Hitler-Geburtshaus, ein Streitfall, Tiroler Tageszeitung

06.02.2014

Projekt Beschreibung

Hitler-Geburtshaus, ein Streitfall
Braunau und Innenministerium lassen die Idee „Haus der Verantwortung“ fallen.

Von Michael Sprenger
Wien – „Eine Arbeitsgruppe der Stadt Braunau hat sich dafür ausgesprochen, dass im Hitler-Geburtshaus ein Sozialprojekt realisiert werden soll. Und wir schließen uns dieser Idee an.“ So die kurze Antwort aus dem Büro von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). Zufrieden mit dieser Entwicklung zeigt sich Braunaus Bürgermeister Hannes Waidbacher (ÖVP), soll doch nun die seit Jahren offene Frage, was denn mit dem denkmalgeschützten Gebäude passieren soll, endlich beendet werden. In das vom dunkelsten Kapitel unserer Geschichte her so belastende Haus sollen nach Vorstellung der Braunauer Politiker die Volkshilfe und die Volkshochschule einziehen. Das Haus, dass seit knapp drei Jahren leer steht, gehört einer Pensionistin, Hauptmieter ist seit den 70er-Jahren das Innenministerium. Die Miete beträgt 4700 Euro monatlich. Noch unter Waidbachers Vorgänger, dem sozialdemokratischen Bürgermeister Gerhard Skiba, sollten die Weichen anders, für ein „Haus der Verantwortung“, gestellt werden. Doch Waidbacher will das von Andreas Maislinger entwickelte Konzept eines „Hauses der Verantwortung“ nicht mehr verfolgen. „Es haben sich die Rahmenbedingungen geändert“, sagte der Bürgermeister der Tiroler Tageszeitung. Welche Rahmenbedingungen er meinte, wollte er nach mehrmaligem Nachfragen nicht erläutern. Die Grundidee des Historikers und Politikwissenschafters Maislinger besteht darin, aus dem Hitler-Geburtshaus eine Begegnungsstätte der Jugend aus aller Welt werden zu lassen. Die jungen Menschen sollen sich dort mit Fragen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft auseinandersetzen. Maislingers Idee für ein „Haus der Verantwortung“ stößt auf positive nationale und internationale Resonanz. Die täglich anwachsende Unterstützerkette reicht vom Hitler-Biografen Ian Kershaw bis zu Branko Lustig, dem Produzenten von „Schindlers Liste“. Maislingers Idee wird von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg ebenso unterstützt wie von Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer.Doch in der Stadtgemeinde Braunau will man davon nichts mehr wissen. Auch nicht der frühere Befürworter der Maislinger-Idee, der sozialdemokratische Nationalratsabgeordnete und Braunauer Gemeindepolitiker Harry Buchmayr. „Ein Geburtshaus eignet sich nicht zu einer Gedenkstätte. Wir wollen dieses Haus nicht überhöhen, dem Haus nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken“, sagte Buchmayr, der aber die Idee für ein „Haus der Verantwortung“ grundsätzlich „phantastisch“ findet. Aber eben nicht in Hitlers Geburtshaus. Laut Buchmayr ist „die Sache entschieden.“ Nach dem Ja des Innenministeriums gehe es jetzt darum, in Verhandlungen die Hausbesitzerin davon zu überzeugen, sich an der Haussanierung zu beteiligen. Buchmayr ist übrigens im Vorstand der Volkshilfe Braunau tätig. Maislinger will nicht aufgeben. „Ich bin überzeugt, dass ein ‚Haus der Verantwortung‘ ein Gewinn für Braunau ist. Denn mit der internationalen Begegnungsstätte wird daraus ein internationales Haus, ein ‚House of Responsibility‘. Ansonsten bleibt es das Hitler-Geburtshaus.“ Maislinger hofft auf seine Überzeugungsarbeit. Im Innenministerium, so heißt es, hätte man zwar seine Idee unterstützt, aber man wolle sich nicht gegen die Stadtväter in Braunau stellen. Und wie sieht Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), knapp vor seiner ersten offiziellen Israel-Reise, den Streitfall? Kurz ist die Frage unangenehm und lässt ausrichten: Er hoffe, dass das Haus „sinvoll genützt“ werde.

Projekt Details

  • Datum 23. Oktober 2016
  • Tags Pressearchiv 2014

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