Oberösterreichische Nachrichten – 20. August 1998 / Gedenkdienst in Auschwitz – eine verbindende Erfahrung

20.08.1998

Projekt Beschreibung

Gedenkdienst in Auschwitz – eine verbindende Erfahrung

VON MARTIN MAYR Eine kleine Stadt namens Óswiecim zwischen der polnischen Kulturhochburg Krakau und dem Kattowitzer Industriegebiet. Schlechte Luft, Kälte oder Schwüle. Dennoch habe ich gerne 14 Monate in Auschwitz gelebt. Seit 1992 bietet der Gedenkdienst die Möglichkeit, Zivildienst an ausländischen Holocaust-Gedenkstätten zu leisten. Dadurch erbringt Österreich einen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Naziterrors. Damit geht eine Bewußtseinsbildung über Österreichs Rolle im Zweiten Weltkrieg und bezüglich der Situation der Opfergruppen heute einher. Persönlich war mein Gedenkdienst in vielerlei Hinsicht bereichernd. Obwohl die Arbeit belastete, machte es Spaß, mehr als 50 Stunden in der Woche konzentriert zu arbeiten. Das bedeutete zunächst die Eingabe von Überlebendenberichten in den Computer, später durfte ich als Lektor an der Herausgabe von Büchern mitwirken. Im Zuge meiner Arbeit lernte ich auch viele Angehörige von Opfern und Überlebenden kennen. Es war eine sehr schöne Erfahrung, selbst erleben zu dürfen, welche besonderen Qualitäten, Kenntnisse und Einsichten diese Menschen hatten, unabhängig von ihrer „Rasse“, Religion, Ideologie, sexuellen Orientierung oder einer Behinderung. Den Polen fühle ich mich nach dieser Zeit aufs Engste verbunden. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die mir entgegengebracht wurden, waren schlichtweg beeindruckend. Meine vielen polnischen Freunde brachten mir nicht nur diese furchtbar schwere Sprache bei, welche gleichfalls schön und poetisch ist, sondern unterstützten mich auch sonst auf vielfältigste Art. Gerne erinnere ich mich vieler Begegnungen mit Juden, Roma und Sinti, politisch Verfolgten und Homosexuellen. Bei allen diesen Gruppen handelt sich um wertvolle Teile unserer Gesellschaft. Juden haben schon immer unser geistiges und kulturelles Leben befruchtet und tragen heute auf vielerlei Art zur Gesellschaft bei.

Hartnäckige Vorurteile

Gleiches gilt für Schwule und Lesben, die dank eines oft sehr stark ausgeprägten sozialen Empfindens sowie ihres speziellen Engagements und Durchsetzungsvermögens beachtliche Leistungen auch in Österreich erbringen. In Skandinavien oder den Beneluxländern, wo deren Entdiskriminierung weiter fortgeschritten ist, werden diese Beiträge sehr deutlich. Leider sind viele dieser Menschen, von denen ich einige meine Freunde nennen darf, trotzdem immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert, die auf Unwissenheit und überlieferten Vorbehalten beruhen. Einige Opfergruppen sehen sich einer unbefriedigenden rechtlichen und gesellschaftlichen Situation gegenüber. Das gilt insbesonders für Roma und Sinti sowie Homosexuelle. Noch immer besteht Antisemitismus, gibt es neue Vorurteile gegenüber Ausländern. Diese Tatsachen belegen also, wie sehr eine weitergehende Beschäftigung mit dem Holocaust und entsprechende Bewußtseinsbildung auch in Zukunft nötig sind. Die Entwicklung unserer Gesellschaft sehe ich dennoch positiv. Beispielsweise verbessert sich das Ansehen von Juden und Slawen, welche von den Nazis für minderwertig erklärt wurden. Die besondere europapolitische Bedeutung des Gedenkdienstes hat zwei Aspekte. Zum einen hat die europäische Einigung mit der Abkoppelung der Schwer- und Rüstungsindustrie von den Nationalstaaten begonnen. Die Greueltaten des Zweiten Weltkriegs belegten die Notwendigkeit dieser Kooperation, die zum größten Friedens- und Wohlstandswerk unserer Geschichte wurde. Der Grundgedanke war also zunächst die Verhinderung zukünftiger Kriege in Europa. In diesem Zusammenhang ist die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Diktatur und die Warnung vor neuer Diskriminierung von besonderer Bedeutung.

Engagement der EU

Entsprechend dieser Konzeption setzt sich heute die EU engagiert für die Rechte ehemals verfolgte Gruppen und anderer Minderheiten in ihren Mitgliedsländern ein. So forderte das Europaparlament in einer Entschließung aus dem Jahre 1994, die Beschneidung des Rechts von Schwulen und Lesben auf Elternschaft oder Adoption sowie Erziehung von Kindern aufzuheben. Mein Gedenkdienst in Auschwitz war eine bereichernde und verbindende Erfahrung, insbesondere der Kontakt mit Menschen ehemals verfolgter Gruppen und mit Überlebenden. Sie alle verdienen nicht nur unsere „Toleranz“, sondern unsere besondere Unterstützung und Wertschätzung. Martin Mayr aus Ort im Innkreis hat 1995/96 Gedenkdienst im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Óswiecim geleistet. * Wie soll Europa jenseits der Jahrtausendwende aussehen? Anläßlich der EU-Präsidentschaft Österreichs haben die OÖNachrichten eine Reihe von Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft gebeten, in einem großen Themenbogen ihre Vorstellungen zu präzisieren. Lesen Sie am Dienstag: Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner, über „Mobilität – wieviel Verkehr braucht und verträgt Europa?“

Projekt Details

  • Datum 28. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1998

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