Mutarbeit, Jüdische Rundschau, 21.01.1993

21.01.1993

Projekt Beschreibung

Mutarbeit von Andreas Maislinger Es war vor drei Monaten beim 2. deutschsprachigen Holocaust-Seminar in YAD VASHEM, als wir bereits einige Tage über die Notwendigkeit der Beschäftigung mit den Verbrechen der deutschen und österreichischen Nationalsozialisten gesprochen hatten. Immer wieder kam (besonders von den westdeutschen Teilnehmern) die Aufforderung, die Vergangenheit zu „bewältigen“ und mehr „Trauerarbeit“ zu leisten. An dieser Stelle ist es nicht möglich, ausführlich auf das Buch Die Unfähigkeit zu trauern von Alexander und Margarete Mitscherlich einzugehen, ich bin auch kein Psychologe. Das Bild des Trauernden auf der Piper-Taschenbuch-Ausgabe hatte ich jedoch vor mir. Der Trauernde sollte doch endlich aufstehen und sich mutig den neuen Gefahren entgegenstellen. Er sollte „Mutarbeit“ als zwingende Fortsetzung der „Trauerarbeit“ leisten. Der Duden definiert Mut als Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden, und als die grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. Trauer wird als (tiefer) seelischer Schmerz über einen Verlust oder ein Unglück definiert. Bezogen auf die Situation der Jugendlichen am Anfang der 90er Jahre: Über welchen Verlust oder welches Unglück sollte ein Deutscher trauern, der 1955 oder 1970 geboren wurde? Die Forderung, doch endlich Trauerarbeit zu leisten, ergibt für ihn keinen Sinn. Ein anderes Schlagwort: Schuld. Auch wir Nachgeborenen sollten uns schuldig fühlen. Dazu schreibt Hannah Arendt in Eichmann in Jerusalem, einem Buch, das zum Schlagwort wurde, welches alle seine Inhalte zerschlagen hat. Dabei hat sie vor fast drei Jahrzehnten Feststellungen getroffen, die uns heute weiterhelfen können. Auf Seite 298 schreibt Hannah Arendt: „Sich schuldig zu fühlen, wenn man absolut nichts getan hat, und es in die Welt zu proklamieren, ist weiter kein Kunststück, erzeugt allenthalben „erhebende Gefühle“ und wird gern gesehen. Es gibt sehr wenige Menschen, die imstande sind, wirklich begangenes Unrecht einzusehen – von Reue oder Scham ganz zu schweigen.(…) Die normale Reaktion einer Jugend, der es mit der Schuld der Vergangenheit ernst ist, wäre Empörung. Und Empörung wäre zweifellos mit gewissen Risiken verbunden – nicht gerade eine Gefahr für Leib und Leben, doch entschieden ein Handicap für die Karriere. Das ist alles sehr verständlich; aber wenn diese Jugend von Zeit zu Zeit – bei Gelegenheit des Anne-Frank-Rummels oder anläßlich des Eichmann-Prozesses – in eine Hysterie von Schuldgefühlen ausbricht, so nicht, weil sie unter der Last der Vergangenheit, der Schuld der Väter, zusammenbricht, sondern weil sie sich dem Druck sehr gegenwärtiger und wirklicher Probleme durch Flucht in Gefühle, also durch Sentimentalität entzieht.“ Genau das ist heute zu beobachten. Alles mögliche wird gegen den neuen Rechtsextremismus unternommen, wenn es nichts kostest und mit keinem wirklichen Risiko verbunden ist. Risikolos ist, sich an Ritualen zu beteiligen. Die österreichische Zeitschrift NEWS präsentiert seit Wochen gute Menschen. Das sind jene Österreicher, die 25 Schilling ausgeben, indem sie die Zeitschrift um 20 Schilling kaufen und eine Fünf-Schilling-Briefmarke, um einen Kupon an die Redaktion zu senden. Sie schreiben ein paar menschliche Zeilen darauf, und bei ausreichend vorhandener Prominenz werden diese Zeilen sogar mit Foto veröffentlicht. Das ganze versteht sich als Initiative gegen die Ausländerfeindlichkeit. Risiko? Mut? Da nicht notwendig und auch nicht vorhanden, zeigt dieses Auftreten in der Öffentlichkeit bei jenen, die beeinflußt werden sollen, keine konkrete Wirkung. Außer in der eigenen Befindlichkeit: als guter Mensch dazustehen. Jene österreichischen Zivildienstleistenden, die im Rahmen des Projektes Gedenkdienst ein Jahr im Museum Auschwitz oder in YAD VASHEM arbeiten, müssen da schon etwas mehr Mut zeigen. In vielen Gesprächen mit Interessenten an diesem einjährigen Dienst zeigt sich aber genau dieses Dilemma, nämlich Schuldgefühle und Schuldbekenntnisse, also das, was üblicherweise unter „Trauerarbeit“ verstanden wird, sind das eine, und die Bereit- schaft, sich auf etwas Neues einzulassen, ein bißchen Mut zu zeigen, Ansätze zu einer „Mutarbeit“, das andere. Die Arbeit in den Gedenkstätten leisten die Nüchternen, die anderen bleiben bei ihren gut klingenden Bekenntnissen. Sie wollen sich den tatsächlichen Herausforderungen eines Aufenthaltes in Oswiecim und der ständigen Auseinandersetzung mit dem Auschwitz nicht aussetzen und unterschreiben stattdessen einen Appell gegen Ausländerfeindlichkeit. Irgend etwas muß man tun, um ein besseres Gefühl zu haben. Eigentlich geht es immer wieder um die Befriedigung der Gefühle und nicht um die bewußte Aneignung von Zivilcourage. Ist es ein Zufall, daß der Begriff Zivilcourage 1864 von Bismarck geprägt wurde? Trotz des anderer Eindruckes, der vor allem durch die 68er Bewegung vermittelt worden ist, sind Mut und Zivilcourage Begriffe der Rechten, noch schlimmer, der Rechtsextremisten. Als Beleg nenne ich die Zeitschrift MUT (welche sich allerdings in jüngster Zeit zu einer seriösen kon- servativen Zeitschrift „mutiert“ hat). Ist es ein Zufall, daß „Mut“ nicht als Titel für eine eindeutig demokratisch engagierte Zeitschrift gewählt worden ist? Mut zeigen vor allem Extremisten der Rechten und der Linken. In der Mitte scheint die Anpassung vorzuherrschen. Ist daran nicht auch die Demokratie 1933 zu Grunde gegangen? Es fehlte auch damals am Mut derjenigen, die „nur“ die Demokratie retten wollten. Mut scheinen nur die zu brauchen, welche Bestehendes beseitigen wollen. Die anderen, die „schweigende Mehrheit“ paßt sich an, duckt sich, um schneller und leichter an die gewünschte Position zu kommen. Nur kein Risiko eingehen. Wenn ich meinen Zivildienst im Museum Auschwitz-Birkenau ableiste, könnte das meinem späteren Vorgesetzten nicht gefallen. Ein kleines Zeichen in Form einer Unterschrift oder einer Spende ja, aber keinen entscheidenden Einschnitt in die eigene Biographie. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Mutarbeit bedeutet natürlich nicht, daß jeder ein Jahr ohne Verdienst im Museum Auschwitz arbeitet. Mutarbeit kann täglich und überall geleistet werden. Die Ausrede, das Große doch nicht leisten zu können, ist dann nicht mehr möglich. Für (scheinbar) Kleines kann man sich täglich einsetzen. Und dieser Einsatz verlangt nicht selten viel Mut.

Projekt Details

  • Datum 24. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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