Gedenkdienst – der etwas andere Zivildienst, Junge Gemeinde

01.04.1995

Projekt Beschreibung

Junge Gemeinde April 1995

Gedenkdienst – der etwas andere Zivildienst

50 Jahre nach Auschwitz setzen sie konkrete Taten nach außen und klagen das Bekenntnis zur österreichischen Mittäterschaft am Holocaust ein. Engagiert arbeiten sie für ihr Projekt „Gedenkdienst“ und proben die Selbstverwaltung. Der Verein „Gedenkdienst“ im Porträt.

Von Thomas Dasek

Gegen das Vergessen Im provisorisch eingerichteten Büro in der Wiener Lichtensteinstraße ist es kalt. Ein alter Ofen heizt auf Hochtouren, trotzdem will es nicht recht warm werden. Mit Mäntel sitzen einige Vereinsmitglieder im Kreis, immer mehr Interessenten treffen ein. Keiner würde meinen, daß im leicht baufälligen Büro des Vereins „Gedenkdienst“ Hochbetrieb herrscht. Pausenlos klingelt das Telefon. Meist sind es Schüler und Studenten, die wissen wollen, wie sie ihren etwas anderen „Zivildienst“ ableisten können. „Ich habe gespürt, daß da ein wichtiger Teil der Geschichte verschwiegen wurde“, erzählt Anton Lederer. „Die Themen Zweiter Weltkrieg, Holocaust und Juden waren zu Hause Tabu. Weder in der Familie noch im Freundeskreis konnte darüber gesprochen werden.“ Auch in seinen acht Jahren in einer katholischen Privatschule wurde diese Thematik nicht einmal gestreift. Bald schon hätten ihn diese Tabuthemen „total neugierig“ gemacht. Nachdem sein Zivildienstantrag noch in Zeiten der heftig umstrittenen Zivildienstkomission viermal abgelehnt worden war, erfuhr der Psychologie-, Publizistik- und Philosophiestudent im Frühjahr 1992 vom Projekt „Gedenkdienst“. Diese Einrichtung ermöglicht es, den Zivildienst in Form eines Dienstes an Gedenkstätten des Holocaust im Ausland zu absolvieren. Im Oktober 1993 war es dann so weit. Lederer übersiedelte für ein Jahr nach Washington in den USA, wo er im US Holocaust Memorial Museum Gedenkdienst leistete. Heute ist der 28jährige als stellvertretender Obmann im Vorstand des Vereins „Gedenkdienst“. Gemeinsam mit den anderen Vereinsmitgliedern setzt sich Lederer dafür ein, daß das Projekt „Gedenkdienst“ weiter ausgebaut wird. Der Verein leistet Aufklärungsarbeit, informiert an Schulen und bei zahlreichen Veranstaltungen. Die wichtige Zusammenarbeit mit den Schulen läuft über persönliche Kontakte zu engagierten Lehrern. Eine offizielle Schiene konnte bisher noch nicht realisiert werden, daran werde jedoch gearbeitet, zeigt sich Anton zuversichtlich. „Wir wollen Österreichs Täterschaft nicht zu kurz kommen lassen“, erklärt Anton Lederer das Grundanliegen des Vereins. Während immer wieder die Opferrolle Österreichs unterstrichen werde, will der Verein „Gedenkdienst die Erinnerung wachhalten, daß auch Österreicher an den Verbrechen des Holocaust zum Teil sogar in leitender Funktion beteiligt waren. Auf offenen Widerstand trifft er in seiner Arbeit für den Gedenkdienst fast nie, „aber wir spüren es am Konto“. Er ist stolz darauf, daß der Verein sich selbst verwaltet, ohne drückenden bürokratischen Overhead: „Bei uns gibt es keine autoritäre Hierarchie, sondern wirkliche Selbstverwaltung.“ Lederer hofft, daß die Selbstverwaltung nun die ersehnte gesellschaftliche Anerkennung findet, „was sich auch in den Subventionen ausdrücken könnte“. Erschwert werde die Arbeit, weil von den mageren Subventionen nichts für Verwaltung und für die Ausbildung der Kandidaten verwendet werden dürfe. Bis das Projekt „Gedenkdienst“ in Österreich starten konnte, war ein langer bürokratischer Hürdenlauf notwendig. Die Idee stammt vom Innsbrucker Politologen Dr. Andreas Maislinger, der sich 15 Jahre lang für die Einrichtung des Gedenkdienstes einsetzte. Nach unzähligen Gesprächen, politischen Debatten und intensiver Überzeugungsarbeit schuf schließlich die Novelle zum Zivildienstgesetz vom Dezember 1991 den gesetzlichen Rahmen für den Gedenkdienst. Wenige Monate später startete das Projekt auf Vereinsbasis. Finanziert wurde die Aufbauarbeit aus der ‚Privatkasse des Initiators Andreas Maislinger, der bei der Vereinsgründung 1992 in den Tiroler Politikern Andreas Hörtnagl und Walter Guggenberger Unterstützung fand. Noch im September 1992 begann der erste Kandidat seinen Gedenkdienst in Auschwitz-Birkenau in Polen. Weitere Einsatzorte folgten. Mittlerweile ist der Verein „Gedenkdienst“ als Trägerorganisation im Sinn des Zivildienstgesetzes anerkannt. Junge Österreicher leisteten Gedenkdienst in Auschwitz/Polen, Theresienstadt/Tschechien, Washington, im Leo Baeck Institute/New York, in Yad Vashem/Jerusalem und im Anne Frank Haus in Amsterdam. „In den Einsatzorten hat das Projekt phänomenal eingeschlagen“, erzählt Lederer. Besonders in den Niederlanden. Dort war die österreichische Mittäterschaft immer schon Thema.“ Außerdem gibt es auch eine direkte Verbindung, weil Anne Frank von einem Österreicher verhaftet wurde“, unterstreicht Lederer. Die Zahl der Einsatzorte soll nun erweitert werden. Schwerpunkt ist dabei Osteuropa, weil hier durch die schlechte Ausstattung der Gedenkstätten „jede Gratishilfe“ dringend gefragt sein. Anton Lederer hofft, schon bald Gedenkstätten in Budapest, der Ukraine und den baltischen Staaten als neue Einsatzorte in das Projekt aufzunehmen. Vor Ort kann die Mitarbeit in den Gedenkstätten durchaus unterschiedlich sein: Sie reicht von praktischer Hilfe bei Restaurierungs- und Erhaltungsarbeiten über völkerverbindende Öffentlichkeitsarbeit bis zur wissenschaftlichen Mitarbeit in Archiven. Mit diesen Tätigkeiten will der Gedenkdienst zur Versöhnung mit den Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen beitragen. Auch Frauen und nicht zivildienstpflichtige Männer können an diesem Projekt mitarbeiten. „Hier muß jedoch die Finanzierung individuell geklärt werden“, ergänzt Lederer. Der Verein „Gedenkdienst“ wählt die Kandidaten aus und sorgt für deren Ausbildung vor dem Start des Projekts. Die Teilnahme an den entsprechenden Seminaren, die ein Jahr vor dem Einsatz beginnen, ist für jeden Kandidaten verpflichtend. Johannes Ungar geht im Herbst für 14 Monate nach Washington, um ijm US Holocaust Memorial Museum seinen Gedenkdienst zu leisten. Durch sein Theologiestudium ist er mit der Geschichte der Juden und des Holocaust konfrontiert worden. „Ich möchte durch meinen Gedenkdienst ein politisches Zeichen setzen, so klein es auch ist“, sagt er. Mit dem Thema „Holocaust“ ist der 24jährige Dieter Mühl erst konfrontiert worden, als ein Zeitzeuge in seiner Schule einen Vortrag hielt. Seit damals läßt ihn dieses Thema nicht mehr los. Seinen Gedenkdienst möchte er in Jerusalem leisten. Besonders interessiert ihn, wie Jugendliche verschiedener Kulturen dort einander begegnen. Derzeit setzt sich der Verein für die Errichtung einer Dokumentationsstätte der österreichischen Täter in Braunau/OÖ ein. Zwar gebe es ein Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, die österreichische Täterschaft sei jedoch nirgends dokumentiert, kritisiert Anton Lederer. Im Frühjahr organisierten die Mitarbeiter des Vereins „Gedenkdienst“ wieder Projekttage an Schulen. Dort wollen sie mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen. Sie setzen damit die wichtige Informationsarbeit der Zeitzeugen fort, die aufgrung ihres oft schon hohen Alters immer schwieriger zu finden sind. „Wir wollen ihr Erbe antreten“, wünscht sich Anton Lederer. In der nächsten Wochen veranstaltet der Verein ein Seminar in der Gedenkstätte Theresienstadt, im Sommer wird es im Rahmen der Sommerakademie an der Friedensuniversität Schlaining einen eigenen Workshop geben.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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