Gedenkdienst nicht gefährdet Österreichischer Verein setzt Zeichen der Versöhnung, Deutsche Tagespost

22.02.2000

Projekt Beschreibung

Deutsche Tagespost (Würzburg) 22. Februar 2000

Gedenkdienst nicht gefährdet

Österreichischer Verein setzt Zeichen der Versöhnung

„Jetzt erst recht!“ Unter diesem Motto arbeitet derzeit der Begründer des österreichischen Gedenkdienstes, des Gegenstücks zur deutschen Aktion Sühnezeichen, Andreas Maislinger. In einem Gespräch mit der „Tagespost“ versicherte der Innsbrucker Politikwissenschaftler, daß die Versöhnungsinitiative durch die aktuellen Proteste Israels gegen Österreich nicht gefährdet sei. Im Gegenteil, diese Versöhnungsinitiative habe gerade jetzt eine Einladung aus Israel erhalten. Der Gedenkdienst vermittelt seit 1992 junge Österreicher – vor allem Zivildienstleistende – an Gedenkstätten des Holocaust im Ausland, unter anderem auch nach Yad Vashem in Israel. Der nächste Gedenkdienstleistende, der nach Israel gehen soll, wird sich weltweit mit der Dokumentation von antisemitischen Bestrebungen beschäftigen. Der Dienst an einer der rund ein Dutzend Gedenkstätten im Ausland ist als Ersatz für den Zivildienst in Österreich anerkannt. Neben seiner Vermittlungstätigkeit leistet Vereinsgründer Maislinger noch wissenschaftliche Arbeit: Unter anderem bereitet er die jährlichen Braunauer Zeitgeschichte-Tage vor, die er mitinitiiert hat. Ziel ist es, von Hitlers Geburtsstadt aus zur Aufklärung und Bewußtseinsbildung über den Nationalsozialismus und die Beteiligung von Österreichern am Holocaust beizutragen. Auf die Frage, ob nun nach den internationalen Protesten in Österreich ein Prozeß der Bewußtseinsbildung in Gang käme, antwortete Maislinger, daß derzeit noch Geschichte und der Umgang mit ihr für parteipolitische Zwecke gebraucht und mißbraucht werde. Er hoffe, die aktuelle Krise möge zu einem Lernprozess führen. Die Österreicher sollten jetzt nicht wehleidig sein: Das Verhalten der israelischen Politiker als Reaktion auf die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) sei nicht überraschend. Auch wenn vieles überzogen und ungerecht erscheint, die Kritik träfe einen wunden Punkt. Die Österreicher hätten sich nach 1945 im Gegensatz zu Westdeutschland aus der Geschichte herausgemogelt. Seine Landsleute müßten jetzt lernen, daß ihr Wunschbild mit dem tatsächlichen Eindruck, den „das Ausland“ von Ihnen habe, nicht übereinstimme. Österreich sieht sich als erstes freies Land, das der Nazi-Aggression zum Opfer fiel: Die Deutsche Wehrmacht war im März 1938 völkerrechtswidrig in die Alpenrepublik einmarschiert. Das Ausland, einschließlich Israels, interpretierte die Rolle Österreichs im Dritten Reich in den fünfziger Jahren ebenso. Von 1938 bis zum Kriegsende waren jedoch – bezogen auf den Bevölkerungsanteil im Großdeutschen Reich – relativ viele Österreicher zu Tätern geworden. Als Entschädigung zahlte das Land nach dem Krieg 550 Millionen Schilling (etwa 80 Millionen Mark). Das machte lediglich zwei Prozent des bundesdeutschen Betrages an Wiedergutmachung aus. Maislinger glaubt jedoch nicht, daß die derzeitige Situation bei allen Politikern einen Lernprozess auslösen wird. Der Gedenkdienst-Gründer schlägt deshalb Workshops für sie vor. Im kleinen Kreis sollen sich Lernbereite aus allen Parteien mit den aktuellen internationalen Zeitgeschichte-Debatten beschäftigen. Maislinger möchte nicht, daß dabei Statements für die Öffentlichkeit produziert werden. Er will vielmehr zu einem gemeinsamen Nachdenken anregen.

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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