PC, Jüdische Rundschau, 21.04.1994

21.04.1994

Projekt Beschreibung

PC

von Andreas Maislinger

Sie vermuten richtig, dieser Kommentar wurde auf einem PC geschrieben. Das ist alles, was er mit einem Computer gemeinsam hat. In diesem Kommentar geht es um „Political Correctness“. Gemeint ist damit die korrekte Einhaltung von Sprachregeln, die strikte Abgrenzung von „bösen“ und die völlige Enthaltung von Kritik an „guten“ Menschen. Zu diesen ausschießlich guten Menschen – bei angewandter „PC“ – gehört in Österreich seit einigen Jahren Franz Jägerstätter. Da ich ganz in der Nähe von St. Radegund, dem Dorf des 1943 in Berlin hingerichteten Bauern aufgewachsen bin, war mir Franz Jägerstätter von Kindheit an ein Begriff. Nach einem in den Vereinigten Staaten und im Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) erschienen Aufsatz über die internationale Rezeption des Falles Jägerstätter hatte ich mir vor knapp einem Jahr erlaubt, in dieser Kolumne eine Frage nach seinem Verhältnis zu den Juden zu stellen.

„Franz Jägerstätter war im Gegensatz zu Pater Maximilian Kolbe nicht offen antisemitisch“ hatte ich geschrieben, und obwohl in den zahlreichen Nachdrucken meines Kommentars das Wort „offen“ weggelassen worden war, werde ich bis heute wegen meiner vorsichtig geäußerten Fragen nach dem Verhältnis Franz Jägerstätters zu den Juden diffamiert. Nachdem der oberösterreichische Katholik auch von Sozialdemokraten und (ehemaligen) Kommunisten zu einer Ikone erhoben wurde, war es nicht mehr PC-gemäß, an seine Äußerungen über „die Pharisäer“ zu erinnern. Bis heute wirft mir der wissenschaftliche Leiter des DÖW deshalb Profilierungssucht vor. Ohne meinen Kommentar genau zu lesen, wird fast ein Jahr danach noch immer reflexartig darauf reagiert. Als der Herausgeber des in Oberösterreich erscheinenden „Antifa-Infos“ meinen Jägerstätter-Kommentar nachdruckte und einige Anmerkungen über einen Hirtenbrief des Bischofs von Linz hinzufügte, bestellte ein Altkommunist aus Protest diese Zeitschrift ab.

Dies ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die uns mit Sorge erfüllen sollte. Auf allen Ebenen der anhaltenden, notwendigen Diskussion um das Erbe des Nationalsozialismus machen sich selbsternannte Zensoren breit. Vor einigen Jahren war es das antifaschistische Denkmal des Bildhauers Alfred Hrdlicka. Wer sich erlaubte, sein Mißfallen zu äußern, setzte sich ebenso der Gefahr aus, reklementiert zu werden, wie einer, der heute vorsichtig darauf hinweist, daß es sich bei „Beruf: Neonazi“ von Winfried Bonengel um einen diskutablen Film handeln könnte. Da die Dokumentation über den Neo-Nationalsozialisten Bela Ewald Althans jedoch nach dem PC-Verdikt nicht mehr gezeigt wird, kann auch keine Kontroverse darüber stattfinden. Andere haben über uns entschieden, daß wir uns damit nicht auseinanderzusetzen haben.

Daß es auch anders gehen kann, hat „Schindlers Liste“ gezeigt. Obwohl die Person Oskar Schindler und der Film von Steven Spielberg in jeder Hinsicht die höchsten Auszeichnungen erhielt, wurden beide der Kritik nicht entzogen.

Obwohl Oskar Schindler als einer der „Gerechten“ des 20. Jahrhunderts gilt, darf natürlich weiter über seine NSDAP-Mitgliedschaft, seine Profitdenken und sein Verhältnis zu Frauen gesprochen werden. Und obwohl „Schindlers Liste“ natürlich vorrangig eine moralische Aussage macht, wird selbstverständlich weltweit auch über andere Beurteilungskriterien diskutiert. Selbstverständlich ist dieser Umgang mit den beiden Ikonen natürlich nicht. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie sehr die PC-Richter bemüht sind, Kritik einzuebnen. Entscheidend ist aber, daß es ihnen nicht gelungen ist. Wer diese Diskussion in den Medien aufmerksam verfolgt, wird nichts von einem sich abzeichnenden Ende der Auseinandersetzung bemerken. Oskar Schindler ist von seiner Persönlichkeitsstruktur und seinen politischen Verflechtungen zu komplex, um mit einem PC-gemäßen Statement eingeebnet zu werden. Komplexität jeder Art muß anregen (dürfen) zum Weiterdenken.

Keiner wird ernsthaft bestreiten können, daß die offene Diskussion über die Person und den Film beiden nicht schadet. Keiner der kritischen Einwände hat die Bedeutung beider gemindert. Für die Diskussion muß jedoch gelten: Oskar Schindler hat über 1000 Menschen das Leben gerettet; Steven Spielberg hat die Kompetenz, dieses Thema aufzugreifen und filmisch abzuhandeln. Wenn dieses Fundament gesichert ist, gibt es keinen Grund, Fragen nicht zuzulassen.

Dr. Andreas Maislinger, freier Publizist in Innsbruck, Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschichte-Tage.

Projekt Details

  • Datum 25. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1994

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