Haus der Geschichte, der Freitag

08.11.2016

Projekt Beschreibung

Haus der Geschichte

Erinnerungskultur Hitlers Geburtsstätte soll verschwinden. Unser Autor hält das für ganz falsch

Haus der Geschichte

Am Ende des Zweiten Weltkriegs verewigen sich amerikanische Soldaten in Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn

Foto: Keystone/Gamma-Rapho/Getty Images

In Österreich ist jüngst eine Debatte über die Zukunft des Geburtshauses Adolf Hitlers entbrannt. Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) hatte angekündigt, das denkmalgeschützte, da auf Bausubstanz aus dem 17. Jahrhundert beruhende Biedermeierhaus in Braunau am Inn abreißen zu lassen. Eine Expertenkommission empfahl indes den Erhalt des Objektes bei gleichzeitiger Unkenntlichmachung der historischen Fassade. Beide Varianten werden mit der Befürchtung gerechtfertigt, das Haus könne als „Pilgerstätte“ Rechtsextremisten anlocken. Die vollständige Schleifung des historischen Gebäudes hatte Sobotka bereits vor Monaten als „sauberste Lösung“ bezeichnet – doch wohin würde ein derartiges Verständnis von Säuberung der deutsch-österreichischen Geschichte führen? Und welche tieferen Ängste liegen ihm zugrunde? Die gedächtnispolitisch motivierte Vernichtung historischer Bausubstanz zieht sich als unrühmliche Tradition durch die Geschichte. Wann immer ein Herrschaftssystem zu Fall gebracht wurde, waren Bilderstürme und Denkmalstürze im Zeichen des Systemwechsels die Folge. Dieser Ikonoklasmus richtete sich gegen die Symbole der untergegangenen Herrschaft, auch gegen Tempel, Paläste und Festungen, die im günstigsten Fall bereinigt und neuen Zwecken zugeführt wurden.

Verwahrlosung

Wo die symbolische Ausstrahlung zu stark und eine Umwidmung nicht möglich oder unerwünscht war, ließ man Bauten ungeachtet ihrer kulturellen Bedeutung schleifen oder einebnen – oftmals auch, um sie durch eigene Prestigebauten zu ersetzen. Man denke nur an die 1931 auf Stalins Befehl erfolgte Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau oder die Beseitigung der Berliner Schlossruine 1950/51 auf Geheiß der SED-Führung. Die massivste Auslöschung politischer Architektur und Symbolik in der deutschen Geschichte betraf zweifellos den Nationalsozialismus. Was von den ehemals zahlreichen Repräsentationsbauten und Kultstätten des Regimes überdauerte, ist, soweit es nicht umfunktioniert wurde, heute zu einem großen Teil der Verwahrlosung preisgegeben. Der beklagenswerte Zustand, in dem sich diese historischen Relikte befinden, bezeugt vor allem eines: den Wunsch, sie auf ebenso schleichende Weise verschwinden zu sehen wie die letzten Zeitzeugen – weil man nicht nur die emotionale und politische Auseinandersetzung mit ihnen scheut, sondern auch die öffentliche Debatte, die widerstreitenden Nutzungskonzepte und die Kosten, die eine Instandsetzung nach sich ziehen würde. Die Kontroverse um Hitlers Geburtshaus betrifft nun ein Gebäude, das weder zum baulichen Erbe des Nationalsozialismus zählt noch während dieser Zeit architektonisch aufgerüstet wurde. Es erfuhr seine politische Aufladung lediglich dadurch, dass Klara Hitler am 20. April 1889 in einer der damaligen Mietswohnungen ihren Sohn Adolf zur Welt brachte. Bereits 1892 siedelte die Familie nach Passau um, weshalb sich Experten einig sind, dass Braunau für die Biografie des Diktators unbedeutend ist. Nichtsdestotrotz entwickelte sich das Gebäude in den 1920er Jahren zum nationalsozialistischen Wallfahrtsort und wurde nach der Annexion Österreichs als NS-Kulturzentrum genutzt. Nach 1945 diente es unter anderem als Stadtbücherei und über einen Zeitraum von 34 Jahren als Tagungs- und Arbeitsstätte für Menschen mit Behinderung, sodass von einer in ihren Kontrasten durchaus faszinierenden Nutzungsgeschichte gesprochen werden kann. Auch für eine zukünftige Nutzung als Gedenkeinrichtung liegen Konzepte vor, insbesondere das von Andreas Maislinger und dem Verein Österreichischer Auslandsdienst angestrebte „Haus der Verantwortung“, das auf den drei Stockwerken jeweils die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglichen will. Diesen und anderen denkbaren Lösungen steht der Abriss-Beschluss des österreichischen Innenministers entgegen, der übrigens auf einer Linie liegt mit den Forderungen der Duma-Abgeordneten Franz Klinzewitsch (Einiges Russland) und Wadim Solowjew (Kommunistische Partei). Letzteren zitiert die Süddeutsche Zeitung im Zusammenhang mit Hitlers Geburtshaus mit den Worten, alles, was mit dem Andenken des Faschismus zu tun habe, müsse von der Erdoberfläche verschwinden – eine Forderung, die in ihrer Pauschalität sicher auch in der österreichischen und deutschen Öffentlichkeit nicht wenig Zustimmung finden würde. Wer einen solchen Weg aber beschritte, dürfte es nicht dabei bewenden lassen, beispielsweise in Berlin die Gebäude des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (ehemals Propagandaministerium) und des Bundesfinanzministeriums (ehemals Reichsluftfahrtministerium) zu beseitigen. Er müsste auch das Brandenburger Tor abreißen lassen, durch das am 30. Januar 1933 der berühmte Fackelmarsch von SA und Stahlhelm führte. Es ist somit offensichtlich, dass dieser Weg in die Sackgasse der Geschichtslosigkeit führt. Übrigens stellt die Alternative, das Haus zu erhalten, jedoch baulich so zu verändern, dass jedweder Wiedererkennungseffekt verhindert wird, lediglich die zivilisiertere Variante des gleichen Gedankens dar: Während im einen Fall die historische Substanz vernichtet werden soll, zielt die andere Praxis darauf ab, sie unkenntlich zu machen. Was aber bleibt von einem geschichtlichen Objekt, das als solches nicht erkennbar ist? Im Sinne historischer Erkenntnis ist es wertlos geworden, weil es uns seinen Gehalt nicht mehr kommunizieren kann. Vor diesem Hintergrund muss die Gedächtnispolitik der Tatsache ins Auge blicken, dass jedes geschichtliche Objekt grundsätzlich für politische Zwecke missbraucht werden kann. Es darf also nur darum gehen, den Missbrauch von Geschichte zu ächten, nicht aber die Objekte zu zerstören oder zu verfälschen, in denen sich Geschichte greifbar verdichtet. Wer der Tilgungsidee in der einen oder anderen Ausprägung folgt, weil er den Missbrauch historischer Objekte fürchtet, fürchtet in Wahrheit die Geschichte selbst. So verhält es sich auch in Österreich. Aus Furcht vor der Unbeherrschbarkeit der eigenen Geschichte dramatisiert Innenminister Sobotka einerseits das Gefahrenpotenzial des Geburtshauses als Anziehungspunkt rechtsextremer „Pilger“, während er andererseits dessen historischen Bezug bagatellisiert, indem er es mit dem Haus des Sexualstraftäters Josef Fritzl in Amstetten vergleicht.

Verdrängung

Diese öffentlichkeitswirksame Gleichsetzung des „Bösen“ greift natürlich zu kurz. Schon deshalb, weil Fritzl allenfalls einer kleinen Anzahl von Psychopathen als Ideengeber dienen könnte, Hitler dagegen Millionen in seinen Bann schlug. Und doch wird die banale Feststellung, dass Hitler eine der bedeutendsten politischen Gestalten des 20. Jahrhunderts war, als geradezu unanständig empfunden, ganz so, als würde man auf diese Weise seinen Personenkult wiederzubeleben versuchen. Dabei hat schon Hitlers Biograf Joachim Fest mit staunendem Unterton bilanziert, dass Hitler „in einem wohl beispiellosen Grade alles aus sich und alles in einem“ war: „Lehrer seiner selbst, Organisator einer Partei und Schöpfer ihrer Ideologie, Taktiker und demagogische Heilsgestalt, Führer, Staatsmann und, während eines Jahrzehnts, Bewegungszentrum der Welt.“ Ohne Hitler wäre die Gegenwart undenkbar, ihre Befindlichkeiten unverständlich. Darf man Hitler also historische Größe bescheinigen? Man darf es nicht, man muss. Darum ist auch sein Geburtshaus, so unbedeutend es für seine Biografie sein mag, zu erhalten – und sei es nur deswegen, weil es uns, wenn nicht jetzt, so vielleicht in der Zukunft, dazu zwingt, uns jenseits hysterischer Witzeleien und billiger Empörung mehr mit dem historischen Phänomen Hitler auseinanderzusetzen. Es spricht Bände, dass dieses in der Gegenwart kaum sachneutral diskutiert, sondern lediglich als Auslöser reflexartiger Distanzierungsgesten und zur moralischen Selbstvergewisserung herangezogen wird. Nicht weniger bedenklich ist es, dass das Hitlerbild der Öffentlichkeit weitgehend seiner satirischen Überzeichnung im Chaplin’schen Sinne entspricht. Hierin ist keinesfalls ein Triumph, sondern eine Niederlage der sogenannten Vergangenheitsbewältigung zu sehen. Die Vergangenheit ist nicht bewältigt: Stattdessen spüren wir ihren Atem im Nacken. Wer der Erinnerung die materielle Grundlage entzieht, der bereitet, gewollt oder ungewollt, der Wiederkehr des Verdrängten den Boden.
Dirk Alt ist Historiker, Dokumentarfilmer und Erwachsenenbildner. Sein Arbeitsschwerpunkt ist der Nationalsozialismus
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 44/16.
Mir ist aus dem Artikel nicht klar geworden, warum man ein Haus erhalten soll, in dem HItler enige kurze Zeit als Kind gewohnt hat. Es ist nicht geschichtsträchtig und kann nur von Hitlerfans als Anlaufstelle genutzt werden. Also einfach weg damit. Wahrscheinlch wäre das Haus längst abgerissen, wenn nicht HItler dort geboren wurde. Ich kann auch nicht verstehen, warum sich der Autor darüber mokiert, dass in der DDR kriegszerstörte Paläste und Kirchen des alten Regimes abgerissen wurdent. Sie waren in einen Krieg zerstört worden, der von dem alten Regime ausging. Eine Rekonstruktion hätte Geld verschlungen, dass viel nötiger nach dem 2. Weltkrieg für den Bau von Wohnungen für die Arbeiter_innen gebraucht wurde. Hier hat die DDR die richtige Priorität gesetzt: ein sozialistischer Staat muss nicht die Denkmäler des alten Regimes, die durch die Folgen ihrer eigenen Gewaltpolitik zerstört wurden, wieder aufbauen. Was erhalten werden soll, sind Gedenkorte, in denen NS-VErfolgte gelitten haben, gequält wurden, Folterkeller, Gefängnisse, Konzentrationslager, Sie zu erhalten gebietet der Respekt vor den Leiden der Opfer und ist eine wichtige geschichtspolitische Aufgabe. Doch den Ansinnen des Festbewunderes Dirk Alt ist klar entgegenzuhalten: Weg mit diesen Gebäuden und mit den Trümmern, gerade um die in dem Artikel deutlich heraus zu lesende rechtskonservative Ideologie zu bekämpfen. . Peter Nowak

Projekt Details

  • Datum 9. Januar 2017
  • Tags Pressearchiv 2016
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