Nachhilfe in tausendjähriger Geschichte, Salzburger Nachrichten

23.09.1996

Projekt Beschreibung

Salzburger Nachrichten 23. September 1996

Nachhilfe in tausendjähriger Geschichte

Die Gedenkdiener sind ein kleines Zeichen der Mitverantwortung Österreichs am Holocaust. Aber die Republik gibt nur halbherzig Unterstützung.

Von Helmut Spudich

WASHINGTON, D.C. Die große Eintrittshalle, die mit ihrer Stahlkonstruktion und den hohen Ziegelwänden an Industriebauten der Jahrhundertwende erinnert, empfängt ihre Besucher nur scheinbar mit Großzügigkeit. Das Verhalten der Menschen wirkt gedämpft, als ob sie in Vorahnung einer schrecklichen Wahrheit wären. Die Stahltüren des Aufzugs in die Ausstellungsräume schließen sich, und während sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt, gibt ein Bildschirm das entsetzliche Geheimnis des Ortes preis.

Ein Dokumentarfilm von der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau zeigt die furchtbaren Bilder, mit denen die alliierten Truppen konfrontiert waren. Die Stimme eines, der damals Soldat war, ist zu hören: „Wir dachten, Sachen wie diese können nicht passieren.“

Über drei Stockwerke führt das Holocaust Museum in Washington seine Besucher durch die Stationen der systematischen Vernichtung der Juden in Europa, festgehalten in den Filmen, Tonaufnahmen, Fotografien, Zeitungen, Büchern und Materialien der Zeit: Vom Leben in den jüdischen Gemeinden vor dem „Dritten Reich“, der Machtergreifung der Nazis 1933, der schrittweisen Ausgrenzung, Vertreibung, Ghettoisierung und Deportation in die Lager, dem Leben und Sterben in den Lagern und den Ghettos, bis zur industriellen Vernichtung in den Gaskammern.

Darüber, im vierten Stock, herrscht die Nüchternheit einer modernen Bibliothek: Lange Reihen von Büchern, Lesetische, PCs, kleine vollgestopfte Arbeitszimmer. Hier ist das Holocaust Forschungsinstitut beheimatet, in dem die Dokumente und Zeugnisse der Vergangenheit gesammelt und aufgearbeitet werden, um nicht der Verdrängung und Vergeßlichkeit anheim zu fallen. Hier nimmt einer Nachhilfe in Geschichte, wo seine Schule versagte: „Ich habe einen schlechten Geschichtslehrer erwischt“, beginnt der Tiroler Johannes Ungar, 29, seine Erzählung, wie er als Gedenkdienst-Leistender zum Holocaust-Museum und seinem Forschungsinstitut kam. Gerade bis zum 1. Weltkrieg reichte der Unterricht im Gymnasium, „dann lief dem Lehrer die Zeit davon“. Vom Holocaust lernte Ungar erst im Theologiestudium, als er sich mit der Geschichte Israels befaßte, Hebräisch lernte, und der politischen Theologie des Johann Baptist Metz begegnete: „Eine Theologie, die sich nicht mit Auschwitz auseinandersetzt, ist nicht berechtigt, sich Theologie zunennen.“

Ein Schulfreund, der Österreichs erster Gedenkdiener in Auschwitz war, brachte Ungar dazu, sich im Verein Gedenkdienst zu engagieren. Seit Oktober 1995 nun der mittlerweile fertig studierte Soziologe seinen insgesamt 14 Monate dauernden Zivildienst im Holocaust Forschungsinstitut.

Technisch gesehen kein Zivildienst, sondern ein Dienst im Auftrag des Vereins Gedenkdienst, der dann zur Befreiung von der Zivildienstpflicht führt. Denn die Republik hat ein etwas gespaltenes Verhältnis zu ihren Gedenkdienstleistenden, die unter anderem an den Gedenkstätten in den früheren KZ’s Theresienstadt und Auschwitz, in Yad Vashem in Jerusalem sowie im Holocaust Museum in Washington tätig sind. Um Versicherungsproblemen zu entgehen, will die Republik keine Zivildiener im Ausland beschäftigen, also springt der Verein ein.

Aber die monatliche staatliche Subvention von 10.000 Schilling reicht bei weitem nicht, um die Aufenthaltskosten in Washington zu decken: „Ich habe mich verschuldet, damit ich diese Arbeit machen kann“, sagt Ungar. Bei den Verhandlungen zur Novelle des Zivildienstgesetzes im Herbst steht auch die Frage des Gedenkdienstes wieder auf der Tagesordnung.

„Grundsätzlich ist der Gedenkdienst eine außerordentlich sinnvolle Einrichtung“, sagt Innenminister Caspar Einem, der dieser Tage das Holocaust Museum besuchte. Einige Probleme will Einem beseitigen: Damit der Verein Gedenkdienst für die einjährige Vorbereitung sorgen kann, die dem eigentlichen Einsatz voraus geht, will Einem eine gesetzliche Grundlage zur Finanzierung schaffen. Andererseits brauche der Gedenkdienst „reifere Personen“, sagt Einem, die nicht unmittelbar nach der Schule ihren Zivildienst ableisten. Darum soll die Möglichkeit des Aufschubs im Falle eines Studiums erhalten bleiben. Für beide Anliegen fehlt aber noch die Zustimmung der ÖVP.

Die Arbeit der Gedenkdiener in Washington und an den anderen Gedenkstätten geht weit über das Forschungsinstitut selbst hinaus. „Für uns sind sie eine wertvolle Gelegenheit, österreichische Werte und den kulturellen Hintergrund Ihres Landes besser verstehen zu lernen. Und sie sind Botschafter für ein besseres Verständnis der Geschichte des Holocaust“, sagt Ralph Grunewald, der Sprecher des Holocaust Museums. In dieser Rolle ist Ungar ein neuer Bezug der vertriebenen Österreicher zu ihrer alten Heimat. „Viele rufen mich an und suchen so den Kontakt zu Österreich, das ist für sie sehr bedeutend“, erzählt Ungar.

Eine davon ist Lena Gitter, die sich in ihrer Jugend in Wien als Zeitgenossin von Sigmund Freud und Maria Montessori in der Reformpädagogik engagierte. 1938 gelang ihr die Flucht ins amerikanische Exil, wo sie ihre Arbeit als Bürgerrechtlerin fortsetzte. Unter anderem errichtete sie im Auftrag, von Präsident Johnson Schulen für schwarze Kinder in den Südstaaten, was sie zum Ziel von erfolglosen Mordanschlägen des Ku-Klux-Clan machte. Jetzt, im Alter von 91, hat sie die österreichische Staatsbürgerschaft wieder angenommen. Wenn sie Ende September noch einmal nach Wien zurückkehrt, dann ist das auch zum Teil ein Erfolg des Gedenkdienstes.

Projekt Details

  • Datum 3. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1996

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