Porträt: Wehrdienstverweigerer Andreas Maislinger lebt alternativen Friedensdienst vor – Einsam unter Friedensengeln, profil Nr. 28

12.07.1982

Projekt Beschreibung

Einsam unter Friedensengeln

von JOANA RADZYNER

Zunächst wirkt er schüchtern – eingekeilt zwischen braven Vertretern von Ost und West, Bundesheer und Friedensbewegung. Doch allmählich wurden die Zwischenfragen des nur 27jährigen Salzburgers unbequemer, seine Kritik an der selbstgefälligen Darstellung Österreichs schärfer. Zur österreichischen Friedensbewegung hat der blondgelockte Bart- und Brillenträger nur einen Satz zu sagen: „Man will sie in der SPÖ nicht, man will sie im Rathaus nicht.“ Thema des Club 2: „Friedensbewegung hinter dem Eisernen Vorhang“. Eigentlich fühlt sich Andreas Maislinger unwohl dabei, im Club als „Friedensforscher“ aufgetreten zu sein. Strenggenommen sei er ja in Fragen der Verteidigungspolitik Experte. Wenn er spricht, vergißt man die eingezogenen, schmalen Schultern, den schüchtern eckigen Gang, die verkrampften Bewegungen. Er weiß das: „…aber auch das Sprechen fällt mir erst seit kurzem leicht, seitdem ich mich stelle.“ Seinen ersten Schritt zur Selbstfindung setzte der Sohn eines Müllerarbeiters aus St. Georgen bei Salzburg mit einer defensiven Haltung: Der damals 19jährige verweigerte den Wehrdienst. Die Motive klingen zunächst trivial: Der Vater schwieg, wenn am Biertisch in Mutters Gastwirtschaft die Freunde ihre Heldentaten aus der Wehrmacht zum besten gaben. Die Mädchen, so stand es zu fürchten, würden einen kurzgeschorenen Präsenzdiener kaum beachten. Die Kommission offerierte Maislinger Bedenkzeit bis zum Abschluß des Studiums: „Ich fühlte mich als Held.“ Das Heldentum auch verpflichtet, der Sprung aus dem Mittelmaß, aus dem verhaßten Selbstbildnis des Feiglings Folgen hätte, erkannte er rasch. Schon nach der ersten Staatsprüfung gab er das „verblödende“ Jusstudium auf, das die Eltern ihm nahegelegt hatten, löste abgestandene CV-Kontakte auf und versuchte sich bei der „Gruppe Revolutionärer Marxisten“ (GRM), weil der „marxistische Jargon“ ihm imponierte. Nicht lange. Bis er dann zur SP ging, dauerte es: „Da gab es noch zusätzliche Berührungsängste“, weil der Vater, obzwar Arbeiter, ÖVPler und Sozialistenhasser sei. Ein Versuch, durch eine Frau „aus besserem Hause“ den alten Traum des Arbeiterkindes zu verwirklichen, scheiterte: „In ihren Kreisen fühlte ich mich kläglich.“ Allerdings brach die Zeit der „wahren“ Erfahrungen für ihn erst mit dem Studium der Geschichte, der Philosophie und der Politikwissenschaft richtig an. Genauer gesagt mit den vielen Reisen, die er dank häufiger Auslandsstipendien und der finanziellen Unterstützung der Eltern unternahm: An verschiedensten Universitäten – in Oslo und Lublin, in Warschau, Ost- und West-Berlin – knüpfte er Kontakte zu Friedensdurstigen wie ihn. Und stieß in West-Berlin schließlich auf die „Aktion Sühnezeichen„, eine Vereinigung junger deutscher Christen, die gleichsam ersatzhalber die nur schwach vorhandenen Schuldgefühle ihrer Eltern für sich in Anspruch nahmen und mit ihnen leben lernten. Zum Programm gehört auch ein freiwilliger Bußedienst in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Maislinger griff die Idee auf: „Verweigern genügt nicht mehr.“ Anders als der Zivildienst in Österreich, den Maislinger als reinen Sozialdienst, wenn nicht Verteidigungsdienst nach Schweizer Muster begreift, entsprach dieser Einsatz seiner Vorstellung von einem alternativen Friedensdienst. Denn Vergangenheitsbewältigung sei für ihn eine Grundvoraussetzung des Friedens. „Diese Zeit ist der wichtigste Einschnitt meines Lebens“, kommentiert Maislinger heute seinen achtmonatigen Aufenthalt im ehemaligen Konzentrationslager: Die häufigen Gespräche mit Häftlingen von damals, die anregenden Diskussionen mit polnischen und westdeutschen Jugendlichen bei den Führungen durch Gaskammern und Baracken, die Aufarbeitung historischer Dokumente aus der Nazizeit -, aber auch das symbolische „Grasauszupfen“ auf dem KZ-Areal hätten sein Welt- und Geschichtsbild grundlegend verändert. Seines Wissens ist er übrigens der einzige Österreicher, der in Auschwitz diente. „Schade“, es sei an der Zeit, aufzuräumen mit dem Mythos Österreichs als dem ersten Opfer des Hitler-Faschismus. Insbesondere an den heimischen Schulen. Zurück in Österreich, suchte Maislinger beim Innenministerium um die Anerkennung seines Einsatzes in Auschwitz als Wehrersatzdienst an. Ohne Erfolg. Als das Ministerium ihm dann über einen Zivildienst beim „Internationalen Versöhnungsbund“ anbot, willigte Maislinger ein. Da sich die Behörden kompromißbereit gezeigt hatten, wollte er nicht als Drückeberger erscheinen. Zivildiener seit Februar, macht er Büroarbeiten beim österreichischen Zweig dieser christlichen Friedensorganisation in der Wiener Schottengasse, verfaßt Artikel, hält Vorträge. Zentrales Thema: „Wie kann sich Österreich nichtmilitärisch verteidigen?“ Anknüpfungspunkte boten ihm seine Doktorarbeit über „Probleme der österreichischen Verteidigungspolitik“ sowie die intensive Beschäftigung mit den Thesen Johan Galtungs zu einer „assoziativen Friedenspolitik“. Durch gegenseitige Kontakte und wechselseitige Durchdringung, so der norwegische Friedensforscher, würden verschiedene soziale Systeme allmählich auf bewaffnete Verteidigung verzichten können. Attraktiv findet Maislinger die Konzeption der „Sozialen Verteidigung“, die den gewaltfreien Widerstand als wichtiges Mittel der Verteidigungspolitik begreift und seit 1945 unter Friedensforschern diskutiert wird. Attraktiv insbesondere für Österreich, weil dieses als „Neutraler die größten Chancen für eine Umrüstung auf Soziale Verteidigung“ biete. Was der junge Maislinger darunter versteht, ist zunächst nur ein größeres Engagement seines Landes in die Friedensbewegung in Ost und West. Könne Wien nicht zur Metropole des Dialogs zwischen Christen und Marxisten werden? Von einer Abschaffung des Bundesheeres, einer Forderung vieler Friedensjünger, hält Maislinger indes nicht viel: „Ich will keine Wolkenkuckucksnester bauen.“ Womit er innerhalb der österreichischen Friedensbewegung schon als Außenseiter gilt. Wie ein Freund formuliert: „Der Maislinger ist eine eigene Organisation.“ Zu begründen weiß Andreas nur das eigene Unbehagen: Zunächst tendiere die Friedensbewegung immer stärker zu einer Politik der Zugeständnisse, „um den Mythos ihrer Einheit zu bewahren“. Auch stelle er oft Einseitigkeit und Dogmatismus fest – bei der „Unabhängigen Friedensinitiative“ etwa. „Da werden die Israelis zu Neonazis gestempelt, da wird von einem neuen Holocaust gesprochen. Als ob die PLÖ-Leute Lämmer wären.“ Ebenso „suspekt“ seien ihm die Angebote eines Gaddafi, die westliche Friedensbewegung zumindest finanziell zu unterstützen. Identifizieren kann sich Maislinger mittlerweile nur mehr mit der West-Berliner „Arbeitsgemeinschaft Atomwaffenfreies Europa“ oder mit der britischen Organisation „European Nuclear Desarmament“ (END) mit ähnlicher Stoßrichtung. Federführend hier linke Sozialdemokraten à la Tony Benn. Die jüngste END-Tagung habe es bestätigt: „Da zählt die offene Diskussion.“ Vom Journalismus hält ihn ungenügendes Sozialprestige ab – „und von solchen Überlegungen bin ich nicht frei“. Womit die Entscheidung gefallen ist. Ab kommenden Herbst arbeitet Maislinger am Institut für Politikwissenschaft der Innsbrucker Universität – bei seinem Dissertationsvater Anton Pelinka. Die nächste Zukunft ist schon verplant: „Ich will mich jetzt anderen österreichischen Problemen zuwenden – der Ausländerfeindlichkeit und dem Neonazismus.“ Leserbrief: Andreas Maislinger

Projekt Details

  • Datum 7. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 1979 - 1990

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