Mahnmale, Jüdische Rundschau

18.01.1996

Projekt Beschreibung

Jüdische Rundschau 18. Jänner 1996

Mahnmale

von Andreas Maislinger

Die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert auf über 800 Seiten die Gedenkstätten und Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik Deutschland. Fast 400 klein gedruckte Seiten umfaßt das im Carl Hanser Verlag erschienene Buch „Politik der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit“ des Hamburger Politikwissenschafters Peter Reichel. Wer die Analyse über den Streit um die (tatsachengetreue) Erinnerung an die NS-Verbrechen liest und in der erwähnten Dokumentation blättert, dem fällt auf, daß trotz der erstaunlich großen Zahl an Mahnmalen die Versuche, das Erinnern an die Zeit von 1933 bis 1945 anzuregen, beschränkt bleiben.

Die Gegend um Berchtesgaden ist wegen ihrer landschaftlichen Schönheit ein beliebtes Ausflugsziel. Außerdem üben das Adolf Hitler zum 50. Geburtstag geschenkte Teehaus auf dem Kehlstein und die anderen erhalten gebliebenen Bauwerke aus der NS-Zeit eine große Anziehungskraft aus. Weit über 300.000 Touristen kommen jedes Jahr, darunter viele Amerikaner und Japaner. In den beiden erwähnten Büchern wird der Obersalzberg nicht erwähnt. Es gibt bis heute nicht einmal eine Tafel, die an die Verbrechen erinnern würde, die Hitler mit seinen Mitarbeitern in dieser kitschig-schönen Landschaftskulisse geplant hat. Stattdessen werden noch immer verklärende Hochglanzbroschüren „mit sensationellen Farb- und Schwarzweißaufnahmen aus der Hitlerzeit“ verkauft. Gerade an diesem Ort findet die ansonsten in Deutschland (fast) immer und überall präsente Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus (noch immer) nicht statt. Eine Gruppe von engagierten Bürgern versucht dies, offensichtlich bis jetzt ohne großen Erfolg, zu ändern. Immer mehr, besonders Jugendliche, beziehen ihre Informationen aus dem Computer. Sie „surfen“ im Internet. Die Stichworte „Computer“ und „Internet“ fehlen jedoch im sorgfältig erstellten Sachregister. Genau hier setzt mein für das österreichische Innenministerium erstellte Konzept für die Verwendung des Geburtshauses von Adolf Hitler in Braunau am Inn an. An dieser Stelle habe ich schon mehrmals über den Umgang der oberösterreichischen Kleinstadt mit ihrem „unerwünschten Erbe“ berichtet. 1989 hat Bürgermeister Gerhard Skiba vor dem „Hitler-Haus“ einen Gedenkstein aufstellen lassen, und 1992 wurden zum erstenmal die seitdem regelmäßig Ende September stattfindenden „Braunauer Zeitgeschichte-Tage“ durchgeführt. Neben der mit dem Gedenkstein und den Tagungen verbundenen Aufklärung sollten auch Orte inhaltlich besetzt und damit Alt- und Neonazis unzugänglich gemacht werden. Und tatsächlich scheint der Gedenkstein das „Hitler-Haus“ für die „Ewiggestrigen“ entweiht zu haben. Als Versammlungsort haben Rechtsextremisten den für sie mit höchster Symbolkraft ausgestatteten Ort Braunau am Inn nicht mehr ausgewählt. Die „Besetzung“ durch die Braunauer Zeitgeschichte-Tage könnte dazu beigetragen haben.

Zufällig wurde 1977 die in jeder Hinsicht richtige Verwendung für das „Hitler-Haus“ gefunden. Als die Lebenshilfe ein Haus für die Betreuung von geistig Behinderten suchte, hat keiner daran gedacht, daß er damit das stärkste denkbare Gegenbeispiel zu einer drohenden NS-Pilgerstätte liefern würde. Menschen, denen vom Führer des Dritten Reiches das Recht auf Leben abgesprochen worden ist, leben seitdem in seinem Geburtshaus und fühlen sich dort wohl, wie mir der Leiter der Lebenshilfe, Heinrich Huemer, versicherte, denn das Haus wirkt zwar von außen etwas heruntergekommen, ist jedoch innen völlig in Ordnung, und vor allem liegt es mitten in der Stadt. Die Behinderten werden daher nicht verdrängt. Nur die besonders im Sommer zahlreich auftauchenden Touristen, Journalisten und Wissenschafter, die das Haus sehen und mehr über die historischen Hintergründe wissen wollen, sind für Huemer ein schwer zu bewältigendes Problem. Ein Beispiel: Er kann ihnen nicht einmal sagen, in welchem Zimmer Hitler geboren wurde, es ist nämlich nicht bekannt.

Genau dabei will ihm der GEDENKDIENST helfen. Neben seinen vier vom Innenministerium zur Betreuung der Behinderten zur Verfügung gestellten Zivildienstleistenden sollte ein fünfter die Betreuung der Besucher übernehmen. Da die Behinderten nicht zum Ausstellungsobjekt werden dürfen, sollte diese Besucher-Betreuung nur in Ausnahmefällen im „Hitler-Haus“ selbst stattfinden. Aus der erwähnten „Not“, daß wir nicht einmal wissen, in welchem Zimmer er geboren wurde und wie der „kleine Adolf“ in diesem Haus gelebt hat, können wir die Tugend machen, dem Haus die Faszination zu nehmen, die es ansonsten ausüben könnte. Aus diesem Grund wird auch kein Museum eingerichtet werden.

Ähnlichen Ideen liegt meine Überlegung zugrunde, diese Informationen im Internet anzubieten. Wer im Internet das Stichwort „Braunau“ sucht oder zufällig beim „Surfen“ darauf stößt, sollte unsere Inhalte und nicht diejenigen der Rechtsextremisten geliefert bekommen. Da in Braunau am Computer ein Gedenkdienstleistender sitzen wird, muß es der Internet-Benützer nicht nur beim Lesen der Information bewenden lassen. Er kann auf Wunsch mit dem jungen Österreicher kommunizieren.

Projekt Details

  • Datum 28. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1996

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