Gedenkdienst im Ausland: Erinnerung und Flucht vor der universitären Enge, Der Standard

Oktober 1996

Projekt Beschreibung

Der Standard Oktober 1996 Hochschul-Standard

Gedenkdienst im Ausland: Erinnerung und Flucht vor der universitären Enge

Von Theresienstadt nach Yad Vashem

Zivildienst in einer Holocaust- Gedenkstätte. Zahlreiche junge Österreicher machen Gedenkdienst, um sich mit der unbegreiflichen Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg ausseinanderzusetzen. Zugleich eröffnet sich die Möglichkeit, dem intellektuellen Alltagstrott zu entkommen. Von Wolfgang Fasching. Wien – Jeder männliche Österreicher, der einigermaßen aufrecht gewachsen ist, steht irgendwann vor der Wahl: Zivildienst oder Bundesheer, sinnvolle Sozialarbeit oder Dienst an der Waffe. Die Entscheidung muß jeder selbst treffen. Für die meisten kommt die mehrmonatige Staatsbürgerpflicht ungelegen. Entweder weil sie nicht in die Lebensplanung paßt oder weil sie die noch frische Berufslaufbahn unterbricht. Für viele junge Menschen ist es aber die Chance, aus dem vorbeschriebenen Bildungsweg auszubrechen und einmal etwas ganz anderes zu machen.

Flucht aus dem Uni-Alltag

Vor dem Studienanfang, damit sich der maturabedingte Gehirnkrampf lösen kann. Später, zwischen zwei Studienabschnitten, um sich zu fragen, ob man überhaupt das Richtige mit seinem Leben macht. Oder gleich nach dem Studium, bevor 35 Jahre Berufsleben drohen. Daß man Zivildienst bei der Rettung, im Altersheim und in der Behindertenbetreuung machen kann, ist bekannt – Veteranengeschichten von Freunden kennt ja jeder zuhauf. Seit 1992 gibt es aber auch die bisher weniger bekannte Möglichkeit, Gedenkdienst an einer ausländischen Holocaust-Gedenkstätte zu leisten. Zivildiener sind dabei vom Vernichtungslager Theresienstadt in Tschechien bis zur Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und dem Holocaust Memorial in den USA im Einsatz. Sie arbeiten dort an Archiven, helfen bei wissenschaftlichen Publikationen, machen Führungen durch Museen und betreuen Ausstellungen.

Rasche Anmeldung erforderlich

Die geringe Bekanntheit seiner Einrichtungen macht Andreas Maislinger, Leiter des Vereins, oft zu schaffen: „Ich bekomme regelmäßig Anrufe von Interessierten, denen ich nur deshalb absagen muß, weil sie sich zu spät gemeldet haben.“ Denn entweder haben sie die Anmeldefrist für ein bestimmtes Projekt verpaßt, oder es gibt nicht mehr genug Vorbereitungszeit für einen möglichen Einsatz. Interessenten erwartet eine intensive Vorbereitung, die bereits ein Jahr vor dem Gedenkdienst beginnt. In dieser Zeit müssen auch Grundkenntnisse in der jeweiligen Landessprache erworben werden. Maislinger kann auf alle Fälle jede Menge Mitarbeiter brauchen. „Von 1992 bis jetzt hat sich nicht nur die Zahl der Gedenkdiener von drei pro Jahr auf 16 vergrößert. Es zeigen auch immer mehr Stellen Interesse an unseren Leuten.“ Für Februar 1997 sucht er zum Beispiel jemanden mit guten organisatorischen Fähigkeiten, der in Großbritannien die Anne-Frank-Ausstellung auf eine Tour durch England schickt. Und im Museum des Konzentrationslagers Auschwitz fehlt noch ein Verlagslektor. Neben neuen Stellen bringt der Erfolg des Gedenkdienstes ab dem nächsten Jahr aber noch eine Neuerung: Erstmals wird es direkt in Österreich die Möglichkeit zum Gedenkdienst geben, in Hitlers Geburtsstadt Braunau. Schwerpunkt wird dabei die Arbeit im Internet sein. Ein Informatiker soll dort einerseits die internationale Kommunikation des Vereins aufbauen, sich andererseits aber auch mit Rechtsextremismus im Netz auseinandersetzen. Auch dieser Posten ist noch offen. Zum Schluß ein wichtiges Detail: Der Gedenkdienst ist nicht auf Zivildiener beschränkt. Auch Frauen haben die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Weitere Informationen beim Verein Gedenkdienst, Hutterweg 6, A-6020 Innsbruck, 0512/29 10 87. Anmeldeschluß 31. Oktober 1996.

Projekt Details

  • Datum 3. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1996

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