Gerechte, Jüdische Rundschau, 03.03.1994

03.03.1994

Projekt Beschreibung

Gerechte

von Andreas Maislinger

Oskar Schindler ist in den letzten Wochen ein sehr bekannter Name geworden. Wer einen Kabelanschluß besitzt und die Möglichkeit hat, mehrere Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, hat bestimmt zehn bis zwanzig zum Teil sehr umfangreiche Berichte gesehen oder gelesen. Der ehemalige Nationalsozialist und Retter von über tausend Juden ist in aller Munde. Natürlich ist der Film Schindlers Liste von Steven Spielberg die Ursache für dieses große Medieninteresse. Im Zuge der Berichterstattung werden jetzt auch „andere Schindler“ einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Als Beispiel nenne ich nur einen ganzseitigen Artikel in der österreichischen Tageszeitung Kurier über den Wiener Julius Madritsch, der während des Holocaust eine Fabrik im Lager Plaszow geleitet hat. Mit ähnlichen Mitteln wie Oskar Schindler konnte er vielen Juden das Leben retten. Im Spielberg-Film und im Buch von Thomas Keneally kommt er auch vor. Namen, die über Jahrzehnte nur einem kleinen Kreis von Überlebenden und Historikern bekannt waren, dringen in das Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit. In der Schweiz muß ich nur den Namen Paul Grüninger erwähnen. Bei aller Vorsicht vor einer zu schnellen Verallgemeinerung: Anfang der 90er Jahre hat ein anderes Erinnern eingesetzt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht mehr Helden, wie die Männer des 20. Juli, oder zu Ikonen geformte Opfer wie Anne Frank. Unerreichbare Heldengestalten wie die Geschwister Scholl haben weiter ihren Platz in der Geschichte, ihnen werden jedoch zunehmend Frauen und Männer zur Seite gestellt, die sich nicht als Widerstandskämpfer verstanden haben, sondern „nur“ Menschen bleiben wollten, und im entscheidenden Moment ihre Hilfe nicht verweigert haben. Einmal darauf aufmerksam geworden, lassen sich neben Oskar Schindler und Paul Grüninger viele weitere Namen nennen. Seit Jahrzehnten werden in YAD VASHEM Angehörige der verschiedensten europäischen Völker für ihre Rettung von Juden als „Gerechte“ ausgezeichnet. Jedoch erst jetzt wird darüber auch groß berichtet. Auch dafür ein Beispiel: Am 5. Januar 1994 hat der pensionierte bayerische Zollbeamte Götz Liedtke für seinen Vater in YAD VASHEM einen Baum pflanzen dürfen. Im Juli hatte Major Max Liedtke als Ortskommandant von Przemysl das Ghetto vor dem Zugriff von SS-Einheiten abgeriegelt und damit den Abtransport der Juden ins Vernichtungslager verhindert. Die „Passauer Neue Presse“ hat zuerst über sein Buch „VaterMax“ und später über die Gedenkveranstaltung in YAD VASHEM groß berichtet. Früher haben die Zeitungen über derartige Ereignisse geschwiegen oder es bei wenigen Zeilen bewenden lassen. Um meine Behauptung, daß ein anderes Erinnern eingesetzt hat, zu bekräftigen, möchte ich ein weiteres Beispiel nennen. Die oberösterreichische Bäuerin Maria Langthaler hat im Februar 1945 zwei entflohene KZ-Häftlinge unter Lebensgefahr versteckt. Fast alle anderen aus Mauthausen entflohenen sowjetischen Kriegsgefangenen wurden von aufgehetzten Mühlviertlern erschlagen. Diesen Winter dreht Andreas Gruber einen Film über diesen als „Mühlviertler Hasenjagd“ in die österreichische Geschichte eingegangenen Massenmord. Ein vor ihrem Tod aufgezeichnetes Interview mit Maria Langthaler spielt dabei eine zentrale Rolle. Auch im Fall dieser einfachen Frau gilt, eingeweihten Fachleuten war der Name Maria Langthaler ein Begriff, einmal ist sie sogar im „Club 2“ des österreichischen Fernsehens aufgetreten. Durch den Film wird sie jedoch einer großen Öffentlichkeit bekannt gemacht. Andreas Gruber hat seinen Film übrigens vor Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ geplant. Was bedeutet diese größere Aufmerksamkeit für Gerechte wie Schindler, Grüninger, Liedtke und Langthaler? Wir bekommen dadurch ein vollständigeres Bild der NS-Herrschaft. In diesem neuen Bild der Jahre 1933 bis 1945 herrschen nicht mehr nur Hell und Dunkel vor, es gibt immer mehr Übergänge und Nischen, in denen sich jeder von uns wiederfinden kann. Ein Attentat auf Hitler zu planen, hatten nur ganz wenige die Möglichkeit, Gelegenheiten, Verfolgten zu helfen, ergaben sich für fast jeden. Ausreden, wonach „man“ nichts dagegen machen konnte, müßten daher immer schwerer fallen. Gespannt können wir sein, wann sich auch Japan an seinen Konsul in Kovno erinnert. Konsul Sugihara hatte im August und September 1940 vielen Juden durch die Ausstellung von Transitvisa das Leben gerettet. Im Buch „The Fugu Plan – The Untold Story of the Japanese and the Jews During World War II“ finden sich ausführliche Hinweise. Da das Buch jedoch noch nicht bei uns erschienen ist, können nur ganz wenige Experten mit dem Namen Sugihara etwas anfangen. Ein letztes Beispiel soll zeigen, daß es auch noch an Bereitschaft fehlen kann, diese konkrete Hilfe anzuerkennen. Elisabeth Böcklinger, wie die erwähnte Langthaler aus dem oberösterreichischen Mühlviertel, hat einem polnischen Kriegsgefangenen geholfen und wurde dafür nach Birkenau gebracht. Leider war der Botschafter der Republik Polen in Österreich bis jetzt nicht bereit, Frau Böcklinger wenigstens in Form eines Briefes eine kleine Anerkennung zukommen zu lassen. Da es sich bei Botschafter Professor Wladyslaw Bartoszewski um einen ehemaligen Auschwitz-Häftling und Gerechten handelt, ist sein Verhalten umso weniger verständlich. Dr. Andreas Maislinger, Initiator und Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschiche-Tage

Projekt Details

  • Datum 25. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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