Neues Volksblatt – 12. September 2002 / (Späte) Anerkennung für die „Gerechten“

12.09.2002

Projekt Beschreibung

11. Braunauer Zeitgeschichte-Tage vom 27. bis 29. September (Späte) Anerkennung für die „Gerechten“ Als „Gerechte unter den Völkern“ zeichnet die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Nicht-Juden aus, die in der NS-Zeit unter Gefährdung ihres Lebens Juden gerettet haben. „Zu wenig Gerechte“ in Österreich, beklagt die bekannte Wiener Historikerin Erika Weinzierl in ihrem gleichnamigen Buch. Die 11. Braunauer Zeitgeschichte- Tage widmen sich unter dem Titel „Wenige Gerechte“ dem Thema Zivilcourage und Widerstand in Diktaturen. Von Birgit Thek Wer unter dem NS-Regime Juden versteckte, begab sich in Lebensgefahr, viele Retter wurden deshalb in Konzentrationslagern gequält und ermordet. Und doch haben viele Menschen im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten geholfen. Tausende wurden deshalb von Yad Vashem ausgezeichnet -das sind nicht wenige und doch waren es zu wenige. Oskar Schindler wurde durch Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ zum bekanntesten der „Gerechten“. Viele von ihnen sind jedoch nur Fachleuten bekannt. Die Braunauer Zeitgeschichte-Tage wollen heuer, so der wissenschaftliche Leiter Andreas Maislinger gegenüber dem VOLKSBLATT, die Aufmerksamkeit darauf lenken und stellen zwei Österreicher stellvertretend in den Mittelpunkt: Anton Schmid und Josef Schleich. Über Schmid sind im Zusammenhang mit der Wehrmachts-Ausstellung grössere Artikel erschienen, die Deutsche Bundeswehr hat eine Kaserne nach ihm benannt, eine Ehrung, die ihm in Österreich bisher verwehrt blieb. Doch obwohl bereits 1972 ein Film über den „Feldwebel Schmid“ herauskam, ist der 1900 in Wien geborene ehemalige Wehrmachtssoldat, der wegen der Rettung von Hunderten von Juden 1942 in Wilna hingerichet wurde, wenig bekannt. 1967 wurde ihm posthum die Ehrung eines „Gerechten“, die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel vergibt, zuteil. Den Grazer Josef Schleich könnte man einen „österreichischen Schindler“ nennen: Er hatte ab 1938 ein Schleppernetz aufgebaut, über das mindestens 20.000 Juden illegal das Land verlassen konnten. Er wurde 1941 von der Gestapo verhaftet und in ein Strafbataillon abkommandiert. Nach Kriegsende wurde er beschuldigt, sich an jüdischem Eigentum bereichert zu haben; er starb, bevor es zum Prozess kam. Bei den Zeitgeschichte-Tagen werden u. a. Schleichs Tochter, Hannelore Fröhlich, und ein von ihm Geretteter, Robert Weiss, ihre Sicht auf sein ungewöhnliches Leben und Engagement beisteuern. Auch Rieder Künstler einer der „Gerechten“ Gedacht werden soll jedoch auch des Rieders Roman Erich Petsche. Dieser war in seiner Heimatstadt eher als etwas exzentrischer Künstler bekannt. Nur die wenigsten wussten, dass Petsche einer jüdischen Familie aus tiefster Bedrohung geholfen hat. Er hatte eine Jüdin aus Novisad, die wie alle anderen Juden des Orts nach Auschwitz deportiert werden sollte, als seine Frau und deren zwei Töchter als seine eigenen ausgegeben und sie sowie eine Tante der Familie nach Budapest gebracht. Die jüngere Tochter und die Tante haben überlebt. Dokumentation auch mittels Internet Maislinger ist es auch ein Anliegen, die österreichischen „Gerechten“ -es sind rund 80, über die man weiss – über das Medium Internet publik zu machen (viawww.maislinger.net über den Link zum Haus der Verantwortung ist derzeit eine Liste ihrer Namen abrufbar, die Biografien sollen in Kürze ergänzt werden). „Denn hier ist in unserem Geschichtsbewusstsein vieles nachzuholen“, liegt Maislinger und dem Verein für Zeitgeschichte in Braunau eine endlich erfolgende Würdigung dieser zu Unrecht unbeachteten Helfer am Herzen. Er würde sich auch freuen, wenn die Zeitgeschichte-Tage mit diesem Thema einen Anstoss für weitere Initiativen geben könnte, beispielsweise in Ried, wo man etwa Zeitzeugen über Petsche befragen könnte … Der Aspekt des „rettenden Widerstands“ wird bei der Tagung auch mit der Rettung Wiens in den letzten Kriegstagen beleuchtet. Ein vergleichender Blick auf Zivilcourage und Widerstand in anderen Diktaturen wird mit der Erörterung der Situation in der DDR geworfen. Hier hat man mit Ludwig Mehlhorn und dem Schriftsteller Lutz Rathenow prominente Dissidenten als Referenten gewonnen. Eröffnung Fr., 27. 9., 19 Uhr, Kulturzentrum Gugg, Info: Telefon 0 77 22/800-214, www.hrb.at/bzt, www.maislinger.net

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2002

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