Kurier – 14. Jänner 2002 / Die Reifung nach der Reifeprüfung

14.01.2002

Projekt Beschreibung

Die Reifung nach der Reifeprüfung Freiwilliger Sozialdienst u. a. auch mit Straßenkindern in Südamerika „Nach der Matura war für mich klar, egal wo, jedenfalls wollte ich mit Straßenkindern arbeiten“, schildert Ruth Schleicher dem Schul-KURIER. In den letzten beiden Schuljahren hatte sie eine Fachbereichsarbeit über Straßenkinder in Lateinamerika verfasst. Dafür war sie in den Ferien zwischen der 7. und 8. Klasse fünf Wochen in Nicaragua gewesen, um sich bei Entwicklungshilfeprojekten umzusehen. Selber begann die Schulabgängerin sechs Monate nach der Reifeprüfung ein Jahr in der bolivianischen Hauptstadt La Paz zu arbeiten und rasch zu „reifen“. „Am Anfang war ich nämlich voll die dumme Weiße. Kommt ein Mädchen und klagt über Bauchschmerzen. Bis ich gecheckt habe, was los war! Die hatte mit 17 eben ihre zweite Abtreibung hinter sich. Und auch die Buben, gerade vielleicht einmal 7, machen dich voll an, kleine erwachsene Machos.“ Rasch lernte Ruth Schleicher, auf die Kids zuzugehen. Je weniger sie den pädagogischen Zeigefinger (beispielsweise „hör auf zu schnüffeln . . .“) raushängen ließ und je mehr sie die Mädchen und Burschen zuallererst einmal akzeptierte, einfach präsent war, desto eher kamen sie auf „Sen˜orita Ruth“ zu. Zirkus Dabei half der Wiener Maturantin nicht zuletzt ihre vieljährige eigene Erfahrung im Zirkus Kaos als „Eisbrecher“. Schminken, sich verkleiden, jonglieren, Kunststücke und Tricks – „Zirkus spielen brachte Tapetenwechsel und förderte obendrein das Selbstbewusstsein der Kids“. So vertrauten sie der Fremden bald so sehr, dass sie mit ihr Hausaufgaben machten, sich von ihr zu Arztbesuchen begleiten ließen oder miteinander Kekse backten, um sie anschließend zu verkaufen. Weniger toll fand sie die Organisation – sowohl jenes Schüleraustauschprogramm, mit dem sie nach Bolivien gekommen war, als auch die Casa Alalay. „Natürlich sind da viele Straßenkinder auch in die Schule gekommen. Klar, wenn’s dort wenigstens eine Jause für sie gibt.“ Buddeln sich doch einige nachts Erdlöcher am Friedhof, um der Kälte zu trotzen, oder binden sich in Bäumen zum Schlafen fest. „Aber Kids, die so auf sich gestellt, eigenständig ihr Leben organisieren, die kannst du nicht stundenlang zwingen, Buchstaben abzumalen!“ Schleichers schriftlich an die Leitung formulierte Kritik, die von vielen ihrer KollegInnen geteilt wurde, zeigte Wirkungen. Unter neuer Leitung fand sie die Stimmung bei einem Besuch Monate nach Ende ihres freiwilligen Jahres nun viel offener und „relaxter“. SOZIALES JAHR: Grad noch Schüler und nun schon LehrerInnen Nach der Tischlerlehre machte er noch die Berufsreifeprüfung. Dann hieß es ab – von Vorarlberg in die Nähe von Sunyami, einer 80.000- Einwohner-Stadt in Ghana. Im dortigen Berufsschulzentrum absolvierte der 20-jährige Simon Fritsche seinen 14-monatigen Zivildienst-Ersatz. Der ihn so faszinierte, dass er in der ganzen Zeit gerade zwei Mal zu Hause anrief bzw. mailte, „wenn die Verbindung funktionierte“. In null Komma nix war aus dem Schüler ein Lehrer geworden. Als solcher wurde er sofort akzeptiert, „obwohl ich jünger war als so manche Schüler und normalerweise in Ghana der Ältere das Sagen hat“, bringt er seine Überraschung im Gespräch mit dem Schul-KURIER zum Ausdruck. Aber Weiße haben eben noch immer noch mal mehr zu sagen, womit „ich Schwierigkeiten mit mir und meiner Rolle hatte“. „Seine“ Schüler waren so hoch motiviert, dass sie sogar halb krank in die Schule kamen, Werkstätten aufräumten, dann lernten und schließlich arbeiteten. Mit der Herstellung von Möbeln sollen auch Teile des Projekts selbst bzw. dessen Erweiterung finanziert werden. Auch „Mutter“ Neben ihrem Job als Lehrerin übernahm Clara Ferstl in einem Projekt für Straßenkinder Nairobis für manche Schützlinge auch die Rolle einer „Mutter“. Dabei hatte sie es mit sehr unterschiedlich alten SchülerInnen zu tun. Obwohl sie die zweite Hälfte der Grundschule (also in etwa 3./4. Klasse Volksschule) unterrichtete, waren „die meisten 12, einer sogar 18 Jahre“. Anfangs selbst skeptisch, war alles kein wirkliches Problem. Ferstl selbst war in ihr freiwilliges soziales Jahr auch „nicht als Entwicklungshelferin“ gegangen, sondern mit der Intention „kulturellen Austausches“. Das Jahr in Kenia bewirkte eine eindeutige Entscheidung, Völkerkunde und internationale Entwicklung zu studieren. Es brachte aber noch weit mehr, indem die Wr. Neustädterin „sehr überrascht war, Dinge und Situationen gemeistert zu haben, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte“. Mehr im Internet: www.auslandsdienst.at www.auslandsdienst.info

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2002

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