nutzung im historischen Kontext, eine schlichte Gedenktafel verhinderte sie sogar vor Gericht. Auch Kaufangebote des Innenministeriums wies die Rentnerin bislang zurück, die Miete aber kassiert sie weiterhin. Das Ministerium zahlt brav, um die Kontrolle über das politisch heikle Bauwerk zu behalten. Zu einem hohen Preis: Rund 5000 Euro werden monatlich fällig, in den vergangenen fünf Jahren investierte Österreich also rund 300.000 Euro für eine Immobilie mit vergitterten Fenstern, dunklen Nässeflecken und dem Ruf, die Geburtsstätte des „Führers“ zu sein. Dabei hat das Gebäude nur wenig mit dem Diktator zu tun. Hitler lebte mit seinen Eltern nur drei Jahre lang in Braunau, und schon wenige Monate nach seiner Geburt zog die Familie in ein Haus nahe des Inn um. Ihren dritten Sohn hatte Klara Hitler, soweit bekannt, am 20. April 1889 im zweiten Stock jenes Hauses zur Welt gebracht, in dessen Erdgeschoss Helene und Franz Dafner eine Gaststätte betrieben. 1912 übernahm Josef Pommer das Wirtshaus, in dem sich die Braunauer nun jahrelang zu Bier und Wein trafen – bis ein Mann namens Martin Bormann in der Stadt auftauchte. Hitlers Privatsekretär drängte die Eigentümer nach der deutschen Annexion Österreichs zum Verkauf des Eckhauses für 150.000 Reichsmark, ließ es sanieren und zum Kulturzentrum mit Volksbücherei ausbauen. Die Initialen „MB“ am Eingangsportal verweisen bis heute auf Bormann, aber spätestens seit Hitlers Besuch in Braunau 1938 ist der Bau untrennbar mit dem Despoten verbunden – auch, nachdem ein Gericht das Gebäude 1952 wieder der Familie Pommer zusprach. Die hat das Haus mit der jetzt bevorstehenden Enteignung erneut an den Staat verloren, eine für Österreich nicht gerade schmeichelhafte historische Parallele. „Davor muss Braunau doch keine Angst haben“ So weit hätte es nie kommen müssen, denn Ideen für das Haus gab es zuhauf. Im Februar 2000 plante der Braunauer Gemeinderat eine Versöhnungsstätte in dem Gebäude, wenig später warb Maislinger für sein „Haus der Verantwortung“. Andere Pläne waren drastischer: 2012 entfesselte Braunaus Bürgermeister Johannes Waidbacher einen Proteststurm mit dem Vorschlag, das Gebäude zum gewöhnlichen Wohnhaus umzufunktionieren. Fast zeitgleich kündigte ein Parteifreund des russischen Kremlchefs Putin an, es kaufen und abzureißen zu wollen – was aber schon daran gescheitert wäre, dass das Gebäudeensemble aus dem 17. Jahrhundert unter Denkmalschutz steht. All diese Ideen blieben Ideen, zuletzt wollte die Stadt eine Volkshochschule und den Sozialverein „Volkshilfe“ in dem Haus unterbringen. Passiert ist auch in diesem Fall: nichts. Aus dem Rathaus hieß es auf Anfrage zu Jahresbeginn lediglich, Bürgermeister Waidbacher sei zuversichtlich, „für das Haus eine angemessene und langfristige Nutzung zu finden“. Jetzt endlich könnte das wirklich gelingen, wäre da nicht diese Angst. Die Angst vor Hitler-Pilgern. Die nämlich will die Stadt unbedingt fernhalten. So erinnert vor dem Haus zwar ein Gedenkstein an die Opfer des Holocaust, aber den Namen Hitler suchen Interessierte vergeblich. Und die Geschichte des umstrittenen Hauses wird zwar auf einer Stele skizziert, aber die steht in 250 Metern Entfernung auf dem Stadtplatz.
„Unfassbar“, sagt Maislinger, „dass dieses Haus noch immer ein Tabu ist.“ Er plädiert für einen unverkrampften Umgang damit, schließlich sei der Bau weder ein Tatort wie die NS-Vernichtungslager noch ein Täterort wie das Braune Haus in München. „Hier ist ja nur der Obertäter zur Welt gekommen“, sagt Maislinger, „davor muss Braunau doch keine Angst haben.“ Aber offenbar verströmt das Hitlerhaus etwas, das der Politologe „seltsame Magie“ nennt. Und so wird die braune Vergangenheit des gelben Hauses Österreich wohl noch eine Weile plagen, trotz der nun bevorstehenden Enteignung. Dabei hätten ausgerechnet deutsche Soldaten all dies verhindern können. Am 2. Mai 1945, eine Woche vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, rückte ein Stoßtrupp der Wehrmacht in das von Amerikanern befreite Braunau vor. Ihre Mission: das „Geburtshaus des Führers“ in die Luft sprengen. Weit kamen die Männer allerdings nicht – US-Soldaten schlugen die Einheit zurück. Zusammengefasst: Österreich will die Besitzerin eines mehrstöckigen Hauses in Braunau am Inn enteignen. In dem Gebäude wurde 1889 Adolf Hitler geboren; heute steht es leer und wird oft von Anhängern des NS-Diktators besucht. Um diese Art von Tourismus zu stoppen, soll das Haus einer neuen Nutzung zugeführt werden. Welcher, ist allerdings noch offen.

Projekt Details

  • Datum 30. November 2016
  • Tags Pressearchiv 2016
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