Olaf Nicolai gestaltet das „Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz““ am Wiener Ballhausplatz“, OTS

28.07.2013

Projekt Beschreibung

Olaf Nicolai gestaltet das „Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz“ am Wiener Ballhausplatz
Wien (OTS) – Das 10-köpfige Beurteilungsgremium hat sich gestern für
das Projekt „X“ des deutschen Künstlers Olaf Nicolai entschieden. 
Stärke, Kraft und der intellektuelle Überbau haben die Jury
überzeugt. Insgesamt wurden acht Entwürfe präsentiert. KÖR Kunst im
öffentlichen Raum Wien hat den international geladenen Wettbewerb
ausgelobt und ist in der Folge mit der Realisierung beauftragt, mit
der noch heuer begonnen wird.
Olaf Nicolai hat für den Ballhausplatz eine blaue Betonskulptur in
Form eines liegenden X entworfen. Auf der obersten der drei Stufen
steht in verzinkten Stahlbuchstaben die Inschrift „all alone“ – ein
Zitat von Ian Hamilton Finlay, das von oben zu lesen ist.
Statement der Jury:
Stärke, Kraft und intellektueller Überbau des Projektes von Olaf
Nicolai haben die Jury vollends überzeugt.
Der Bezug zu den Verfolgten der NS-Militärjustiz und damit zum
Umgang mit der Vergangenheit als auch zur Durchsetzung der
Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure und Verfolgten der
NS-Militärjustiz, soll Anstoß für ein gegenwärtiges
zivilgesellschaftliches Engagement geben. Genau dafür steht Olaf
Nicolais prägnanter Entwurf.
Olaf Nicolais Skulptur setzt an einem zentralen Ort der Republik
ein überzeugendes kritisches künstlerisches Zeichen der Zivilcourage,
das zugleich universal lesbar ist.
Ein Symbol dafür, dass die Vergangenheit Herausforderung für die
Gegenwart ist.
Die Form und Gestalt des Sockels ergibt sich aus einem Text des
schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay, der sich stilistisch an
die experimentelle konkrete Poesie der Wiener Gruppe anlehnt. Die von
Nicolai verwendeten Worte aus diesem Text: “ all alone“ reflektieren
die existenzielle Situation des Einzelnen gegenüber
gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnissen.
Juliane Alton, Personenkomitee
Berthold Ecker, MA 7 Kultur
Bernhard Engleder, MA 28 Straßenverwaltung und Straßenbau
Franz Kobermaier, MA19 Architektur und Stadtgestaltung
Martin Kohlbauer, Architekt (Juryvorsitzender)
Thomas Geldmacher, Personenkomitee
Lilli Hollein, KÖR-Jury
Anna Jermolaewa, Künstlerin
Dirk Luckow, KÖR-Jury
Heidemarie Uhl, Historikerin
„Der aktive und bewusste Umgang mit der Vergangenheit ist mir seit
jeher wichtiges Anliegen. Diese Auseinandersetzung berührt
verschiedenste Facetten der Wiener Geschichte, so auch jene der
Deserteure. Die Stadt unterstrich die Wichtigkeit dieses historischen
Themas auch, indem sie 2009 die Deserteursausstellung „Was damals
Recht war“ nach Wien holte und die Wehrmachtsaustellung im Wiener
Nestroyhof zeigte. Nun ist mit dem Siegerprojekt ein weiterer,
unverzichtbarer Schritt getan, ein Schritt von Dauer und ein
sichtbares Zeichen für nachfolgende Generationen.“ so Stadtrat
Andreas Mailath-Pokorny.
Als gute Entscheidung bezeichnet der Klubobmann der Grünen Wien,
David Ellensohn, die Entscheidung der Jury zum Entwurf des Berliner
Künstlers Olaf Nicolai für ein Deserteursdenkmal am Wiener
Ballhausplatz gestern spät abends. „Wie das Personenkomitee
“Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ betonte, verlief
die Jurysitzung insgesamt sehr sachorientiert, die Diskussion offen
und fair. Das Denkmal von Olaf Nicolai aus blauem Beton mit der
Aufschrift „all alone“ wird den Wehrmachts-Deserteuren den ihnen
angemessenen Respekt und Stellenwert auch im öffentlichen Raum geben.
Jetzt kann rasch und zügig die Realisierung erfolgen. Ich freue mich,
dass jetzt endlich das Denkmal bald real zu sehen und zu erfahren
ist“.
„X“
Die Ausführung des Sockels wird die Form des „X“ aufgreifen – aber
nicht als stehendes, aufgerichtetes Zeichen, sondern als ein
liegendes, mehrstufiges. Durch die Stufung wird die Distanz zwischen
Betrachter und Objekt, die ein Sockel sonst herstellen soll,
aufgehoben. Dieser Sockel trägt nichts. Er ist betretbar. Die
Inschrift liegt auf ihm, ist von oben lesbar.
Die Form und Gestaltung des Sockels ergibt sich aus dem Text der
Inschrift von Ian Hamilton Finlay „all alone“. Dabei wird deutlich,
dass es sich zwar um eine exzeptionelle Position handelt, in der sich
ein Deserteur als Einzelner befindet, dass dies aber unzureichend mit
einer simplen, sich ausschließenden Gegenüberstellung bezeichnet
wäre. Der Einzelne ist nicht isoliert, er konstituiert sich in einer
dialektischen Spannung von Singularität und Gemeinschaft.
Auch in der Form des „X“ ist die erwähnte dialektische Spannung
präsent. Einerseits Zeichen der Anonymisierung, der der Einzelne
unterworfen ist und die ihn zum Zeichen in einer Liste, zum X in
einer Akte werden lässt.
Andererseits auch ein Statement selbstbewusster Setzung- man denke
an die Namenswahl Malcolm X. Auf diese selbst-bewusste, dialektische
Setzung weist die Kombination von Sockel und Inschrift hin.
(Auszug aus der Projektbeschreibung von Olaf Nicolai)
Olaf Nicolai
geboren 1962 in Halle/Saale ist ein deutscher Künstler, der von
einem konzeptuellen Ansatz aus mit unterschiedlichsten Medien
arbeitet. Der Künstler nutzt Objekte und deren materielle Formen, um
Reflexionsprozesse anzuregen. Er lebt und arbeitet in Berlin. 
Olaf Nicolai absolviert von 1983 bis 1988 ein Germanistikstudium mit 
anschließender Promotion an der Universität Leipzig. In seiner
Doktorarbeit untersucht der Künstler die Spannung zwischen
Ausdrucksformen und ihrer strategischen Umsetzung anhand von Poesie
und geht damit Fragestellungen nach, die später auch sein
künstlerisches Werk charakterisieren.
Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Gruppen- oder
Einzelausstellungen an fast allen wichtigen Orten des
zeitgenössischen Kunstgeschehens präsent, wie auf der Documenta X
(1997) oder bei den Biennalen von Venedig 2001 und 2005.
Er erhielt mehrere Stipendien, darunter das der Villa Massimo in Rom
(1998) und mehrere Preise, wie 2002 den Kunstpreis der Stadt
Wolfsburg.
Nächste Schritte
Alle eingereichten Entwürfe werden von 18. bis 24. Juli im Depot,
Breitegasse 3, 1070 Wien, zu sehen sein. Öffnungszeiten: MO-FR 10 bis
17 Uhr.
Mit der Realisierung wird noch im Sommer begonnen.
Die Geschichte
Die Wiener Stadtregierung hat in ihrem Koalitionsübereinkommen vom
12. November 2010 die Errichtung eines Denkmals für die Verfolgten
der NS-Militärjustiz in Aussicht genommen.
In Folge wurde als Standort die Volksgarteneinbuchtung am
Ballhausplatz ausgewählt.
Das Budget für den Wettbewerb und die Realisierung des Denkmals
wurde 2012 mehrheitlich im Wiener Kulturausschuss mit insgesamt
220.000 Euro beschlossen. Für die wissenschaftliche Grundlagenarbeit
des Themas wurden bereits im Vorfeld 25.000 Euro bereitgestellt.
KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien
Die Aufgabe von KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien ist die
Belebung des öffentlichen Raums der Stadt mit permanenten bzw.
temporären künstlerischen Projekten.
Die Idee ist, die Identität der Stadt und einzelner Stadtteile im
Bereich des Zeitgenössischen zu stärken sowie die Funktion des
öffentlichen Raums als Agora – als Ort der gesellschaftspolitischen
und kulturellen Debatte – zu beleben.
KÖR wickelt künstlerische Projekte ab, erteilt Aufträge an
KünsterInnen, lobt künstlerische Wettbewerbe für Projekte im
öffentlichen Raum aus, vergibt Förderungen an KünstlerInnen bzw.
Projektträger und setzt damit verbundene Tätigkeiten (Symposien,
Publikationen, Vermittlungsprogramme, u.a.) um.

Projekt Details

  • Datum 7. Januar 2016
  • Tags Pressearchiv 2013

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