Gedenkdienst: Die Alternative zu Bundesheer und Zivildienst, Welser Rundschau 01.10.1992

01.10.1992

Projekt Beschreibung

Gedenkdienst: Die Alternative zu Bundesheer und Zivildienst

Stephan Schirl (18) ist der erste Oberösterreicher, der im Oktober seinen Gedenkdienst antritt.

OFFENHAUSEN. Seit Dezember 1991 kann theoretisch jeder österreichische Wehrdienstpflichtige, Bundesheer oder Zivildienst umgehen. Als Alternative bietet sich ein Jahr Gedenkdienst im Ausland an. Die Wehrpflichtigen arbeiten bei Holocaust-Gedenkstätten. Um ihn abzuleisten, ist grundsätzlich nur ein Zivildienstantrag erforderlich. Die Sache hat aber einen Haken: Jedes Jahr werden nur fünf Österreicher angenommen. Die Warteliste ist lang. Schirl wird für die AnneFrank-Stiftung in Amsterdam arbeiten. Anne Frank war deutsche Jüdin. Sie tauchte 1940 mit ihrer Familie in Amsterdam unter, um den schrecklichen Nazis zu entkommen. Von 1942 bis 1944 hielt sich das junge Mädchen mit ihren Verwandten in einem entlegenen Haus versteckt. Völlig isoliert stand Anne Momente der Angst und Erleichterung durch. Die aufreibenden Ereignisse hielt sie in ihrem Tagebuch fest, welches ihr Vater später veröffentlichte. Anne Frank starb im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen im Alter von 16 Jahren. Die Anne-Frank-Stiftung hat die Aufgabe das Haus, in dem Frank ihr Tagebuch schrieb, als Museum zu erhalten. Ein weiterer, wichtiger Aufgabenbereich ist die Aufklärungsarbeit. In aller Welt, von den USA bis zur früheren Sowjetunion, werden Ausstellungen organisiert. Das populärste Thema: „Anne Frank und ihre Zeit“. Stephan wird im deutschsprachigen und osteuropäischen Raum bei der Abwicklung von Projekten behilflich sein. Er hofft, daß der Gedenkdienst die Erinnerungen an die Greueltaten im Dritten Reich aufleben läßt. Bei der Stellung stellte Stephan den Zivildienstantrag. „Der Gedenkdienst ist für mich das Optimale,“ sagt er. „Eine Gelegenheit an die schreckliche Zeit des Regimes zu erinnern und damit den Abscheu vor dem Geschehenen zu schüren.“ Ende Juni nahm der junge Mann an einem Auswahlseminar in Salzburg teil. In Gruppenarbeiten wurde der Beste ermittelt. Voraussetzungen waren: perfekte Deutsch und Englischkenntnisse sowie das Beherrschen der jeweiligen Landessprache, eine gehörige Portion an Selbständigkeit und Organisationstalent. Die Bedingungen konnte Stephan am besten erfüllen. Und im Oktober heißt es nun, ab nach Amsterdam. „Der Gedenkdienst hat nur Symbolfunktion und wird nie zu einer Großaktion,“ behauptet der Offenhausner. „Ändern können wir nichts mehr am Geschehenen, wir wollen nur demonstrieren, daß es uns nicht egal ist. Außerdem finde ich wichtig, daß wir unseren Dienst ohne Schuldgefühle antreten können. Allen muß klar sein, daß wir zu dieser schrecklichen Zeit noch gar nicht auf der Welt waren.“ Dem Gedenkdienst ist aber nicht nur Positives abzugewinnen. Immerhin dauert er ein ganzes Jahr. „Wahrscheinlich sehe ich meine Familie und Freunde nur zu Weihnachten und zu Ostern,“ ergänzt Stephan. Seinen persönlichen Beweggrund, anstatt des Zivildienstes den Gedenkdienst abzuleisten. erklärt Schirl so: „Da nach wie vor Gedankengut aus dem Dritten Reich verbreitet wird, suchte ich eine Möglichkeit, um dieser Gefahr entgegenzuwirken.“

Projekt Details

  • Datum 8. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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