Linzer leistet Gedenkdienst gegen das Vergessen, Oberösterreichische Nachrichten, 19.08.1999

19.08.1999

Projekt Beschreibung

Linzer leistet Gedenkdienst gegen das Vergessen

VON ROSWITHA FITZINGER
  LINZ. Der Linzer Reinhard Hannesschläger (23) hat sich für eine andere Form des Zivildienstes entschieden. Er leistet derzeit an der „Shoah Foundation“ in Los Angeles seinen Gedenkdienst – als erster Österreicher überhaupt.   Die 1994 von Filmregisseur Steven Spielberg gegründete Forschungseinrichtung hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Video-Archiv von Überlebenden des Holocausts anzulegen. Eine Aufgabe, an der auch der Linzer Student bereits aktiv mitarbeitet. „Die Arbeit der Shoah Foundation wird es zukünftigen Generationen von Schülern ermöglichen, die Menschen hinter den Opferzahlen kennenzulernen“, ist sich Hannesschläger der Bedeutung dieser Einrichtung bewusst. Konkret beschäftigt er sich während seines 14-monatigen Aufenthalts mit dem Schicksal der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Nach einer kurzen Einschulung wird er schon demnächst darangehen, die Interviews von etwa 80 überlebenden Zeugen Jehovas zu bearbeiten.   Ursprünglich war es das Interesse am Thema Holocaust und auch seine Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas, die Hannesschläger überhaupt dazu bewogen haben, Gedenkdienst zu leisten. Später als er Zeitzeugen kennen lernte, erkannte er eine weitere, viel wichtigere Dimension seines Tuns. „Für die Opfer des Holocausts bedeutet es viel, wenn sie merken, dass sich junge Österreicher mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und sich des geschehenen Unrechts bewusst sind“, erklärt der 23-jährige Linzer. „Die Opfer verbinden mit Österreich ein Land, aus dem sie verjagt, ihre Verwandten auf schreckliche Weise ermordet wurden und das sich in der Vergangenheit oft um seine Mitverantwortung gedrückt hat.“   Obwohl Hannesschläger erst seit einigen Wochen in L.A. ist, hat er sich doch bereits ganz gut eingelebt. Vor allem aufgrund der Kontaktfreudigkeit der Menschen hat er sich von Anfang an sehr wohl gefühlt. Zu schaffen machen dem begeisterten Radfahrer allerdings der Smog und die schlechten Straßen. Und auch mit den Fahrkünsten der Amerikaner steht es nicht zum Besten.   Untergebracht ist der Wirtschaftsstudent zur Zeit in einem kleinen Appartement in Nord- Hollywood. „Keine sehr schöne Gegend“, wie er selbst sagt. Vor allem die großen sozialen Unterschiede und in der Folge die Ghettoisierung der Menschen seien stark sichtbar, berichtet Hannesschläger.   Gedenkdienst an Museen und Holocaustgedenkstätten, wie Reinhard Hannesschläger ihn leistet, ist nur eine Form des Auslandsdienstes. Es besteht weiters die Möglichkeit Sozialdienst (Arbeit in Schulen, mit Behinderten, alten Menschen . . .) oder Friedensdienst im Ausland zu leisten. Wichtigste Voraussetzung: die Zivildienstpflicht muss gegeben sein.   Viele Möglichkeiten   Vermittelt und entsandt werden die Gedenkdiener vom „Verein für Dienste im Ausland“, der 1992 von Dr. Andreas Maislinger ins Leben gerufen wurde. Ob nun Gedenkdienst im Museum Auschwitz-Birkenau, Sozialdienst bei einem Straßenkinderprojekt in Nicaragua oder Friedensdienst bei einem israelischen Projekt, die Möglichkeiten, Auslandsdienst zu leisten, sind vielfältig. „Demnächst werden wir auf allen Kontinenten vertreten sein“, erklärt Obmann Maislinger.   Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und sich eine eigene Stelle aufzubauen. Diese muss jedoch vom Innenministerium als Gedenk-, Friedens- oder Sozialdienststelle anerkannt werden.   Wer mehr über den Auslandsdienst erfahren möchte, der riskiert am besten einen Blick ins Internet. Die Homepage findet sich unter: www.auslandsdienst.at.

Projekt Details

  • Datum 25. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1999

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