Hitler-Haus: Alte Mauern, neue Ideen, Braunauer Rundschau

04.05.2000

Projekt Beschreibung

Braunauer Rundschau 4. Mai 2000

Hitler-Haus: Alte Mauern, neue Ideen

BRAUNAU. Jetzt liegen erste konkrete Pläne auf dem Tisch, was mit Hitlers Geburtshaus geschehen soll. Dr. Andreas Maislinger, wissenschaftlicher Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage, hat im Auftrag des Vereins ein Konzept erstellt. Er regt an, in der Salzburger Vorstadt ein „Haus der Verantwortung“ einzurichten.

Darin sollen Freiwillige aus EU-Ländern, österreichische Zivildiener und ehemalige Auslandsdiener zusammen arbeiten und zusammen leben. So soll ein ständiger Austausch von Ideen stattfinden. Das „House of Responsibility“ soll etwas völlig Neues werden, aufgeteilt in drei Stockwerke. Das „unerwünschte Erbe“ und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sollen im Erdgeschoss Platz finden. Der erste Stock soll der Gegenwart gewidmet sein und den Menschen konkrete Hilfe anbieten, etwa durch den Verein für Dienste im Ausland, aber auch durch Menschenrechts- und Dritte-Welt-Projekte. Im zweiten Stock sollen Ideen für eine friedlichere Zukunft erarbeitet werden.

Jetzt geht es darum, dass „Braunaus Zeichen für die Welt“, eine Aktion aller Parteien, der RUNDSCHAU und des Vereins für Zeitgeschichte, auch umgesetzt wird. Interview auf Seite 5.

Braunau soll eine Stadt der Verantwortung werden

IM GESPRÄCH Dr. Andreas Maislinger (Wissenschaftlicher Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage)

Was ist Ihr Resumee nach Abschluss der Unterschriften-Aktion „Braunau setzt ein Zeichen“? Nachdem Mitte der 80er- Jahre Erich Marschall durch einen Kommentar die Idee für die Braunauer Zeitgeschichte-Tage geboren hat, ist es seinem Nachfolger, Reinhold Klika, 15 Jahre später gelungen, erneut einen wichtigen Akzent zu setzen. Es ist sehr bemerkenswert, dass neben Bürgermeister Gerhard Skiba die Initiativen für eine offensive Auseinandersetzung mit dem „unerwünschten Erbe“ der Stadt Braunau von der Lokalzeitung kommen. Als Ergebnis möchte ich vor allem hervorheben, dass es der Unterschriften-Aktion gelungen ist, das Problem „Hitler-Haus“ in Braunau bekannt und bewusst zu machen. Trotz des großen internationalen Erfolges war uns dies durch die Zeitgeschichte-Tage noch nicht gelungen. Welche Reaktionen haben Sie erhalten? Nur positive! Überall, in meiner Heimatgemeinde St. Georgen bei Oberndorf, in Innsbruck und Wien werde ich auf die Zeitungsberichte angesprochen. Mehrmals hatte ich Gelegenheit, die Initiative „Braunau setzt ein Zeichen“ bei Tagungen zu erwähnen. Immer hat man aufmerksam zugehört. Ich betone das deshalb, weil wir alle schon andere Reaktionen erlebt haben. Braunauern muss ich darüber nichts erzählen. Einige Gedenkdiener haben sich bereits in der Braunauer Rundschau in Leserbriefen für die positive Wirkung der Initiative bedankt. Der Verein für Zeitgeschichte hat Sie beauftragt, ein Konzept für die künftige Nutzung des Hitler-Hauses zu erstellen. Was sind die Eckpfeiler dieses Konzeptes? Nachdem in den vergangenen Jahren die verschiedensten Vorschläge für die Nutzung des „Hitler-Hauses“ gemacht worden sind, haben sich die Mitglieder des Vereins für Zeitgeschichte bei der letzten Sitzung einstimmig für die von mir vorgetragene Idee „Haus der Verantwortung“ ausgesprochen. Wir meinen damit Verantwortung gegenüber unserer Vergangenheit, den Problemen der Gegenwart und der Bewältigung der Zukunft. Ich schlage daher vor, dass jedes der drei Stockwerke eine entsprechende Zuordnung erhält: Im Erdgeschoss wollen wir uns mit dem „unerwünschten Erbe“ und der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beschäftigen. Dort soll das Büro der Zeitgeschichte-Tage, eine Dokumentation über „Hitler und Braunau“ und die Koordination der österreichischen Gedenkdiener eingerichtet werden. Der erste Stock ist der Gegenwart gewidmet. Dabei werden wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf Ideologien, sondern auf die konkrete Hilfe für Menschen richten. Hier sollen die weltweiten Sozialdienst-Projekte des Vereins für Dienste im Ausland, aber, wenn es gewünscht wird, auch in Braunau tätige Menschenrechts- und Dritte-Welt-Projekte ihren Platz finden. Im dritten Stock wollen wir Ideen für eine friedlichere Zukunft erarbeiten und durch Begegnungen schon jetzt erfahrbar machen. Da wir weltweit tätig sein werden, soll das Haus den Namen „House of Responsibility“ tragen. Was genau soll, nach Ihren Vorstellungen, einmal im Hitler-Haus passieren? Bevor ich darauf eingehe, möchte ich sagen, was es NICHT sein soll: eine NS-Gedenkstätte, ein Dokumentationszentrum, ein Forschungszentrum, eine Begegnungsstätte oder ein „Hitler-Museum“! Im „Haus der Verantwortung“ sollen Freiwillige aus EU-Ländern, österreichische Zivildiener und ehemalige Auslandsdiener zusammenarbeiten und jeweils für einige Monate oder ein Jahr zusammenleben. Damit soll ein ständiger Austausch von Ideen stattfinden. Wer in einigen Jahren das Wort „Braunau“ liest oder hört, wird zwar noch immer an Hitler denken, jedoch nicht ohne den Zusatz bzw. die Korrektur: Verantwortung. Verantwortung für alle Menschen. Das „Haus der Verantwortung“ soll Braunau am Inn zur „Stadt der Verantwortung“ machen. Gibt es derartige Einrichtungen schon oder sind sie etwas völlig Neues? Das „House of Responsibility“ soll etwas völlig Neues werden! Die Voraussetzungen sind äußerst günstig: Braunau liegt in der Mitte Österreichs und Europas. Die tägliche Medien-Berichterstattung bestätigt uns (leider), dass wir derartige Kommunikationszentren brauchen und ausserdem, wir sollten es nicht verschweigen, hilft uns in diesem Fall das „unerwüschte Erbe“. Wenn bereits eine Initiative so stark beachtet wird, sollte das Interesse der Medien ebenso stark sein; wenn es tatsächlich an die Verwirklichung geht! Könnten Sie sich eine Zusammenarbeit mit Berchtesgaden vorstellen, wo die Uni München eine Dokumentation über den Obersalzberg und die Nazi-Zeit eingerichtet hat? Natürlich. Wir würden nicht nur mit Berchtesgaden, sondern mit vielen anderen Einrichtungen zusammenarbeiten. Durch die Braunauer Zeitgeschichte-Tage und den Gedenkdienst besteht bereits jetzt eine Fülle von Kontakten. Vor acht Jahren haben Sie damit begonnen, mit den Braunauer Zeitgeschichte-Tagen ein Tabuthema anzurühren. Ist die Zeit heute, im Jahr 2000, schon reifer, um mit der Hitler-Haus-Initiative erneut einen großen Schritt in der Vergangenheitsbewältigung zu machen? Ja. Gerade weil ich mich seit mehr als 20 Jahren mit der Aufarbeitung unserer NS-Vergangenheit beschäftige, habe ich mir immer wieder die kritische Frage gestellt: Ist es nicht endlich genug? Auf einen Bereich der „Vergangenheitsbewältigung“ trifft dies auch zu: Auf die Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit gegen den politischen Gegner. Diese wird im „Haus der Verantwortung“ keinen Platz haben! Damit würden wir einen ganz wichtigen Beitrag leisten. Mit dem Verein für Dienste im Ausland habe ich bewiesen, dass es möglich ist, sich nicht von einer Partei abhängig zu machen. Bund und Land werden, da sie den Ankauf des Hauses finanzieren sollen, natürlich über die Verwendung mitreden wollen. Fänden Sie es sinnvoll, einen internationalen Ideenwettbewerb auszuschreiben? Nein. Bürgermeister Gerhard Skiba, der von Mag. Florian Kotanko geleitete Verein für Zeitgeschichte und die Braunauer Rundschau haben seit 1989 bewiesen, dass sie eigene Ideen haben und diese auch mit Erfolg durchsetzen können. Das Grundkonzept steht, wir benötigen daher keinen Ideenwettbewerb. Außerdem besteht bei Ideenwettbewerben immer wieder die Gefahr der Verzögerung. Die positive Berichterstattung der vergangenen zwölf Jahre hat nicht nur Braunau, sondern auch dem Ansehen unseres Landes gedient. Wir sollten daher ohne falsche Bescheidenheit vom Landeshauptmann und vom Innenminister verlangen, dass sie uns finanziell unterstützen und sich wie bisher inhaltlich in unsere Arbeit nicht einmischen. Es wird nicht zu ihrem Nachteil sein! Wie realistisch sind Ihrer Einschätzung nach die Chancen, dass in zwei, drei Jahren das Hitler-Haus tatsächlich ein „Haus der Begegnung“ bzw. ein „Haus der Verantwortung“ wird? Sehr groß. Natürlich müssen wir jetzt alle sparen. Trotzdem ist derzeit kaum ein Projekt denkbar, das mit vergleichsweise wenig Geld so viel erreichen kann. Wir behaupten das nicht nur, durch die Zeitgeschichte-Tage haben wir es bewiesen.

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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