Schützengraben an der Gracht, Algemeen Dagblad, 10.11.1992

10.11.1992

Projekt Beschreibung

Schützengraben an der Gracht

von Peter Lagerweij

Amsterdam. Beim Gymnasiasten Stephan Schirl (18) aus dem niedlichen österreichischen Dorf Offenhausen werden in seinen Erinnerungen an seine Dienstzeit keine Bilder von Kasernen und zügigen Schützengräben in den Alpen auftauchen. Schirl, Kind einer niederländischen Mutter und eines österreichischen Vaters, arbeitet schon seit vier Wochen als Dienstpflichtiger in einem historischen Amsterdamer Grachtenhaus. Seit eine Gesetzesänderung in Österreich es ermöglicht, sind Schirl und einige andere Dienstpflichtige, bei Einrichtungen im Ausland plaziert, die sich mit dem Gedenken an den Holocaust beschäftigen. Schirl ist der erste Österreicher, der diesen alternativen Dienst bei der Anne frank Stiftung in den Niederlanden erfüllt. Vor einigen Jahren wurde dem Enkel des österreichischen Kriegsverbrechers Seyss-Inquart noch von der Stiftung die Mitarbeit verweigert, will sein Name in den Niederlanden zu „belastet“ war. Das kommen von Schirl ist laut Koordinator C. Suijk ein “ Höhepunkt“ für die Anne Frank Stiftung. „Es paßt ganz genau in unsere Botschaft, daß man nicht alle Menschen einer bestimmten Nationalität über einen Kamm scheren darf“, erklärte er gestern in Amsterdam.   Bequemlichkeit Stephan Schirl, ein großer – gut Niederländisch sprechender – junger Mann, der nach Amsterdamer Gewohnheit mit dem Fahrrad unterwegs ist, sieht seinen Dienst als eine seriöse Angelegenheit. Lächelnde Bemerkungen von Gleichaltrigen über das berühmt-berüchtigte Nachtleben ließ er an sich abgleiten. „Es gab in der Tat ein paar zynische Bemerkungen, man darf jedoch nicht vergessen, daß dieser Dienst vier Monate länger dauert als der normale. Das wurde speziell deswegen so eingerichtet, um zu erreichen, daß niemand ihn aus Bequemlichkeit macht. Und man braucht auch ein Jahr, um diese Arbeit – ich helfe bei der Organisation einer Ausstellungen – gut erfüllen zu können.“ Angesicht dessen. Daß er 1974 geboren wurde, fühlt Schirl sich nicht an der österreichischen Kriegsvergangenheit schuldig. Auch seiner Familie ist, was das betrifft nicht viel vorzuwerfen. „Mein Opa war Soldat in der Wehrmacht, tauchte jedoch nach einem Fronturlaub die letzten zwei Monate auf dem Bauernhof unter. Ich wollte etwas tun, um zu verhindern, daß sich so etwas wiederholt, doch man kann mich sicher nicht einen antifaschistischen Aktivisten nennen. Bei uns im Dorf treffen sich alljährlich Rechtsradikale. Ich habe zwar begonnen, mich und andere zu informieren, was hier vor sich geht, bin jedoch nie gewaltsam dagegen vorgegangen. Damals erfuhr ich auch, daß man seinen Dienst auf diese Art und Weise erfüllen kann.“   Kleine Geste Daß Schirl nach Amsterdam kommt ist eine Folge des Umdenkens in Österreich, wo bis zur Waldheimaffäre im Jahr 1986 die Nazivergangenheit stets verschwiegen wurde. Der Politologe Andreas Maislinger, treibende Kraft hinter diesen alternativen Dienstpflicht, gibt zu, daß die Österreicher diesen Schritt ziemlich spät setzen und das es sich nur um eine kleine Geste handelt. „Wir sahen uns vor allem als nette Menschen mit den Bergen und der Musik, zu denen die Niederländer jedes Jahr Schifahren kommen“, so der Österreicher. „Das ist natürlich eine kindliche Vorstellung der Angelegenheit. Man sah sich selbst als Opfer des Krieges und vergaß, daß unter der Bevölkerung auch Täter waren. Seit der Waldheimaffäre sind wir jedoch überall der Buhmann, was auch nicht stimmt. Wir plädieren für ein nuanciertes Bild.“   Fußnote Maislinger kämpft seit 15 Jahren dafür, um diese Art der Dienstpflichterfüllung – wie sie wie sie in ähnlicher Form in Deutschland schon lange möglich ist – durchzusetzen. Schlußendlich wurde es als eine Art Fußnote im Laufe der Veränderung des Zivildienstgesetzes mitbeschlossen. „Wäre es separat behandelt worden, wäre es wahrscheinlich nicht durchgekommen“, fürchtet Maislinger, der durchscheinen läßt, daß die Unterstützung alles andere als massenhaft war. „Doch stehen die meisten österreichischen Politiker zu dieser Initiative. Einer von ihnen sagte, daß er froh darüber sei, weil er nun wenigstens etwas habe, mit dem er Kritiker zurückweisen könne, wenn sie auf den Rechtsradikalismus in Österreich hinweisen.“ Laut Gesetz muß ein bestimmter Teil des Gedenkdienstes aus körperlicher Arbeit bestehen. Dafür hat Stephan Schirl in Amsterdam eine kreative Lösung gefunden. „Ich sitze zwar hauptsächlich im Büro, doch hin und wieder muß ich auch etwas mit dem Fahrrad transportieren. Das ist dann körperliche Arbeit. Und letztens habe ich auch nach Amsterdamer Manier einen Kasten hochgezogen.“ (Weil in Amsterdam die Stiegen zu steil und zu eng sind, um Möbel in die oberen Stockwerke zu transportieren, werden die Möbel an der Vorderseite des Hauses mit einem Seilzug hochgezogen. Anm. des Übersetzers)
Organisation:

Projekt Details

  • Datum 8. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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