„Psychologisch ist das jederzeit möglich“, OOE Journal, 14.03.2008

14.03.2008

Projekt Beschreibung

Der Braunauer Historiker Andreas Maislinger über die Bedeutung des März 1938: „Psychologisch ist das jederzeit möglich“ die nazi-Zeit werde politisch instrumentalisiert, kritisiert Andreas Maislinger. Unter geschichte könne man kei- nen Schlussstrich ziehen. ÖSTERREICH: Was bedeutet der 12. März 1938 heute? AndREAS MAISlIngER: Ich sehe mit Verwunderung, dass die Geschichte instrumentali- siert wird, um politische Gegner anzugreifen. Da wä- re mehr Reife notwendig. ÖSTERREICH: Inwiefern? MAISlIngER: Man muss sich die Etappen der Aufarbei- tung anschauen. Wer hat den Opfermythos aufrecht- erhalten? Ich wollte Anfang der 1980er-Jahre Zivildienst in Auschwitz machen, weil ich mich als Österreicher verantwortlich gefühlt ha- be. Das wurde breit abge- lehnt, weil der Opfermythos Common Sense war bis weit hinein ins linke Milieu. Man muss sich also nicht nur 1938, sondern auch die Jahr- zehnte danach anschauen. ÖSTERREICH: Verstehen Sie, dass laut Umfrage 71 Prozent einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung ziehen wollen? MAISlIngER: Natürlich kann ein medialer Overkill ner- ven. Das war bei Kampusch so, und das wird bei der Fuß- ball-EM so sein. Aber: Unter Geschichte kann man kei- nen Schlussstrich ziehen. Es wird noch in 1.000 Jahren Bücher über Hitler geben. Ohne Geschichte keine Kul- tur. Wir müssen beides seh- en: Hitler und Mozart. ÖSTERREICH: Die 68er-Gene- ration hat gegen ihre Väter rebelliert – welchen Zugang hat die neue Generation zur Nazi-Zeit? MAISlIngER: Das Hauptmotiv der 68er – die Anklage – gibt es nicht mehr. Ein 18-Jäh- riger hat nicht das Bedürf- nis, seinem Großvater die Nazi-Zeit vorzuwerfen. Jetzt geht es um die Sache, sprich: die überlebenden Opfer. ÖSTERREICH: Stichwort „Die Welle“: Wären die Menschen heute noch empfänglich für autoritäre Systeme? MAISlIngER: Sicher! Psychologisch ist das jederzeit mög- lich. Man hat aber in Europa Instrumentarien gefunden, die so etwas verhindern würden. Es stimmt nicht, dass wir aus der Geschichte nichts lernen.    (ort) Andreas Maislinger, Leiter der Braunauer Zeitgeschichtetage. Thomas Leitner

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2008

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