Jeremias, Jüdische Rundschau

11.04.1996

Projekt Beschreibung

Jüdische Rundschau 11. April 1996

Jeremias

von Andreas Maislinger

Der Prophet Jeremia hat vor 2600 Jahren während der unruhigen Zeit des Niedergangs des Königreiches Juda gelebt. Jeremia zog sich den Zorn der eigenen Priesterschaft zu, als er verkündete, die Kraft zum Überleben liege allein im Lebenswandel des Volkes. Das strenge Befolgen religiöser Riten sei nicht ausreichend. Trotz schrecklicher Verfolgungen verloren weder Jeremia noch alle anderen Propheten je den Glauben an die Kräfte der Erneuerung, die im Volk schlummern. Er prophezeite, daß nach siebzig Jahren ein geläutertes Juda seine Unabhängigkeit und seinen früheren Glanz wiedererlangen würde. Seine Zeitgenossen nannten ihn für seine Aussagen einen Verräter und warfen ihn in einen Brunnen. Sie sorgten sich mehr um die Gegenwart als um die Zukunft.

In diesen Monaten könnte ich mir kaum eine lehrreichere Lektüre vorstellen als das Buch Jeremia. Ich bin jedoch kein Jude und als (der Kirche entfremdeter) Katholik theologisch zu wenig gebildet, um mich weiter über diesen großen Propheten zu äußern. An dieser Stelle interessiert mich daher nicht der Inhalt seiner Mahnungen und Voraussagen, sondern der Zeitraum von sieben Jahrzehnten, für den er sein Volk in die Verantwortung nahm. Ein für unsere Politiker unvorstellbarer Zeitraum, geht es ihnen doch darum, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Der eine oder andere Politiker denkt noch an mögliche weitere Karriereschritte. Diese Überlegungen reichen aber nur äußerst selten über die nächsten zehn Jahre hinaus. Obwohl wir heute keine Propheten mehr benötigen, um Voraussagen über den wahrscheinlichen Zustand unseres Landes und unserer Erde im Jahr 2020 oder 2070 zu machen, scheint dies unseren Regierungen gleichgültig zu sein. 2020 werden sie nicht mehr bei Wahlen antreten und 2070 werden sie nicht mehr leben. Sie handeln, als ob mit ihrem Abtreten alles zu Ende wäre. Deshalb kümmern sich die wenigsten um ihre Nachfolger. Diese erinnern sie an die zeitliche Begrenzung des von ihnen eingenommenen politischen Amtes.

An nichts anderes erinnern auch Kinder und Enkel. Diese werden an unsere Stelle treten und zeigen damit ständig, daß unsere Zeit abläuft. Vielleicht sind es daher nicht nur die vielen Termine, die einen Politiker davon abhalten, mit seinen Kindern oder Enkeln zu sprechen? Nur der ständige Kontakt mit den nächsten heranwachsenden Generationen kann uns jedoch lehren, nicht nur in Jahren, sondern in Jahrzehnten zu denken. Yitzak Rabin hat ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Enkelin Noa Ben Atzi gehabt, und Yassir Arafat scheint sehr an seiner kleinen Tochter Sahala zu hängen. Es würde mich nicht wundern, wenn dies einen Einfluß auf den Friedensprozeß ausgeübt hätte.

Hermann Göring hat seine 1938 geborene Tochter Edda abgöttisch geliebt. Trotzdem blieb er einer der ganz großen Verbrecher unseres Jahrhunderts. Mit diesem Beispiel will ich zeigen, daß die liebevolle Zuwendung zu den eigenen Kindern natürlich keine Garantie für die Besserung unserer Politiker darstellt. Es gehört auch mehr dazu, als sich öffentlichkeitswirksam mit den Kindern fotografieren zu lassen. Auch Adolf Hitler hat sich gerne mit Kindern gezeigt. Er hat sie jedoch immer von oben herab getätschelt. Wenn er sich zu ihnen hinuntergebeugt hat, dann nicht, um mit ihnen zu reden, sondern um sich ein Lobsprüchlein ins Ohr sagen zu lassen. Daß Kinder von Anfang an eigenständige Persönlichkeiten sind, daran hat er nicht gedacht – und daran denken auch heute viele noch nicht. In der Straßenbahn oder auf dem Spielplatz unterscheidet sich der Ton, den Eltern ihren Kindern gegenüber anklingen lassen, oft nicht von dem der Zeit vor 1945. Wenn das Verhalten nicht ganz bewußt geändert wird, geben Eltern immer wieder unbewußt negative Verhaltensweisen an ihre Kinder weiter. Wer diesen Teufelskreis durchbrechen will, muß sich anstrengen. Ich spreche hier aus Erfahrung. Denn mein kleiner Sohn ist zweieinhalb Jahre alt, und immer wenn ich ihn ansehe, geht mir durch den Kopf, daß Kinder eigenständige Persönlichkeiten sind – was nicht immer ohne Anstrengung ist -, und daß wir für die Welt verantwortlich sind, in der die Kinder leben und als Erwachsene leben werden. Nie hätte ich gedacht, daß ich von einem Kind soviel lernen kann.

Übrigens: Mein Sohn heißt Jeremias.

Projekt Details

  • Datum 28. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1996

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