Menschen, Jüdische Rundschau, 18.03.1993

18.03.1993

Projekt Beschreibung

Menschen

von Andreas Maislinger

Vom 14. bis 16. Mai 1993 findet in der Evangelischen Akademie Hofgeismar eine Tagung über Jüdische Menschen in Deutschland heute statt. Obwohl die vielen evangelischen Akademien Tagungen zu allen möglichen Themen anbieten, mit „evangelischen Menschen“ haben sie sich noch nicht beschäftigt. Ebensowenig wird in einer katholischen Akademie über „katholische Menschen“ diskutiert. Schon die Frage nach einem derartigen Tagungsthema würde mit Verwunderung aufgenommen.

Nicht anders wird das Bild, wenn nicht die Religionszugehörigkeit, sondern die ethnische oder nationale Herkunft betont werden soll. Auch das Tagungsthema „französische Menschen in Deutschland“ ist völlig ausgeschlossen. Nicht jedoch polnische Menschen, die gibt es tatsächlich, mit diesem Wortlaut aber werden sie zu einem Gegenstand der Fürsorge und Betreuung. Da sich aber auch niemand mit „deutschen Menschen“ beschäftigen will, sollten wir endlich hellhörig werden. Was wird hier eigentlich gespielt?

Die Veranstalter der oben erwähnten Tagung wollen durch die gewählte Bezeichnung der Juden in Deutschland keine Abwertung vornehmen und verfolgen ganz bestimmt keinen „abträglichen Hintersinn“, wie mir die Verantwortlichen schriftlich versicherten. Nur ernsthaft nachgedacht haben sie über den Hintersinn des Menschen nicht.

Wenn (besonders junge) Deutsche betulich über die polnischen Menschen sprechen, dann hat das etwas Mitleiderregendes und verlangt richtiggehend nach Barmherzigkeit. Ein Pole begegnet einem Deutschen (trotz seines geringeren Wohlstandes) mit Selbstbewußtsein. Ein polnischer Mensch ist benachteiligt, er bedarf unserer Fürsorge und damit der Bevormundung. In einer nicht fernen Zukunft auch (wieder) der Kontrolle. Dolf Sternberger, dessen „Wörterbuch des Unmenschen“ mich zu diesem Kommentar anregte, nennt dafür ein überzeugendes Beispiel: „Die deutschen Menschen an der Saar hörten in dem Augenblick auf, so zu heißen, als das Saargebiet in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert war.“

Entscheidend ist also, daß von jüdischen, polnischen, ausländischen, nicht-katholischen (so formuliert in einem 3sat- Bericht vom österreichischen Caritas-Sprecher, wobei er hilfsbedürftige Bosnier gemeint hat) Menschen gesprochen wird, und das klingt sehr von oben herab, es ist die Wortwahl eines Starken gegenüber einem Schwachen. Vergleichbar ist die Verwendung des Wortes Mitbürger.

Gegen den Begriff Mitbürger ist an sich überhaupt nichts einzuwenden. Es fällt aber auf, daß Mitbürger fast ausschließlich gegenüber bestimmten Gruppen verwendet wird. Nicht alle Bürger sind Mitbürger, sondern wieder nur vor allem Ausländer und Juden. Mitbürger sind offensichtlich Bürger mit Sonderstatus. In der letzten Kolumne Zur Lage vom 11. März schrieb Roy Oppenheim von den jüdischen Mitbürgern der Diaspora. Was soll das bedeuten? Oppenheim bezeichnet nämlich wenige Zeilen später die Mehrheitsbevölkerungen als „Wirtsvölker“. Die Verwirrung scheint komplett. Da gibt es also in einem Land Bürger und Mitbürger. Das Regierungsmitglied Ruth Dreifuss müßte nach dieser Logik eine jüdische Mitbürgerin sein, gleichzusetzen mit Ausländern. Das ist Unsinn, wird auch sicher nie so formuliert. Prominente Juden wie Ignatz Bubis, Ruth Dreifuss und Robert Jungk werden nicht als jüdische Mitbürger bezeichnet. Oder können Sie sich vorstellen, daß in diesen Tagen eine Schweizer Zeitung berichtet, daß die jüdische Mitbürgerin Ruth Dreifuss zum Mitglied der Regierung gewählt worden ist?

Die in diesem Kommentar zusammengefaßte Kritik ist nicht neu. Immer wieder wird kritisch angemerkt, wie unbeholfen dieser Sprachgebrauch ist. Warum schreibt man, zumindest in der Jüdischen Rundschau, nicht immer selbstbewußt Jude, wenn diese Unterscheidung notwendig ist? Meistens ist ohnehin eine andere Bestimmung von größerer Bedeutung: Alter, Beruf, Frau/Mann oder vielleicht noch die Nationalität. Durch die Bezeichnung jüdischer Mensch scheinen alle anderen Attribute hinfällig zu werden. Das ist doch Diskriminierung!

Und überhaupt: Was soll die besondere Hervorhebung, daß es sich bei Ausländern und Juden um Menschen handelt?

Projekt Details

  • Datum 24. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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