Im Tiefland Boliviens, aha.or.at, Interview

01.09.2007

Projekt Beschreibung

aha.or.at Interview
Mathias Althaler Im Tiefland Boliviens
Warum warst du im Ausland? Ich machte meinen Auslandsdienst im östlichen Tiefland von Bolivien. Ins Ausland wollte ich, um die Sprache und die Kultur kennen zu lernen, um für eine längere Zeit alleine unterwegs zu sein und um mich selbst ein wenig zu fordern. Warum gerade Bolivien? Grundsätzlich hat mich Südamerika schon immer gereizt und Bolivien wurde es hauptsächlich aus organisatorischen Gründen, wie etwa Qualifikation und Verfügbarkeit der Stelle. Wie hast du die Stelle gefunden? War es einfach? Ich ließ mir die Liste aller Trägerorganisationen vom Bundesministerium schicken, studierte diese und schrieb alle Stellen, die mich interessierten, an. Da ich damit relativ früh anfing, hatte ich keinen Stress. Alles in allem ist das Ganze relativ problemlos über die Bühne gegangen. Zwischen der Erhalt der Liste und dem Vertragsabschluss verging etwa ein Jahr. Wie sieht der Ablauf aus, um als Zivildiener ins Ausland zu gehen? Nach der Stellung muss ein Zivildienstantrag abgegeben werden. Hat man diesen, muss man sich um eine Stelle umschauen – entweder man hat schon eine im Auge oder man muss – so wie ich – Listen durchlesen, andere Ex-Auslandsdiener suchen und immer die Ohren spitzen. Ist eine Stelle gefunden, bewirbt man sich dort und hofft auf eine Zusage. Ich hatte zuerst ein „Bewerbungsgespräch“ mit der Projektleiterin in Österreich. Dann unterzeichnete ich den Vertrag mit der Trägerorganistation. Als Vorbereitung besuchte ich einige Seminare, die von meinem Trägerverein organisiert bzw. zur Verfügung gestellt wurden, und begann einen Sprachkurs (den ich leider nicht sehr oft besuchen konnte). Mit wie viel Vorbereitungszeit muss gerechnet werden? Das liegt wohl an der Dienststelle und an einem selbst. Meine Vorbereitungen beschränkten sich auf das Organisatorische und einen einmonatiger Sprachkurs in Bolivien vor Dienstantritt. Halbwegs vernünftige Sprachkenntnisse sind jedoch von äußerst großem Vorteil! Visum notwendig? In meinem Fall funktionierte es mit einem 90-tägigem Touristenvisum und jeweiliger Verlängerung mittels Aus- und Einreise. Impfungen notwendig? Regional sehr abhängig. Gegen Hepatitis, Gelbfieber und Tollwut sollte geimpft werden. Reiseversicherung? Über den Trägerverein hatte eine „normale“ Sozialversicherung. Zusätzlich schloss ich eine Zusatzversicherung ab, und war über den Alpenverein und meine Kreditkarte versichert. Mit welchen Erwartungen und Wünschen bist du ins Ausland gegangen? Ich kam mit wenigen Erwartungen, aber unendlich vielen Wünschen in Bolivien an. Wissensdurst und viel Fernweh motivierten mich alles aufzusaugen und kennen zu lernen. Wurden sie erfüllt? Eigentlich wurde alles Angedachte übertroffen. Ich war von mir selbst überrascht und mit dem Geleisteten sehr zufrieden. Was hast du vor Ort gemacht? Ich war als Lehrer in einer Schule für Mädchen aus dem ländlichen Bereich tätig. Neben dem Unterricht in „Informatik“ (= Grundkenntnisse am Computer), haben wir auch sehr viel Freizeit mit den Schülerinnen verbracht. Wir engagierten uns vor allem als „Manager“, Trainer und Begleitpersonen für einige Sportteams. Arbeit war sechs Tage pro Woche angesagt. Daneben war mir der Kontakt zur heimischen Bevölkerung sehr wichtig. Mit wem hast du zusammengearbeitet? Mein Kollege, Anton Walser, ein waschechter Vorarlberger, war mein Arbeitskollege und Mitbewohner, quasi mein Lebenspartner :-). Wo warst du untergebracht? Wir bewohnten ein eigenes Haus mit großem Garten in der Nähe der Schule, das uns von der Dienststelle zur Verfügung gestellt wurde. Hin und wieder hatten wir vorübergehend Freiwillige als MitbewohnerInnen. Hattest du auch schlechte Erfahrungen? Natürlich ist nicht alles immer Sonnenschein, aber wirklich negative Erfahrungen machte ich keine. Von Überfällen und Diebstählen blieb ich glücklicherweise verschont. Wenn man versucht die Kultur und Lebenseinstellung der Einheimischen zu verstehen und sich etwas hineinversetzt, nimmt man viele Dinge weniger persönlich, vermeidet Unannehmlichkeiten und macht sich das Leben einfacher. Wie sah deine Freizeit aus? In meiner Freizeit verbrachte ich viel Zeit mit meinen Schülerinnen. Mein Kollege und ich waren Sportverantwortliche der Schule, was bedeutet, dass wir Trainings organisierten und abhielten, zu den Sportveranstaltungen im Stadion gingen und das ganze Organisatorische organisierten. Wir waren damit sehr oft 4 bis 5 Abende in der Woche beschäftigt und manchmal sogar am Wochenende. Auch spielten wir im Volleyballteam in der Stadtliga mit. Ansonsten unternahm ich viel mit meinem Kollegen, den vielen anderen Freiwilligen und natürlich einigen Einheimischen, wie unseren Nachbarn, Kollegen und einigen Freunden. Wie ging es dir mit der Sprache? Da ich ohne ein Wort Spanisch zu können in Bolivien ankam, war es anfänglich sehr schwer für mich. Im ersten Monat verbrachte ich bei einer Gastfamilie in Cochabamba (einer Stadt in der Mitte Boliviens) und besuchte eine Sprachschule. Nach diesen vier Wochen konnte ich mich etwas unterhalten und viel verstehen. Eine Sprache erlernt man erst durch viel, viel Praxis. Danach ging es eigentlich relativ schnell. Ich begann nämlich zu unterrichten und vernünftige Spanischkenntnisse waren ein absolutes Muss. Mit meinen Kollegen unterhielt ich mich meistens auf Deutsch, versuchte aber auch viel Spanisch zu sprechen. Auf meinen Reisen, die ich größtenteils alleine machte, war es unumgänglich mich fast ausschließlich in der Landessprache zu unterhalten, ausgenommen mit anderen Touristen auf Englisch. Wie ging es dir mit den kulturellen und gesellschaftlichen Unterschieden? Wenn man offen für Neues und „Anderes“ ist, fallen einem Unterschiede nicht schwer. Natürlich gibt es viele kulturelle Unterschiede. Um diese genauer kennen zu lernen und zu verstehen, muss man sich darauf einlassen und viel Kontakt zu den Einheimischen haben. Speziell die sozialen Unterschiede und die damit verbundenen Probleme waren oft sehr erschreckend und haben mir sehr oft bewusst gemacht, wie gut es uns eigentlich hier in Österreich geht! Was ist deiner Meinung nach sehr typisch für dieses Land? Soziale, kulturelle, topografische, klimatische und viele andere Unterschiede innerhalb des Landes. Es gibt fast alles: Angefangen von hohen Bergen und Hochplateaus über tropische Urwälder bis hin zu wüstenähnlichen Steppen und Salzseen. Die Leute sind weitgehend hilfsbereit und freundlich, wenn sie auch oft versuchen einen übers Ohr zu hauen. Bolivien ist sehr arm und seine politische Vergangenheit hat nichts Gutes dazu beigetragen…. Doch das ist eine andere Geschichte! Was hat dich in diesem Land überrascht? Die unglaubliche Vielfalt in allen Lebensbreichen und die Leichtigkeit der Leute (sowohl negativ als auch positiv). War es leicht oder schwierig sich an diese Überraschungen zu gewöhnen? Da ich eine relativ lange Zeit in Bolivien lebte, konnte ich mich gut daran gewöhnen. Von heute auf morgen funktioniert eine Anpassung natürlich nicht, aber es ist ein interessanter Prozess. Hast du Tipps für andere Jugendliche, die ins Ausland gehen möchten? Nichts überstürzen, langsam angehen, sich nicht in „Touristen-Hochburgen“ eingraben und Land und Leute auf sich wirken lassen! Wie sieht es mit den ungefähren Kosten aus? Bolivien ist sehr günstig. Der Reisestil ist natürlich sehr ausschlaggebend. Man bekommt Hotelzimmer von € 1,- bis € 100,- oder mehr. Ein Bier kostet € 0,5,- bis € 1,-, ein Essen ca. € 1,- (am Markt) und ca. € 5,- bis € 6,- (in einem Lokal). In meinen 1 ½ Jahren gab ich für alles etwa € 2.500 ,- aus (inkl. Reisen, 4 Wochen Sprachschule – sehr teuer!,…). Während des Zivildienstes hatte ich jedoch keine Unterkunftskosten und Mahlzeiten wurden uns auch zu Verfügung gestellt. Hast du etwas verdient? Ich bekam ein Taschengeld von € 500,- für die gesamte Dienstzeit von 14 Monaten. Nützliche Internet- oder Kontakt-Adressen? www.zivildienst.at/ausland Was sollte man auf keinen Fall vergessen einzupacken? Speck und Schnaps In wie weit hat dich deine Auslandserfahrung verändert? Ich stärkte vor allem meine Selbstständigkeit und mein Selbstvertrauen .Ich musste viele Aufgaben erfüllen, die für mich neu waren – speziell in der Schule. Beim Reisen war ich immer auf mich gestellt oder für andere mitverantwortlich. Ebenfalls lernte ich mich in unbekannten Ländern durchzuschlagen und nicht ausgenommen bzw. übers Ohr gehaut zu werden. Was bringt dir die Auslandserfahrung für die Zukunft? Nur Positives. Meine Sprachkenntnisse helfen mir als Techniker meinen Horizont zu erweitern und beruflich gesehen helfen Auslandserfahrungen immer weiter. Was machst du jetzt? Ich arbeite als Techniker im Anlagenbau. Hast du weitere Pläne ins Ausland zu gehen? Ich werde beruflich noch oft ins Ausland fahren dürfen/müssen, vor allem in den Osten, und ich freue mich schon sehr darauf. Da ich immer wieder sehr schnell Fernweh bekomme, werde ich auch privat so oft wie möglich ins Ausland reisen – es gibt viel zu sehen in der weiten Welt ;-). In Kürze: Drei Dinge, die du auf jeden Fall mitnehmen würdest Fotoapparat, ein deutsches Buch, einige Fotos von daheim Erstes gelerntes Wort in der Landessprache „Tranquilo“ = gemütlich, nur kein Stress Sportaktivitäten/Freizeit im Land Fußball, Tanzen, Feiern Typische Speisen/Getränke Churrasco, Chicha, Huhn in allen Varianten

Projekt Details

  • Datum 19. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2007

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

nach oben