NS-Dokuzentrum Brutal schön

19.10.2014

Projekt Beschreibung

NS-DokuzentrumBrutal schön

 

Der Berghof, Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg, wurde von den Amerikanern gesprengt. Mittlerweile wachsen hier Bäume.

(Foto: Scherl)

„Hier stehen sie auf der Terrasse des Berghofs“: Jedes Jahr zieht es 300.000 Besucher auf den Obersalzberg. Sie erwartet dort eine seltsame Mischung aus Grusel und Aufklärung. Nun wird das NS-Dokumentationszentrum für 17 Millionen Euro erweitert.

Von Heiner Effern, Obersalzberg
Es sind Menschen wie dieser 66 Jahre alte Niederländer, an denen zu sehen ist, wie verführerisch diese Mischung aus Naturschönheit und teuflischer Inszenierung bis heute wirkt. Man steht noch gar nicht an der Hangkante, von der durch die Äste lichter Bäume das Massiv des Untersbergs zu sehen ist, da eilt er herbei und legt sofort los, ohne darum gebeten worden zu sein: „Hier stehen sie auf der Terrasse des Berghofs“, sagt er, und deutet auf Teile eines Fundaments, die er mit einem Spaten frei gelegt hat. „Hier auf der anderen Seite war das Panoramafenster. 15 Meter lang. Genau genommen 14,98 Meter.“ Genau an diesen Stellen stand der „Führer“, von der NS-Propaganda inszeniert als Privatmann, als sinnierender Naturliebhaber, der in die Berge blickt. Und hier wollen bis heute immer noch viele Menschen stehen und in die Berge blicken. Der Mann aus den Niederlanden sagt, er sei Hobby-Historiker und keinesfalls ein Verehrer Adolf Hitlers. Er kommt seit Jahren zum Obersalzberg, angezogen von diesem mit Mythen belasteten Ort. Er verbringe dann stets den ganzen Tag hier auf dem Areal des früheren Berghofs. Dort räume er runtergefallene Äste weg oder auch Kerzen, die Alt- oder Neonazis hier immer noch anzünden. Die kämen aber immer weniger, sagt er, dafür aber viele Gäste aus aller Welt, die wissen wollten, wie der Mann, der Millionen von Menschen ermorden ließ, privat gelebt habe.

Das Areal zieht Besucher aus aller Welt an. Sie können sich in der NS-Dokumentationsstelle über den Terror des NS-Regimes informieren.

(Foto: Max Köstler)
Diese könnten sich über den Berghof oberhalb von Berchtesgaden detailliert und wissenschaftlich fundiert informieren. Sie müssten nur ein paar Minuten durch den Wald nach oben wandern, weg von den letzten sichtbaren Resten des Berghofs, den Stützmauern am Hang, dann stünden sie vor dem NS-Dokumentationszentrum. Seit nunmehr 15 Jahren klärt es über die Gräuel des NS-Regimes auf und vermittelt, wie untrennbar verbunden die scheinbare Idylle und Hitlers Leben am Obersalzberg sind. Am Montag wird das Jubiläum des Dokuzentrums mit einem Festakt gefeiert. Dafür besteht durchaus Grund: Weit mehr als zwei Millionen Menschen sind in den 15 Jahren seit der Gründung gekommen. Mit einem solchen Erfolg hatte niemand gerechnet, das Gebäude war anfangs auf 30 000 bis 40 000 Besucher pro Jahr ausgelegt. Es kommen regelmäßig mehr als 150 000 Besucher. Unhaltbare Zustände in einer so wichtigen Ausstellung. Der Freistaat reagiert nun darauf: Gerade wurde der Architektenwettbewerb für ein zweites Gebäude mit einer mehr als doppelt so großen Ausstellungsfläche abgeschlossen. 17Millionen Euro wird der Freistaat dafür ausgeben.

Faszination des Ortes soll bewusst gebrochen werden

„Die neue Ausstellung wird den Obersalzberg und die Allgemeingeschichte noch sehr viel stärker verknüpfen“, sagt Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), das die inhaltliche Aufarbeitung der NS-Zeit auf dem Obersalzberg verantwortet. Dazu gehört auch, dass das Areal von Hitlers Berghof als Außenanlage in das Konzept eingebunden werden soll. Die Bäume sollen stehen bleiben, der Blick von Hitlers Terrasse wird nicht freigeschnitten, kein weiteres Mauerwerk wird bloßgelegt. Der Besucher solle auch die Vergänglichkeit des Nazi-Regimes erleben, sagt Axel Drecoll, der wissenschaftliche Leiter des Dokuzentrums. „Die Faszination, die der Ort ausübt, soll bewusst gebrochen werden.“

Der Berghof, Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg, wurde von den Amerikanern gesprengt. Mittlerweile wachsen hier Bäume.

(Foto: Scherl)
Der auf den Ruinen des Berghofs mit dem Spaten herumkratzende Niederländer belegt, wie notwendig dieser Schritt ist. Ein wichtiger Beitrag, um den ursprünglichen Konstruktionsfehler im Umgang mit dem Täter-Ort Obersalzberg zu beheben: Es gab nie und gibt immer noch kein Gesamtkonzept, das Besucher über den von den Nazis kontaminierten Berg leitet. Die größte touristische Attraktion, das Kehlsteinhaus, fahren Busse im Pendelverkehr vom Obersalzberg aus an.

Hitlers und Eva Brauns Bunkerräume

Die etwa 300 000 Besucher im Jahr erhalten ein paar Informationen, doch sie werden mit dem Teehaus Hitlers in einzigartiger Berglage noch viel zu sehr alleine gelassen. Wenigstens sind dort und am gesamten Obersalzberg die Zeiten vorbei, als im besten Fall verharmlosend zu nennende Broschüren und Postkarten verkauft wurden. Allein gelassen werden Obersalzberg-Besucher auch, wenn sie die paar Meter von Hitlers früherem Anwesen zum Gasthaus „Zum Türken“ hinübergehen. Vor der zeitweiligen Unterkunft von Hitlers Leibwache wirbt ein Schild: „Bunkeranlagen, Teilbereich Reichssicherheitsdienst, Teilbereich Berghofbunker.“ Für 3,50 Euro geht es durch eine Drehtür und dann eine Wendeltreppe hinab bis in einen der Gänge, mit denen die Nazis den ganzen Berg durchlöcherten. Nass, kalt und dunkel ist es dort. Direkt an die Wand geschrieben sind einzelne kurze Informationen, wo zum Beispiel Maschinengewehrstände waren, wo sich eine Heizungsanlage oder eine Toilette für die SS-Leute befand. An einer zugemauerten Tür steht, dass sich dahinter Hitlers und Eva Brauns Bunkerräume befänden. Gruseltourismus. IfZ-Chef Wirsching würde sich wünschen, dass der Freistaat den privaten Gasthof und die Bunkeranlagen erwerben könnte. Und dass ein Gesamtkonzept eines Tages doch umgesetzt werde. Die Gelegenheit dazu hatte der Freistaat bereits in den 1990er Jahren, als die US-Armee den Obersalzberg nach etwa 50-jähriger Besatzungszeit verließ und alle verbliebenen Gebäude und die Flächen an den Staat gingen. Die Regierung entschied sich für das sogenannte Zwei-Säulen-Modell, um die Geschichte des Obersalzbergs aufzuarbeiten und vor allem braune Wallfahrer fernzuhalten. Die eine Säule ist das Dokumentationszentrum, die zweite der Tourismus.

Unweit von der Dokumentationsstelle errichtete der Freistaat ein Luxushotel.

(Foto: Johannes Simon)
Die Bayerische Landesbank als Staatstochter baute ein 50 Millionen Euro teures Fünf-Sterne-Hotel auf dem Eckerbichl, den manche nach dem zeitweiligen Bewohner auch Göring-Hügel nannten. Das Hotel ist so exklusiv, dass tatsächlich keine oder zumindest nicht wahrnehmbare Besucher mit rechtsextremer Gesinnung mehr hier logieren. Allerdings kommen auch insgesamt zu wenige Besucher, so dass die Bayern LB Jahr für Jahr einen Fehlbetrag von etwa drei Millionen Euro ausweisen muss. Ein Zwei-Säulenmodell mit enormer Schieflage, das trotzdem aufgegangen sei, sagt IfZ-Leiter Wirsching. „Wenn man den Handlungsdruck berücksichtigt, unter dem sich die Staatsregierung damals gesehen hat, war es ein hinreichend praktikables Konzept.“ Auch Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kultusgemeinde Oberbayern sieht das so. „Es ist ein schmaler Grat zwischen Schauer und Idylle, auf dem dort oben balanciert werden muss.“ Das gelinge bisher, das Konzept sei „per se nicht zu beanstanden“. Wichtig sei, dass Besucher dieses schönen Fleckens Bayern eines nicht vergäßen. „Die Idylle des Obersalzberges und das unvorstellbare Grauen der Todesfabriken wie Auschwitz sind untrennbar.“

Projekt Details

  • Datum 20. Oktober 2016
  • Tags Pressearchiv 2014

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