Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, Kritisches Christentum Nr. 33

Dezember 1979

Projekt Beschreibung

Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz

Andreas Maislinger

Während des Faschismus-Seminars in Bad Ischl haben einige KC-Leser den Wunsch geäußert, daß wir in unserem Blatt auch auf praktische Aktionsmöglichkeiten bzw. Modelle hinweisen sollen. Die Redaktion steht diesem Vorschlag sehr positiv gegenüber, hat jedoch den Ball an die Leser zurückgespielt: Wir brauchen dazu die Mithilfe unserer Leser in Form von Beiträgen oder zumindest Hinweisen. Ein KC-Abonnent und Teilnehmer am Ischler-Seminar hat den Ball bereits aufgenommen. Er schickte uns einen Beitrag, der noch dazu inhaltlich direkt mit dem Thema des AKC-Seminars von Bad Ischl zu tun hat. Er beschreibt das Projekt einer geplanten internationalen Jugendbegegnungsstätte in der Nähe des ehemaligen KZ Auschwitz. Er sucht dafür nicht nur finanzielle Unterstützung (auch das), sondern vor allem Jugendliche, die bereit sind, dort einen internationalen Friedens- und Versöhnungsdienst zu leisten. Außerdem sucht er politische Unterstützung für die Forderung, daß ein freiwilliger Dienst dieser und ähnlicher Art in Österreich als Zivildienst anerkannt wird. Wir halten diesen Vorschlag nicht nur für berichtens, sondern auch für unterstützenswert. In diesem Sinne ersuchen wir unsere Leser, den Beitrag von Andreas Maislinger nicht nur zu lesen, sondern auch zu überlegen, inwieweit Sie das Projekt in der einen oder anderen Form unterstützen können. Bezüglich weiterer Informationen bzw. Unterstützungserklärungen wenden Sie sich bitte an: Andreas Maislinger, Au 4, 5110 St. Georgen/Salzach.
Seit mehr als zwei Jahren bin ich in Kontakt mit „Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste“, der Organisation, welche durch Zeichen der Versöhnung ein neues Verhältnis zu den ehemaligen Opfern des deutschen Faschismus errichten möchte. Dies wird durch Freiwilligendienste in Großbritannien, den USA, Norwegen, Frankreich; vor allem jedoch in Israel und Polen, denjenigen Ländern, deren Menschen wohl am meisten unter der Nazi-Barbarei zu leiden hatten. In Zusammenarbeit mit dem polnischen Verband ehemaliger Widerstandskämpfer plant die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, in der Nähe von Auschwitz eine internationale Jugend-Begegnungsstätte zu errichten. Unter den vielen Projekten der Aktion Sühnezeichen steht uns Österreichern sicher die Arbeit in Auschwitz am nächsten. Dies sowohl aus Gründen unserer jüngsten Geschichte – waren doch Österreicher als Aufseher in den KZ´s gefürchtet und gehaßt -, als auch wegen der geografischen Nähe. Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war vor wenig mehr als 30 Jahren ein Ort schrecklicher Verbrechen. Heute ist dort eine Gedenkstätte, deren Aufgabe darin besteht, bei den Überlebenden, den Nachgeborenen, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und zur Menschlichkeit zu mahnen. In dieser Gedenkstätte, die jährlich von huntertausenden Menschen aus aller Welt besucht wird, arbeiten seit 14 Jahren auch Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste. Unter diesen Besuchern war auch Bundespräsident Rudolf Kirchschläger. Nachdem ich ein großes Foto in der Gedenkstätte gesehen hatte, welches ihn während des Besuches zeigt, glaubte ich ihn für die Unterstützung der internationalen Jugend-Begegnungsstätte gewinnen zu können. In seiner Antwort vom 21. März 1978 ging er jedoch nur auf die bekannt guten Beziehungen zwischen Polen und Österreich ein, „ein Welle großen Verständnisses und herzlicher Sympathie“ schlug ihm immer wieder entgegen. Sicher, diese Aussagen des Bundespräsidenten geben eine Erfahrung wieder, welche jeder Österreicher in Polen machen wird. Nur, kann uns das der Verantwortung entheben, über unsere Vergangenheit nachzudenken? Darf dies als Mittel der Vertuschung dunkler Stellen in unserem Verhältnis zum polnischen Volk dienen? Nein, dies darf es nicht. Davon bin ich überzeugt. Die junge Generation der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs (ich bin 24) ist unschuldig an den Ereignissen der Vergangenheit. Für sie soll die Begegnung mit Auschwitz nicht eine Reise in die Vergangenheit, sondern ein Aufbruch in die Zukunft sein. Doch nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft bewältigen. Volker von Törne schreibt in einer Aussendung von Aktion Sühnezeichen das Projekt folgendermaßen: Geplant ist eine Internationale Jugendbegnungsstätte, etwa ein km von der heutigen Gedenkstätte entfernt, im Erholungsgelände am Ufer des Flusses Sola, gegenüber der Altstadt der heutigen Stadt Oswiecim. Die Baupläne sehen kein touristisch orientiertes Jugendhotel vor, sondern ein Seminargebäude mit 80 Betten, Seminargruppen- und Freizeiträumen und anderen Einrichtungen unter Berücksichtigung didaktischer Gesichtspunkte. Aufgabe der Internationalen Jugendbegegnungsstätte wird es sein, Jugendgruppen aus aller Welt (damit auch aus Österreich), die die Gedenkstätte in Auschwitz besuchen, aufzunehmen und ihnen die Gelegenheit zu geben, auf dem Hintergrund der Geschichte die brennenden Fragen nach einer Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern zu diskutieren.   Die Aktion Sühnezeichen wird sich an der Planung und Durchführung von Programmen für Gruppen beteiligen, welche aus dem westlichen Ausland kommen. Zu diesem Zweck sollen Freiwillige der Aktion Sühnezeichen auch nach Beendigung des Baus langfristig bei der Betreuung von Besuchergruppen in der internationalen Jugend-Begnungstätte mitarbeiten. Dabei sollte doch auch ein österreichischer Freiwilliger, welcher seinen Zivildienst dort ableistet, mitarbeiten, um auf die spezifisch österreichischen Probleme dieser Arbeit einzugehen. Besonders notwendig erscheint dies, zieht man in betracht, daß auch österreichische Gruppen die Begegnungsstätte besuchen werden. Hinzu kommt die Ausrichtung auf die Ost-West-Verständigung, welche in sehr starkem Maße die Anstrenungen der österreichischen Außenpolitik bestimmt, leider jedoch im geplanten Jugendaustausch mit Osteuropa wenig aufzuweisen hat. So wurde aus der geplanten internationalen Jugendakademie – Vorschlag von Bundeskanzler Klaus im Jahre 1969 vor dem Europarat – nichts und auch der von der UNESCO durchgeführte Jugendaustausch mit osteuropäischen Ländern wurde eingestellt. Bereits in einem Beitrag für DIE FURCHE 11/1979 habe ich folgende persönliche Bemerkung gemacht: Vor meinem Studium habe ich den Wehrdienst verweigert, weil ich annahm, außerhalb der Armee meinen Beitrag für den Frieden leisten zu können. In der Arbeit der Aktion Sühnezeichen glaube ich meine Aufgabe gefunden zu haben. In den Jahren 1980/81 werde ich im Polenreferat als Freiwilliger arbeiten. Leider ist es in Österreich nicht wie in der Bundesrepublik Deutschland möglich, diesen freiwilligen Dienst als Zivildienst anrechnen zu lassen. Dies, obwohl die geforderte Leistung weit über den üblichen Zivildienst hinausgeht.   Auf diese Äußerungen im März dieses Jahres habe ich leider keine Unterstützung für mein Vorhaben bekommen. Sollte es nicht doch möglich sein, eine „österreichische“ Lösung, wie sie für die Entwichlungshelfer gefunden wurde, auch für Freiwillige bei internationalen Versöhnungs- und Verständigungsdiensten zu finden?

Projekt Details

  • Datum 7. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 1979 - 1990

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