Holocaust- Gedenkdienst statt Zivildienst, Kathpress, 25.05.1994

25.05.1994

Projekt Beschreibung

Holocaust- Gedenkdienst statt Zivildienst

Initiator des „Projektes Gedenkdienst“, Maislinger, berichtet bei Tagung in Salzburg über die Möglichkeit für junge Österreicher, als offizielle Vertreter Österreichs an den Holocaust-Gedenkstätten zu arbeiten.

Salzburg, 24.5.94 (KAP). Die Möglichkeit für junge Österreicher, im Rahmen ihres Zivildienstes einen sogenannten „Gedenkdienst“ an einer der Holocaust-Gedenkstätten zu leisten, stand am Wochenende im Salzburger Bildungshaus St.Virgil im Mittelpunkt der Tagung. „Das Erbe des Holocaust – Wie verschiedene Länder sich an den Holocaust erinnern.“ „Der Begriff ‚Gedenkdienst‘ wird als Wortschöpfung in den Duden aufgenommen werden, gefüllt mit ausschließlich der Bedeutung, die wir ihm gegeben haben“, zeigte sich der Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger, der Initiator des „Projektes Gedenkdienst“, mit dem Echo auf die Initiative zufrieden.

Nicht nur „Opfer“, auch „Täter“

Seit 1992 können junge Österreicher in Auschwitz, Theresienstadt oder an anderen Holocaust-Gedenkstätten einen „Gedenkdienst“ ableisten und bekommen diesen als „Zivildienst“ angerechnet. Rechtliche Grundlage dafür ist die Zivildienst-Novelle von 1991. Demnach werden Zivildienst-Pflichtige – wie es in der Regelung heißt – „nicht zum Zivildienst herangezogen, wenn sie einen 14-monatigen unentgeltlichen Dienst im Ausland leisten, der die Mitwirkung an der Lösung internationaler Probleme sozialer oder humanitärer Art zum Ziel hat“. Maislinger über Sinn und Zweck des Gedenkdienstes: „Junge Österreicher arbeiten an ehemaligen Stätten des Holocaust, um zu zeigen, daß sich die Österreicher nicht nur als ‚Opfer‘, sondern auch als ‚Täter‘ betrachten.“

Zur Zeit sind fünf junge Österreicher als „Gedenkdiener“ im Einsatz. Maislinger berichtete aber von der Zusage des Innenministers, daß in Hinkunft zehn Gedenkdienst-Stellen im Ausland finanziert werden. Junge Männer, die Interesse an dieser Art des „Dienstes am Vaterland“ haben, müssen sich – so Maislinger – mindestens zwei Jahre vorher melden, Einführungsseminare besuchen und die Sprache des Einsatz-Landes lernen.

Vielfältiger Arbeitsbereich

Wie bei der Tagung berichtet wurde, gehören zum Arbeitsfeld der „Gedenkdiener“ die Arbeit in Archiven und Bibliotheken, das Sichten und EDV-mässige Erfassen vorhandener Akten, das Vorbereiten und Gestalten von Ausstellungen, die Übersetzung von museumspädagogischem Material, die Betreuung deutschsprachiger Besucher sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Die Gedenkdiener gelten dabei als „offizielle Vertreter“ der Republik Österreich an den Gedenkstätten.

Die Einsatzbereiche für „Gedenkdiener“ sind derzeit das „US-Holocaust Memorial Museum“ in Washington, das „Yad Vashem“ in Jerusalem, die „Gedenkstätte Theresienstadt“, die „Anne Frank-Stiftung“ in Amsterdam und das „Museum Auschwitz-Birkenau“. Geplant ist darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Gedenkstätten in Lettland, Litauen und der Ukraine. Überlegt wird derzeit außerdem eine Mitarbeit in Mauthausen und im Jüdischen Museum in Wien.

Enkel von Seyss-Inquart wurde abgelehnt

Maislinger erhofft sich vom Gedenkdienst einen Beitrag, „daß die Österreicher ehrlich über ihren Anteil am Holocaust zu reden wagen“. Der Einsatz des Politologen für Versöhnung geht derzeit aber auch in eine andere Richtung: „Daß die ‚Anne Frank-Stiftung‘ in Amsterdam den Enkel von Seyss-Inquart als Gedenkdienst-leistenden abgelehnt hat, ist ein Skandal, den ich nicht hinnehmen werde“, sagt Maislinger bei der Tagung. Arthur Seyss-Inquart war von 1940 bis 1945 NS-Reichskommissar in den Niederlanden. (3546)

Projekt Details

  • Datum 25. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1994

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