Hitler-Geburtshaus: „Braunau braucht ein Branding, das stärker als Hitler ist“, Süddeutsche Zeitung

03.02.2017

Projekt Beschreibung

3. Februar 2017, 12:53 Uhr

Hitler-Geburtshaus: „Braunau braucht ein Branding, das stärker als Hitler ist“

Hitlers Geburtshaus in Braunau
Ein unscheinbares Haus in der Braunauer Innenstadt. Nur ein Gedenkstein lässt erahnen, dass es sich um Hitlers Geburtshaus handelt.

Wer an das österreichische Braunau denkt, denkt an Adolf Hitler. Andreas Maislinger will das ändern – seit mehr als 15 Jahren verfolgt er einen bestimmten Plan für das Geburtshaus.

Interview von Leila Al-Serori

Braunau am Inn. Ein hübsches, kleines Städtchen in Österreich. Aber auch Geburtsort eines faschistischen Diktators. In einem unscheinbaren, renovierungsbedürftigen Haus mit der Adresse Salzburger Vorstadt 15 kam 1889 Adolf Hitler zur Welt. Was das Haus zum Politikum macht – und zum Fotomotiv für Neonazis und Touristen.

Seit ein paar Jahren steht das Gebäude leer und verfällt. Österreichs Regierung wollte das Haus so verändern lassen, dass es nicht mehr erkennbar ist. Sie enteignete die Hausherrin – die reichte in dieser Woche dagegen Klage ein. Hitlers Geburtshaus ist wieder in den Schlagzeilen – und damit auch die Frage: Was tun damit? Andreas Maislinger, Politikwissenschaftler und Initiator des österreichischen Holocaust-Gedenkdienstes, beschäftigt sich damit seit mehr als 15 Jahren. Er hat eine klare Antwort. Herr Maislinger, was würden Sie mit Hitlers Geburtshaus machen?

Andreas Maislinger: Es soll weder ein Hitler-Museum noch ein weiteres NS-Dokumentationszentrum werden. Ich möchte ein „Haus der Verantwortung“ realisieren, eine Idee, die 2000 in Braunau selbst entstanden ist und zuerst auch von allen mitgetragen wurde. Das Haus soll zu einer internationalen Stätte der Verständigung und Versöhnung werden. Junge Menschen aus der ganzen Welt sollen sich über ihre Verantwortung gegenüber der Vergangenheit und für die Gegenwart Gedanken machen. Das Haus soll eine eigene Botschaft bekommen. Braunau braucht ein neues Branding, das stärker als Hitler ist. Sonst bleibt es ewig mystifizierter Ort für Neonazis.

Das österreichische Innenministerium hat hingegen beschlossen, das Haus so umzugestalten, dass es nicht mehr erkennbar ist. Damit folgt die Regierung dem Vorschlag einer Historiker-Kommission.
Ich kann das Haus abreißen, ich kann es völlig verändern – Braunau wird Braunau bleiben. Wenn lediglich die Fassade verändert wird, ändere ich eben lediglich die Fassade. Das wäre eine klassische Verdrängung. Manche Braunauer glauben: Wenn wir nicht über Hitler reden, dann wird die Welt vergessen, dass er bei uns geboren ist. Das ist naiv. Die Stadt ist sonst nicht bedeutend, hat die typischen Probleme: Abwanderung, Leerstand, Hundekot. In der historischen Perspektive ist Braunau aber eine Weltstadt. Mit Weltpolitik tut sich der Bürgermeister einer Kleinstadt aber schwer – und so werden die Probleme seit Jahren verschleppt. Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka wollte es ursprünglich abreißen lassen. Was würde ein Abriss bedeuten? Dass Adolf Hitler mehr als 70 Jahre nach seinem Tod noch so mächtig ist, dass man den Ort seiner Geburt verschwinden lassen möchte. Dahinter steht der Wunsch, seine Geburt rückgängig zu machen. Aber das Haus ist ja nur ein Haus. Ein sehr schönes übrigens, über 300 Jahre alt. Die Geburt von Hitler war ja auch nur ein Ereignis in der über 300-jährigen Geschichte dieses Gebäudes.
Weltkriegsjubler Hitler

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Die Position des Innenministers kann man dennoch verstehen: Ihm kann das Geburtshaus Hitlers nur Scherereien bringen – deshalb will er es weghaben. Er will sich der für ihn unangenehmen Zuständigkeit entledigen. Aber durch seine Ankündigungen hat er Braunau massiv geschadet. Jedes Mal ging die Nachricht vom Abriss um die Welt. Braunau wurde wieder nur mit Hitler in die Schlagzeilen gebracht. Für diese Kleinstadt ist das erdrückend. Braunau wird von einem Ereignis völlig okkupiert. Nur durch eine stärkere Bedeutung für das Haus kann Braunau einen neuen Bezugspunkt bekommen. Ich bin überzeugt, dass das „Haus der Verantwortung“ so eine Kraft hätte. Schon jetzt sind die Reaktionen auf meine Idee sehr positiv. Wie gehen die Bewohner Braunaus selbst mit dieser Vergangenheit um, mit dem Klischee „Geburtsort des Bösen“ zu sein? Die Braunauer nervt das natürlich, wenn Menschen nur in ihre Stadt kommen, um das Hitler-Haus zu sehen. Und über Braunau wird hämisch berichtet, niemand bemüht sich, der Stadt zu helfen, niemand nimmt sie ernst. Das liegt auch am Namen, das Wort „braun“ bringt sofort die Assoziierung: Das muss ein braunes Nest sein, wenn es Braunau heißt. Was wäre denn gewesen, wenn Hitler in Salzburg, Mozart in Braunau zur Welt gekommen wäre? Eine Geburt darf diese Stadt doch nicht für immer stigmatisieren. Die Pläne des Innenministeriums scheinen nun aufgeschoben: Die Eigentümerin des Hauses hat diese Woche Klage gegen die Enteignung eingereicht. Ein eigenes Gesetz für die Enteignung eines Hauses, das erschien mir von Anfang an fragwürdig. Mit der Eigentümerin wurde auch im ganzen Prozess zu wenig direkt kommuniziert. Was natürlich nicht heißt, dass man sie nicht auch kritisieren kann. Aber der Klage räume ich gute Chancen ein. Schon allein wegen der Tatsache, dass der Verfassungsgerichtshof diese überhaupt angenommen hat. Und der ganze Medienrummel führt nun wieder genau zum Gegenteil dessen, was die Zuständigen eigentlich wollten: nämlich zu noch mehr Aufmerksamkeit, anstatt zu Entmystifizierung. Sehen Sie nun wieder eine Chance für Ihre Pläne? Ja, ich bekomme täglich Unterstützungserklärungen. Das lässt mich mehr als hoffen. Wenn das Enteignungsgesetz aufgehoben wird, ist auch nicht mehr das Innenministerium zuständig. Sie haben einmal gesagt, Braunau ist weder Opfer- noch Täterort. Können Sie das ausführen? Wer an die Opfer des Nationalsozialismus denkt, denkt an Auschwitz, an Dachau. Nach Jahrzehnten der Forschung können wir mit diesen Orten umgehen. Sie werden erhalten und es wird ein Museum eingerichtet. Wer an die Täter denkt, denkt an den Obersalzberg oder auch an München, die Stadt, wo Hitler groß wurde. Aber Braunau ist weder das eine, noch das andere. Es hat eine Sonderstellung. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat kürzlich Österreich Versagen bei der Verfolgung von NS-Tätern vorgeworfen. Stellt sich Österreich ausreichend seiner NS-Geschichte und deren Aufarbeitung? Ab den 90er Jahren hat Österreich zunehmend seine Verantwortung erkannt. Aber am Beispiel Braunau merkt man auch Nachlässigkeiten. Wobei zu betonen ist, dass nicht Österreich, sondern Deutschland die Ausnahme ist, nämlich die positive. Deutschland hat ein Muster vorgegeben, dem aber nicht alle so mustergültig folgen können. Deutschland ist etwas Faszinierendes gelungen, Berlin beispielsweise ist eine beliebte Stadt für junge Juden geworden. Dieser Wandel nach der NS-Vergangenheit ist bemerkenswert.

Projekt Details

  • Datum 6. Februar 2017
  • Tags Pressearchiv 2017
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