Leben!, Jüdische Rundschau

02.03.1995

Projekt Beschreibung

Jüdische Rundschau 2. März 1995

Leben!

von Andreas Maislinger

Am 27. Januar wurde am 50. Jahrestag der Befreiung im Museum Auschwitz-Birkenau der ermordeten Juden gedacht. Weitere Gedenkveranstaltungen werden in diesem Jahr folgen. Trotz der Erinnerung an die Befreiung der Lager und der Rettung der wenigen Überlebenden steht der Tod im Mittelpunkt. Die Holocaust-Gedenkstätten in Europa werden von den Toten bestimmt. Nicht so in Israel.

„In Dankbarkeit. Das jüdische Volk. Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“. So lautet der Text auf der Medaille zur Auszeichnung als „Gerechter unter den Völkern“. Yad Vashem hat über 8000 Nichtjuden, die während des Nationalsozialismus ihr Leben für die Rettung von Juden riskierten, in dieser Form ausgezeichnet. Das ist einmalig. Mir ist außer Israel kein Staat bekannt, der eine der höchsten Auszeichnungen ausschließlich an Retter von Leben vergibt.

Yad Vashem ist die nationale Gedenkstätte in Israel zur Erinnerung an Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten. Wörtlich heißt „Yad Vashem“ „Denkmal und Name“ und geht zurück auf einen Satz des Propheten Jesaja 56,5: „Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ Neben den Denkmälern für die ermordeten Juden und die vernichteten Gemeinden sind es jedoch die seit Mai 1962 gepflanzten Bäume der Allee der Gerechten, die Yad Vashem prägen. Wieder ist mir kein anderer Staat bekannt, der Ausländer in dieser Form in der nationalen Gedenkstätte ehrt. Und Bäume leben. Für einen Mitteleuropäer wirkt es wie ein Wunder, daß aus der trockenen Erde dieses Leben gedeihen kann. Eindrucksvoller kann man den Toten und (Über-)Lebenden kein Denkmal setzen.

Einmal auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht, öffnen sich die Augen nicht nur für die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart und Zukunft. Bester Ausdruck für das, was ich sagen will, ist folgendes Erlebnis: Vor einigen Jahren habe ich jüdische Jugendliche aus Israel und Europa auf ihrem „March of the Living“ in Polen begleitet. Es war Ermutigend für mich, nach meinen vielen Aufenthalten im Museum Auschwitz-Birkenau und in der Gedenkstätte Majdanek diese Reise mitmachen zu dürfen. Dieses Leben wollten die Nationalsozialisten verhindern. Es sollte keine weiteren jüdischen Generationen in Europa geben. Natürlich ist mir bekannt, daß es auch Kritik an diesen „Lebensmärschen“ gegeben hat, die Jugendlichen haben jedoch wahrscheinlich die ihrem Lebensgefühl angemessenste Form der Erinnerung an die Ermordeten gefunden.

Am stärksten ist mir die Aufstellung rund um das Denkmal in Majdanek in Erinnerung. Vor dem Hintergrund der Geschichte Österreichs und Deutschlands nicht unverständlich, stehe ich Fahnen und Uniformen eher distanziert gegenüber. Und besonders Aufmärsche in Gedenkstätten wecken Widerspruch in mir, wurden diese Orte doch nur zu oft mißbraucht.

Und tatsächlich haben Kritiker auch im „March of the Living“ einen Mißbrauch gesehen. Für mich waren die Jugendlichen mit der israelischen Fahne und den blauen Hemden von Haschomer Hazair jedoch Ausdruck einer selbstbewußten jüdischen Nation. Hitler hat nicht gesiegt. Die Nationalsozialisten konnten ihr Ziel, die Juden auszurotten, nicht erreichen. Heute gibt es den Staat Israel, und es leben mehr Juden auf der Welt, als 1945. Diese Gedanken vermittelten mir am Ort des Todes ein starkes Gefühl für das Leben.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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