SPÖ kämpft um das Monopol auf Vergangenheitsbewältigung, ZurZeit

30.10.1997

Projekt Beschreibung

Gedenkdienst: Streit um Vereinsführung und Finanzierung

SPÖ kämpft um das Monopol auf Vergangenheitsbewältigung

Der Verein „Gedenkdienst“ ist in das politische Gerangel gekommen. Ein aufgesetzter Streit lahmt seither die Aktivitäten

  Der 1992 vom oberösterreichischen, in Innsbruck lebenden Historiker Andreas Maislinger gegründete Gedenkdienst für österreichische Zivildiener an Holocaust-Gedenkstätten ist auf den ersten Blick eine Vergangenheitsbewältigungs-Pflichtübung der Betroffenheitsgesellschaft wie andere auch. Bei näherer Analyse allerdings zeigt sich, daß hier nicht der übliche, einigermaßen verlogene antifaschistische Ansatz dahintersteht, sondern der Gedanke, die Opfertheorie, wonach sich Österreich aus seiner Verantwortung für die deutsche Geschichte nach 1945 hinausgestohlen hat, zu relativieren. Wenn man davon ausgeht, daß Österreich wesentlichen Anteil an dieser Geschichte hat, an ihren Höhen, aber auch an ihren Tiefen, dann gewinnt ein Gedenken an Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, eine neue Dimension. Seit 1992 haben ganze 41 Gedenkdiener an allen “ wichtigen Holocaust-Gedenkstätten gearbeitet. Der von Maislinger gegründete Verein mit etwa 50 Mitgliedern hat es geschafft, auch eine gesetzliche Grundlage zu erreichen, wonach nämlich für 14 Monate Gedenkdienst 148.000,- Schilling an den Zivildiener ausbezahlt werden, der damit seinerseits teilweise das Gesamtprojekt unterstützt. Trotz permanenter Finanzschwierigkeiten während des fünfjährigen Bestehens des Gedenkdienstes hat sich indessen herausgestellt, daß dieser ein hochkarätiges Instrument ist, um im Ausland Stimmung für – oder auch gegen – Österreich zu machen. Dies erklärt auch, warum in jüngster Zeit zunehmend versucht wird, auf den Gedenkdienst Einfluß zu nehmen. In einer, laut Maislinger, statutenwidrigen Versammlung versuchte man dem Gründer des Vereines die Fäden aus der Hand zu nehmen. Ein 26jähri-ger Student, der angeblich an der langen Leine von Nationalratspräsident Heinz Fischer läuft, wurde zum Obmann gewählt. Da nun der Verein zwei einander nicht anerkennende Chefs hat, sind die Konten gegenwärtig gesperrt und die ganze Arbeit blockiert. Maislinger dürfte nicht zuletzt deshalb ins Visier der Sozialdemokraten gekommen sein, da er, der landläufig auch eher „Linker“ eingeordnet wurde, in den letzten Jahren niemals Berührungsängste gegenüber anderen politischen Bereichen hat. So hat er Anfang der 90er Jahre in einem im Ullstein-Verlag erschienenen Sammelband „Beiträge zur Historisierung des Nationalsozialismus“ gemeinsam mit dem als neurechten Historiker geltenden Rainer Zitel-mann publiziert, und dabei Dinge gesagt, die insbesondere im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes auf massives Mißfallen gestoßen sind. Unorthodoxe politische Denker und Wanderer zwischen den ideologischen, parteipolitischen Grenzen laufen in Österreich eben allzu leicht Gefahr, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Ob Maislinger letztlich anhand der Frage der Finanzierung, die eben über das Innenministerium für den Gedenkdienst läuft – wohl auf Veranlassung von Heinz Fischer höchstpersönlich -scheitert, wird sich weisen. Wer Österreich kennt, dürfte sich darüber kaum wundem.

Projekt Details

  • Datum 27. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1997

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