Perspektive von Geschichte, Plattform Colloquium, April 2003

08.04.2003

Projekt Beschreibung

Plattform Colloquium Nr. 8 / April 2003 Aktuell Perspektive von Geschichte Als Zeuge Jehovas Gedenkdiener bei der Shoah Foundation Von Reinhard Hannesschläger Zwischen Juli 1999 und September 2000 arbeitete ich als Gedenkdiener bei der Shoah Visual History Foundation. Auch mehr als 2 Jahre danach bin ich noch tief beeindruckt von den Erlebnissen.Viele der Mitarbeiter der Foundation sind selbst Zeitzeugen des Holocaust und verdanken ihr Überleben einer Reihe von glücklichen Zufällen. Eine Frau wurde als Kind bei Fremden versteckt, ein anderer kam als Jugendlicher ins KZ und entkam durch sein Spiel mit der Mundharmonika der Ermordung. Ein Dritter wurde durch sowjetische Deportation vor den Nazis „gerettet“ und kämpfte später in der Roten Armee und in Palästina. Jahrzehnte nach dem Ende des Albtraums saßen wir in der Mittagspause gemeinsam auf einer Terrasse und erzählen einander unsere Lebensgeschichten. Das Archiv der Shoah Foundation An Fakten gibt es wohl nicht mehr viel Neues, das die Holocaust-Forschung heute noch zu Tage fördern könnte, doch das Ziel von Projekten wie jenem der Shoah Foundation ist ohnehin ein anderes: Es geht um das Kennenlernen der Geschichte aus der Perspektive des Betroffenen. Der Nutzen solcher Projekte besteht in der überlegenen Vermittlungsqualität, die Augenzeugenberichte – auf der Basis wissenschaftlicher Dokumentation – besitzen. So mündete die Arbeit während meines Gedenkdienstes auch für mich zwei Mal in einer intensiven Auseinandersetzung mit meiner ureigenen Sicht der Dinge. Um das Zeugnis der oben genannten und vieler anderer Überlebender des Holocaust zu bewahren, hat die Foundation seit 1994 über 50.000 ausführliche Interviews (durchschnittliche Dauer ca. 2 Stunden) mit Zeitzeugen unterschiedlichster Herkunft – darunter über 70 Zeugen Jehovas – geführt. Obwohl es zahlreiche andere so genannte Oral-History-Projekte gibt, ist die Sammlung der Shoah Foundation einzigartig in ihrem Umfang, ihrer Vielfalt und in der Art und Weise, wie das Material auf- bereitet wird. Bei der Katalogisierung der Interviews wird jede Interviewsequenz mit eigens zu entwickelnden Schlüsselworten (z.B. „Zwangsarbeit“ und „Steyr-Daimler-Puch“) verbunden. Der Anwender der fertigen Datenbank kann dann anhand dieser Schlüsselworte Interviewsequenzen herausfiltern und ansehen. Identitätsfrage 1: Wie „österreichisch“ bin ich eigentlich? Wenn ich mich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust auseinandersetzte, so tat ich das stets als Zeuge Jehovas. Das Schicksal meiner Glaubensbrüder stand für mich im Vorder- grund. Sowohl ich selbst als auch meine Umwelt in Österreich nahmen mich als jemanden wahr, der (rein theoretisch) damals das Schicksal der Verfolgten geteilt hätte. In der amerikanischen Umgebung wurde mir von Anfang an die Etikette des Österreichers angeheftet. Man kennt ja diese „Sound-of-Music-Schwärmereien“.Vor allem für viele Kollegen bei der Foundation bedeutete das aber auch, dass ich von dort kam, wo sie oder ihre Verwandten damals verfolgt wurden und wo viele Menschen nach wie vor – gelinde gesagt – etwas seltsame Ansichten über Juden haben. Während ich mit dieser Etikettierung zu Beginn nicht viel anzufangen wusste, wurde mir im Laufe der Zeit bewusst, dass ich viel tiefer durch meine österreichische Herkunft geprägt bin, als ich vor meiner Zeit in den USA geahnt hatte. Denn die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust löste bei mir oft ganz andere Gefühle aus als bei den amerikanischen Kollegen. Besonders für diejenigen, deren Familienangehörige selbst betroffen waren, konnte das Katalogisieren der Interviews aufgrund ihrer starken Identifikation mit den Opfern sehr belastend sein. Für mich war es hingegen auf die Dauer aus einem ganz anderen Grund gar nicht leicht, mit diesem Material zu arbeiten.Wenn in den Interviews immer wieder von den zahlreichen Lagern im heutigen Oberösterreich und dem Todesmarsch von Mauthausen nach Gunskirchen die Rede war, wurde mir plötzlich bewusst, wie nahe ich all dem aufgrund meiner Herkunft eigentlich stehe. Als Zeuge Jehovas war ich in einem Umfeld groß geworden, in dem ich mir über die Täterseite des Holocaust wenig Gedanken gemacht hatte. Nun stellte sich mir plötzlich viel deutlicher als jemals zuvor die Frage, welche Stellung die vielen Menschen der älteren Generation, die ich in Österreich kannte und an denen mir lag, wohl damals bezogen. Sahen auch sie die Massen an ausgemergelten Menschen vorbeiziehen? Wie haben oder hätten sie reagiert? Hätten sie versucht ihnen ein Stück Brot zuzustecken? Oder hätten sie bei sich gedacht, dass diesen Juden nur recht geschah? Anders als früher schämte ich mich nun der österreichischen NS-Nostalgiker und Fremdenfeinde und empfand eine gewisse Gemeinschaftsverantwortung als Österreicher und nicht mehr lediglich als Zeuge Jehovas. Trotz meiner unpatriotischen Prägung konnte ich mich diesen Gefühlen nicht entziehen. Das „Kontrastmittel“ der amerikanischen Umgebung ließ sichtbar werden, was mir bis dahin verborgen geblieben war. Ähnlich verhält es sich mit einem anderen Aspekt, nämlich der ethischen Rechtfertigung von Wehrdienstverweigerung. Identitätsfrage 2: „Gerechter Krieg“ und Holocaust Wehrdienstverweigerung stellte für mich lange Zeit eine moralisch unantastbare Tugend dar. Wohl verstand ich den Standpunkt anderer, doch war ich immer der Meinung, dass durch universalethische Prinzipien, wie etwa den kategorischen Imperativ in der Formulierung Immanuel Kants, nur die Verweigerung des Waffendienstes gerechtfertigt werden könnte. Die Situation schien ziemlich eindeutig zu sein. Der Prototyp von Wehrdienstverweigerung bestand für mich in der Weigerung, an einem kollektiven Verbrechen teilzuhaben. Das entsprach der Perspektive von Zeugen Jehovas in der Nachkriegszeit. Als ich mich näher mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs beschäftigte, wurde ich natürlich auch mit der Position der Alliierten konfrontiert. War es nicht notwendig, der Aggression der Nazis Einhalt zu gebieten? Aber bei Betrachtung des Gesamtbildes des zwanzigsten Jahrhunderts schien mir die Sache immer noch eindeutig zu sein: Nur eine totale Verweigerung der Teilnahme am Krieg wäre doch, als Grundlage für ein allgemeines Gesetz, dazu geeignet gewesen, das Leid der beiden Weltkriege von Anfang an zu verhindern. In meiner Zeit bei der Foundation wurde unser Mitarbeiterstab einmal zu einem Diavortrag des US-Veteranen Phil Drell eingeladen. Er diente im sogenannten US Army Pictorial Service, welches die Ereignisse des alliierten Feldzuges auf Foto und Film dokumentierte. Anhand von privaten Aufnahmen schilderte er uns den Krieg aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Den Abschluss bildeten niederschmetternde Bilder von der Befreiung des Lagers Dachau. Er beschrieb die Gefühle seiner Kameraden mit den Worten, dass sie beim Anblick dieser Gräuel „endlich wussten, wofür sie gekämpft hatten“. Wie könnte ich diesem Menschen jemals meinen Standpunkt klarmachen? Ja mehr noch: Wäre ich damals ein junger Amerikaner gewesen, wie hätte ich entschieden? Mein oben dargelegter Standpunkt griff plötzlich nicht mehr, denn die Verhinderung des Krieges und des Holocaust waren 1941 gar nicht mehr möglich. Eine auf Kants ethischer Formel basierende Entscheidung hätte also Wehrdienstverweigerung auf amerikanischer Seite nicht rechtfertigen können. „Gerechter Krieg“ hin oder her, was half Pazifismus gegen eine größenwahnsinnige und verbrecherische Nation wie es Nazi-Deutschland damals war? Durch die Authentizität der Schilderungen von Mr. Drell wurde mir dieses Dilemma das erste Mal so deutlich, dass ich es nicht länger verdrängen konnte. Wie stehe ich tatsächlich zu der Frage, ob der Holocaust einen bewaffneten Kampf gegen Hitler rechtfertigte? War es nicht Zynismus, Wehrdienstverweigerung zu propagieren, während junge Amerikaner Leben und Gesundheit einsetzten, um Europa von der Geißel des Nationalsozialismus und damit auch Zeugen Jehovas aus den KZs zu befreien? Wie hätte ich mich als Wehrdienstverweigerer in den USA gefühlt? Erst in dieser Situation wurde mir wirklich klar, was einen Christen im Falle eines Krieges auszeichnet. Auch Petrus glaubte im Garten Gethsemane, er müsse den Herrn verteidigen und wurde eines anderen belehrt. Ihrem Vorbild Jesus folgend, zeichneten sich die ersten Christen dadurch aus, dass sie auch für die gerechte Sache nicht zur Waffe griffen. Doch ist dieser Standpunkt nur demjenigen annehmbar, für den die Botschaft Jesu nicht bloß philosophische, sondern eine das gesamte Weltbild umfassende Bedeutung hat. Lange Zeit hatte ich mich in meiner Einstellung als Wehrdienstverweigerer quasi „ethisch überlegen“ gefühlt. Von diesem Hochmut ist nach diesem Erlebnis nicht viel übrig geblieben. Heute sehe ich mich als denjenigen, der um Verständnis für seine Einstellung werben muss. Jeder Versuch, meinen Standpunkt politisch oder philosophisch zu argumentieren, ist zum Scheitern verurteilt. Meine Entscheidung ist in erster Linie eine religiöse und kann nur als solche verstanden werden. Jesu Bemerkung, dass seine Jünger „kein Teil der Welt“ sein sollten, hatte plötzlich eine viel tiefere Bedeutung für mich. Die Erlebnisse im Laufe dieses 14-monatigen Auslandsdienstes haben mir deutlich gemacht, wie wertvoll das Kennenlernen und Verstehen anderer Perspektiven und Weltanschauungen ist. Denn egal, ob man durch solche Erfahrungen im eigenen vorgefassten Weltbild bestärkt oder verunsichert wird: Man lernt sich selbst besser kennen. Oral-History-Projekte wie jenes der Shoah Foundation können einen wertvollen Beitrag zum Verstehen der historischen Perspektive anderer leisten. Es bleibt zu hoffen, dass es – auch aufgrund der Unterstützung durch österreichische Gedenkdiener – bald möglich sein wird, die Interviews der vielen verschiedenen Sprach- und Opfergruppen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Shoah ist der heute von vielen bevorzugte Begriff für Holocaust. Das Wort stammt aus dem Hebräischen und lässt sich nur mit Bedeutungsverlusten ins Deutsche übersetzen. Verwendung findet es beispielsweise in Jesaja 10,Vers 3: „Und was werdet ihr tun an dem Tag, an dem die Aufmerksamkeit auf euch gerichtet wird, und beim Verderben (Shoah), wenn es von fern her kommt? Zu wem werdet ihr hilfesuchend fliehen, und wo werdet ihr eure Herrlichkeit lassen?“

Projekt Details

  • Datum 14. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2003

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