„GEDENKDIENST AM MONTREAL HOLOCAUST MEMORIAL CENTRE“, ORF Radio Österreich 1

08.05.2000

Projekt Beschreibung

ORF Radio Österreich 1 8. Mai 2000 Journal-Panorma 18:20 Uhr Dauer: 28:50

„GEDENKDIENST AM MONTREAL HOLOCAUST MEMORIAL CENTRE“

LOTHAR BODINGBAUER

************* INFORMATION *************

„Wenn der Staat etwas für Euch tut, dann sollt Ihr auch etwas für den Staat tun“. Diese Forderung wird jungen Männern spätestens dann klar, wenn es darum geht, den Präsenzdienst anzutreten. Die Wahlmöglichkeit ist gering, doch ist sie durchaus gegeben: Militärdienst oder Zivildienst.

Von rund 32. 000 Entscheidungen pro Jahr werden etwa ein Viertel, etwa 8000, für den Zivildienst getroffen, und damit folgt eine zwölf-monatige Tätigkeit an sozialen Hilfseinrichtungen in Österreich. Es gibt aber auch Stellen im Ausland zu besetzen: Arbeiten mit Straßenkindern in Brasilien etwa, Friedensdienst im ehemaligen Jugoslawien oder in Palästina, und die dritte Form ist der Gedenkdienst an Holocaust-Gedenkstätten.

60 solcher „Gedenkdiener“ sind derzeit in aller Welt verstreut. Sie arbeiten in Museen und in ehemaligen Konzentrationslagern, in Archiven und an Projekten, in denen die Verbrechen des zweiten Weltkrieges aufgearbeitet werden. Dieser Auslandsdienst dauert 14 Monate und wird nach Beendigung rückwirkend als Zivildienstjahr gutgeschrieben.

Lothar Bodingbauer arbeitet derzeit als Gedenkdiener in Kanada, im Montrealer Holocaust Memorial Centre. Von ihm stammt die folgende akustische Orts- und Tätigkeitsbeschreibung:

************* BEGINN SENDUNG *************

ATMO Golden Age Orchester / Walzer

Es war wieder einmal einer jener Tage, an denen alles schief gehen sollte. Das Innenministerium war mit seiner Zahlung schon den zweiten Monat im Verzug, Regierungswechsel, und der Bankomat war in der Folge ­ für mich zumindest ­ seit einer Woche tot. In der Nacht hatte ich meinen ersten Holocaust-Traum, ich wurde von Nazi-Schergen gejagt und mußte beim Loch am Zaun zur Straße in die Freiheit warten ­ und das wußten sie. Sie erschossen mich. Solche Träume seien ganz normal unter Gedenkdienern, heißt es, normalerweise kommen sie schon früher. Ich hatte meinen erst im vierten Zivildienstmonat. Gedenkdienst heißt der Zivildienst eigentlich bei mir. Und weil wir gerade dabei sind: Der Holocaust ist die systematische und bürokratische Vernichtung von 6 Millionen Juden während des zweiten Weltkrieges durch das Nationalsozialistische Regime und seine Kollaborateure. In der Anerkennung der Täterrolle Österreichs schickt mich die Republik nach Kanada um das Land zu verteidigen. Zivildienst, so sagte man uns beim Stellungstermin, sei die zivile Form der Landesverteidigung und: „Österreichs Werte sollen erhalten werden“. Die Inntalbrücke wurde uns damals auf einem Video gezeigt und alte Menschen in Rollstühlen.

Was hat der Holocaust damit zu tun? Nun ja, er ist Teil der österreichischen Geschichte. Ob nun Österreich Opfer oder Täter war, ist mir wiederum ziemlich egal. Da wird viel gestritten und die Sachlage ist philosophisch, politologisch, pädagogisch. Aber selbst die schärfsten Kritiker stimmen zu: „Niemals vergessen“, und nix über einen Kamm scheren. Und wo viel gestritten wird, gibt¹s viel zu tun, und deshalb bin ich hier.

ATMO Golden Age / Restaurant

Der Hunger trieb meinen Kollegen Mike Pollan und mich ins Golden Age ­ ins Altenheim des jüdischen Zentrums in Montreal. Hier wird von den alten Leuten neben gutem Essen auch Musik gemacht, wie Sie eben gehört haben. Den Walzer. Zu essen gab es aber „Plinzen“. Süße Teigtaschen mit Topfenfüllung. Und der Koch fragte mich mit einem aufmunternden Blick, ob ich Apfelsoße wollte. Genauso aufmunternd und deutsch und deutlich sehr erfreut, war meine Antwort „Jawoll!“

ATMO weg ­ Stille

Es fiel mir ein. Ein „Jawoll“ war unter dieser Schar von Holocaust-Überlebenden das unangebrachteste Wort, Apfelsoße gut zu finden. Es hätte bös enden können, aber: Der Koch erklärte der Kassierin, daß ich von den fünf Plinzen nur vier bezahlen muß, weil ich eh so schlecht aussehe.

ATMO Kasse „Wow, you take care of me“

OT Paula / Welcome

Paula arbeitet wie viele andere im Museum ehrenamtlich. Auch sie ist ein „Survivor“, eine Überlebende des Holocaust. Als in den 70er Jahren weltweit Stimmen laut wurden, den Holocaust habe es nie gegeben, begannen die Survivor zu sprechen. Sie suchten einen Platz, um ihre Erinnerungen den neuen Generationen mitzuteilen. Hier in Montreal wurde im jüdischen Zentrum das Holocaust Memorial Centre eingerichtet: Ein Gedächtnisraum, ein Museum, und Programme wurden entworfen für Schulen. Die Überlebenden fanden einen Platz ­ und viele Aufgaben; und damit war auch eine therapeutische Funktion erfüllt.

Neu für mich war, zu erfahren, daß die jüdische Gemeinschaft einer Stadt für mittellose Juden vier Verpflichtungen zu erfüllen hat: Ein Dach über dem Kopf zu bieten, Essen, Bildung, und zwei Sets von Kleidungsstücken, Sommer- und Winterkleidung.

Unser Dienstort also ist im Bildungsteil angesiedelt, im Holocaust-Museum. Der Direktor Bill Surkis:

OT Surkis

Als vor fast vier Jahren das Saide Bronfman Centre, auf der Straße gegenüber einen Brief von Judith Pfeifer erhalten hat, sie wolle für ein Jahr nach Montreal kommen, als österreichische Gedenkdienerin, da wußte noch niemand, was es war. Und unsere erste Frage war, ob das Ganze ernst gemeint ist, und ob es so eine Einrichtung in Österreich überhaupt gibt. Eine Mitarbeiterin von uns ist dann zufällig zu dieser Zeit nach Wien gefahren und sie ist mit der Bestätigung zurückgekommen, den Gedenkdienst gibt es, er wurde vom Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger gegründet und schickt junge Österreicher an Holocaust Gedenkstätten, als Ersatz für den Militär- beziehungsweise Zivildienst.

Judiths Anfrage wurde dem Komitees des Centres vorgelegt ­ und auch bewilligt. Es kam also ein junger Mensch aus Österreich, und obendrein eine junge Frau. Sie wurde aufgenommen und begann, bei uns zu arbeiten.

OT Philip Katz

Philip Katz war zu dieser Zeit Präsident des Museums. Es gab, so erinnert er sich, beträchtliche Bedenken innerhalb der Gemeinschaft der Überlebenden gegen eine Beteiligung Österreichs am Museum. „Ihr seit 60 Jahre zu spät“, hieß es, „und ihr wollt nur gute Stimmung machen“. Man sah keine wirkliche Einsicht Österreichs, daß man den Holocaust nicht nur miterlebt hat, sondern auch daran schuld daran war. Als dann aber klar wurde, daß da junge Österreicher kommen, denen die traurige Rolle zumindest einiger ihrer Vorfahren durchaus bekannt war, da konnten sich die Offeneren im Komitee durchsetzen, wir wollten es probieren.

OT Phil

Ich muß vergessen. Aber ich kann nicht vergessen. Vergeben? Who kannst du vergeben, jemand, daß er totgeschlagen deine Vater, Schwester, Nieces, Nephies. Sie können das nie vergessen.

Phil Weinbaum.

OT Phil

Geboren in Poland, Zavichost an der Wisla River. Ich war verschickt von der SS nach der Konzentrationslager Mauthausen und dann Gusen. Ich war befreit bei der Amerikaner Armee 6 und 11 glaube ich. Ich glaube, daß ich habe gearbeitet in Österreich und war nicht bezahlt. Die Messerschmitt Kompanie war in Österreich, in Steyr. Ich habe dort gearbeitet. Keine Essen, war nicht genug. Wie ich bin rausgekommen, habe ich 38 kg gewogen. Und heute leide ich mit Rheumatismus, Arthritis, mein Herz ist nicht gut und weil ich gearbeitet mit Aluminium zu machen die Aeroplane, das gibt Cancer, Krebs. Und ich leide von dem. Zwei Jahre zurück habe ich eine Operation gehabt, ich kann nicht arbeiten, gar nicht heute, und die Rente, die ich bekomme, ist nicht genug.

Phil Weinbaum lebt von 8000 Schillingen Rente pro Monat. Das Preisniveau in Kanada ist ungefähr gleich wie in Österreich. Menschen wie Phil kommen zu uns, damit wir ihnen helfen, Claims auszufüllen. Claims sind die notwendigen Registrierungen für Entschädigungen oder Rückerstattungen aus Europa. Von den Schweizer Banken, von Österreichischen Banken, von Versicherungen oder nun auch für die Zwangsarbeiterentschädigungen aus Österreich und Deutschland. Da kommen sie, und werden wieder einmal von einem Österreicher registriert. Eine skurrile und immer wieder schwierige Situation. Natasha Laliberte arbeitet im Holocaust Centre – sie erzählt von unserem Vorgänger Klaus Jagoditsch.

OT Natasha

Eine Frau, die als Kind den Holocaust überlebt hat, ist hereingekommen, hat Klaus gesehen und gehört, sie sah in an und sage: „Wie kannst du das getan haben, fühlst du dich nicht schlecht?“ Er saß da und starrte sie an, und hatte keine Idee, worüber diese Frau sprach. Er war sehr verstört, er sagte, „Gnädige Frau, ich kenne Sie überhaupt nicht, ich weiß nicht, wovon Sie reden“. Da hat sie bemerkt, daß sie ihn für etwas beschuldigt hat, was während des Krieges geschehen ist und sie entschuldigte sich bei ihm, sie sagte, „mein Gott“, ich kann gar nicht glauben, was ich gerade sagte, Sie sind ja gar nicht verantwortlich“. Es waren vielleicht seine Vorfahren, aber nicht dieser 27jährige, der hier im Centre seinen Dienst verrichtete.

ATMO Claim ausfüllen

OT Mike

Das erste mal wie er gekommen ist, wollte er, daß ich ihm, wie heute, bei diesen Insurance Claims helfen. Das sind für Fälle, wo die Familienangehörigen Versicherungen hatten. Bei ihm war es der Vater, der Großvater. Der Vater hatte eine Fabrik, die versichert war. Dieses Versicherungsgeld wurde nie wieder gesehen. Sonst war er ein paarmal da, und ich habe ihm geholfen bei Briefen, die er nach Deutschland schicken mußte, für die Wiedergutmachung. Meistens ist es so, daß diese Brief in Deutsch schreiben, es ist ein kompliziertes Deutsch, und ich habe auch oft Probleme, zu verstehen, was da gemeint ist, und deshalb kommen oft Leute her, und fragen, daß man das übersetzt, und hin und wieder auch einen Brief zurückschreibt und solche Sachen.

ATMO Unterschreiben

OT Phil

Mike helped me a lot, he filled out all of my papers from the Holocaust, everything. He helped me a lot. It is very important for me. Because me for myselfe I do not know how to fill it out in German and all of these things.

OT Mike

Er hat eine sehr große Familie gehabt, er ist der einzige Überlebende, wirklich der einzige, man muß sich vorstellen, alle Leute, die er in seinem Leben in Polen gekannt hat, sind umgekommen. Er war in Auschwitz, er wurde auch sterilisiert, man muß sich vorstellen, er hat auch keine Kinder bekommen, und deshalb bekommt er auch ein bißchen mehr Pension im Monat, 1500 DM im Monat, das ist nicht viel, aber ist doch ein bißchen mehr als die normale Pension.

ATMO Walter Absil / Schüler

Good morning kids, (GOOD MORNING) how are you. (GOOD). Should I say good morning to the teachers to (YEA)? Good morning teachers. I was born in Austria. You guys know where Austria is? (YEA). You know any famous Austrians? (THE GUY IN THE PAPER – JÖRG HAIDER) Haider, yes. Anybody else? (HITLER). How about somebody very important today? (YOU) No. How about Arnold Schwarzenegger. (YEA). We have other guys that are little less important, like Mozart, Strauss, the walz king, Dr. Freud. (SIGMUND FREUD – PSYCHOANALYSIS). Those were all Austrians, and like another one we would like to forget, Hitler. All right.

Walter Absil war als Jugendlicher im belgischen Widerstand, und überlebte. Er emigrierte nach Kanada und baute sich dort ein neues Leben auf. Heute ist Walter Absil 75 Jahre, und er genießt es, im Holocaust Centre zu Kindern zu sprechen. Den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich vergleicht Walter Absil so: Stellt euch vor, die Amerikaner marschieren morgen in Kanada ein, in Quebec, und macht es zu einem seiner Bundesstaaten. Glaubt ihr, die kanadische Armee könnte etwas dagegen tun? Über Nacht wurden wir zur Ostmarkt. Das Leben eines jüdischen Buben, ich war 13, änderte sich drastisch. Ich durfte nicht mehr zur Schule gehen, ins Swimming Pool, ich durfte nicht mehr ins Theater gehen oder ins Kino. Sogar die Parkbänke waren angeschrieben: „Nicht für Juden“. Da habe ich meinen ersten Akt des Widerstand gemacht. Ich habe mich geschwind auf die Ecke einer Bank gesetzt. Kommt und holt mich! Glücklicherweise hat mein Vater einen Freund getroffen, der gesagt haben, das ist verrückt, aber das geht vorbei, das dauert nur ein paar Monate. Warum schaut ihr nicht, daß Ihr wegkommt. Und zufällig haben wir ein Visum für Belgien bekommen.

Und so klingt der Originalton, der für Erwachsene bestimmt ist:

OT Walter

Meine Eltern wurden 1 Jahr vor der Befreiung Belgiens, 1943 von der Gestapo verhaftet. In meiner Abwesenheit, ich kam vielleicht 10, 15 Minuten später nach Hause. Und sie wurden in das Sammellager Malin gebracht, ich habe die Bestätigung der belgischen Behörden und wurden von dort natürlich nach Auschwitz verschleppt. Wir haben nie mehr von ihnen gehört. – Das komische ist, daß wir, dadurch daß wir von Belgien zuerst von Österreichern Deutsche wurden, wie die Deutschen einmarschiert sind, dann haben wir den Belgiern beigebracht, daß wir nicht Deutsch sind, sondern Juden, in unserer Identitätskarte war dann eingeschrieben: Nichtfeindlicher Deutscher. Dann kam die deutsche Besetzung und wir waren nicht würdig Deutsche zu sein, sie so wurde unserer Nationalität wieder auf Staatenlos geändert, auf Staatenlos. nach der Befreiung ging die ganze Geschichte wieder verkehrt. Also zuerst von Staatenlos auf Deutsch, dann bekommen wir nichtfeindliche Deutsche, und dann eventuell wieder die österreichische Nationalität. Also mit meiner kanadischen Nationalität. Also mit meiner kanadischen Nationalität haben wir wahrscheinlich 6 mal diese Nationalität geändert. Meine Frau, die auch in Wien geboren ist, ist ganz narrisch mit Österreich, besonders mit Wien. Ich eigentlich freue mich auch, wir fahren jetzt jeden Sommern nach Österreich und meine Frau singt dann immer, „morgen bin ich wieder in Wien“. Wir wissen genau, wo wir gehen. Ich habe im 3. Bezirk gewohnt, meine Frau im 9. Wir besuchen die alten Häuser. Und jedes Jahr sind wir wieder dort. Und meine Frau sagt dann immer, wenn ich nicht am Ring spazieren kann, dann hat der Hitler gewonnen.

ATMO Yom Hashoah Feier

Kanada hat während des zweiten Weltkrieges fast keine Juden aufgenommen, die emigrieren wollten. Bei der alljährlichen Holocaust-Gedächtnisfeier wird dennoch zum Schluß die Kanadische Hymne gesungen. Wir zwei Österreicher haben den Gästen die Plätze angewiesen. Hinter mir eine schniefende Frau, vor mir 6 brennende Kerzen und rechts zu meiner Seite der ungarische Honorarkonsul.

Womit wir bei der Botschafterrolle angekommen sind. Mein Kollege Michael Pollan sieht das so:

OT Mike

Ja es ist eine ziemlich heikle Situation. Als österreichischer Gedenkdiener wird man von Holocaust Überlebenden immer wieder besorgt nach der Situation in Österreicher gefragt. Ich persönlich versuche zu erklären, warum die politische Situation dort so ist, was überhaupt los ist, und es zugänglicher zu machen, ohne das Problem zu verharmlosen von meiner Sicht aus. Es ist sehr wichtig, daß die Menschen hier, die vielleicht nicht diesen Einblick in die österreichische Politik gemacht hat, vor Ort mit Menschen aus Österreich darüber sprechen können.

Ich wiederum erkläre, daß die Österreicher demokratisch gewählt haben, daß Jörg Haider kein Neonazi ist, und daß das herkömmliche Regierungssystem nach so langer Zeit wahrscheinlich sein Ende finden mußte, was den Vorteil hat, daß wieder viel mehr Österreicher eine politische Meinung jenseits der Wurstigkeit haben. Und dann bedanke ich mich für die Proteste, denn die gehören halt auch zur Demokratie.

Als Jörg Haider seinen Besuch in unserem Museum in Montreal angekündigt hat, war für uns ein grauenhafter Tag. Am Morgen hat Bill Surkis, unser Chef, noch angekündigt, Haider wolle unser Museum besuchen. Wir sahen uns an, und sagten, warum nicht, schaden tut’s ihm sicher nicht. Die Sache ist dann medienmäßig hochgegangen und der Canadian Jewish Congress hat eine Stunde nach dem Aufsperren angeordnet, die Museumstür wieder zuzusperren, das Licht abzudrehen, und Haider nicht hereinzulassen. Die Reaktion des Canadian Jewish Congress war auf der anderen Seite wieder verständlich, denn zwei Wochen zuvor hat man noch zur Demonstration vor dem Österreichischen Konsulat aufgerufen, gegen Haider, den Hater, den Hasser, wie sie ihn nannten, und alles andere wäre inkonsequent gewesen.

ATMO Demo / Jiddisch „Wo ist die Welt“

ATMO Kerzen anzünden Yom Hashoah

Sie haben einfach Angst. Vor allem, was aus der Richtung der Vergangenheit kommt. Irrational Angst, was sie aus Europa an die Toten, die sie beklagen, erinnert. Beim Yom-Hashoah Gedächtnisfest für die Opfer des Holocausts zünden jeweils drei Generationen eine Kerze an. Großvater, Vater, Tochter legen ihre Hände übereinander. Während der ganzen Feier fällt kein Wort gegen Österreich, kein Wort gegen Deutschland. Es ist nur ein stilles Trauern.

OT Phil / Makes me mad

If I hear news from the Nazis, from the camps, I get very mad, it makes me very mad. You know, when I don’t talk about that, I cool off. When they talk about Germany, about the Holocaust. Because me myself, I passed a lot of troubles in Auschwitz, Birkenau. I have been sterilized, kastriert, broken leg, they beat me up. And I lost all my families. When comes holidays, I feel very nervous.

Natasha Laliberte:

OT Natasha

Wenn man mit Menschen arbeitet, die ein Trauma erlebt haben, dann gibt es natürlich die bekannten Probleme: Das Trauma, einige haben Schuldgefühle, daß sie überlebt haben, und andere nicht. Da gibt es die ganze Palette psychologischer Probleme. Aber zu allem kommt, daß diese Menschen auch jetzt ihren Alterungsprozeß erleben. Die Leute werden älter und ihre Eigenheiten verstärken sich. In anderen Worten, wenn sie in ihrer Jugend mit irgendetwas über Kreuz waren, dann wird das stärker. Ihr hauptsächlicher Lebensinhalt wird zu ihrer Mitte. Und wenn das das Überleben des Holocaustes ist, können Sie sich vorstellen, was das heißt. Arbeiten mit Überlebenden ist sehr, sehr schwierig.

OT Catherine

Catherine Chatterley arbeitet an Schulprogrammen über den Holocaust. Wir alle kennen die Geschichte unserer Eltern, sagt sie, wenn wir uns über den Schulweg beklagten. Die haben dann gemeint: Das ist ja gar nichts, gegen das, wie wir zur Schule gehen mußten. 2 Stunden lang, im Schnee, und das mit einem Schuh, oder so. Dann kann man sich vorstellen, wie es Kindern ergangen ist, deren Eltern den Holocaust überlebt haben, wenn sie mit irgendwelchen Sorgen zu ihnen gekommen sind.

OT Survivor-Tochter

Meine Eltern haben gerade erst angefangen, zu reden, was ihnen passiert ist. Sie haben das nie gemacht. Ich kann mich erinnern, als Kind habe ich die Geschichten von Albträumen mitbekommen, die sie sich erzählt haben. Ich hatte dann auch diese Träume: Hunde haben mich gejagt. Vielleicht ist das bei meinen Kindern nicht mehr so. Es dauert wirklich Generationen.

OT Eltern: „We were only called Scheissjuden. . . „

Das war unser Name während der Zwangsarbeit. Und wir waren noch glücklich, daß sie uns nicht sofort erschossen haben. Ich kann es nicht vergessen – und wissen sie, ich weiß nicht, wo ich gestern war, aber wo ich 50, 60 Jahre war, da erinnere ich mich an jedes kleine Detail, wenn ich davon träume, spüre ich wieder diese Qualen.

ATMO Horrorfilm

Einmal pro Monat kommen Überlebende ins Museum, und schauen sich einen Horrorfilm an. Einen Kriegsfilm aus der Vergangenheit, oft in Deutsch. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum sie das machen.

Es gibt eine Hitparade des Holocausts, erzählt Chaterine Chatterley. Es kommt darauf an, wo sie während des Krieges waren in Europa, in welcher politischen Umgebung, welchen religiösen Hintergrund sie hatten, wie sie sich mit dem Judentum identifizierten. Diesen Wettbewerb gibt es wie in jeder anderen Gemeinschaft auch. Aber daß es sich hier um den Holocaust handelt, erhöht einfach den Einsatz. Sie haben alles verloren. Es ist eine total verrückte Gemeinschaft, ich kann es nie allen recht machen, sie sind zu verschieden. Aus diesem Grund: Wenn wir jetzt das neue Museum machen, neue Programme entwerfen, das Bild, das wir zeichnen sollen, es ist extrem schwierig, es der jüdischen Gemeinschaft recht zu machen – es ist eigentlich ganz unmöglich.

OT Morris / Clue

Morris Schenker, Überlebender aus Belgien. Er hat nach dem Krieg als Repräsentant für die deutsche Radiofirma Blaupunkt gearbeitet. Ironischerweise, wie er sagt. Es geht um die Entmenschlichung des Menschen. Egal ob es politisch ist, oder religiös, es kann jeder das Opfer sein, der einen andern Hintergrund hat, oder einer anderen Nation angehört. Es ist recht einfach, jemanden umzubringen, nachdem du ihn erst einmal entmenschlicht hast.

ATMO Yom Hashoah

Hinter jeder Zahl steht ein Name. Und hinter jedem Opfer standen die Täter. Die Opfer sind leichter auszumachen, weil sie am Boden liegen.

Mr. Tarnagol braucht Geld für seine dritten Zähne. Von den Schweizer Banken hat er vor einiger Zeit 5300 Schillinge erhalten, und davon sein Auto repariert. Was aber wird er mit dem Entschädigungsgeld für die Zwangsarbeit machen?

OT Phil / Geld

Ich würde nach Israel fahren und ein Stückchen Land kaufen für meine Familie. Ich würde einen Stein aufstellen und für meine Familie beten, mit einem Rabbi. Weil ich habe ja meine ganze Familie verloren. Den Namen Tarnagol wird es nach mir nicht mehr geben. Weil jeder andere tot ist.

Und wissen Sie, von welchem Stückchen Land Phil Weinbaum spricht, das er sich kaufen will? Er meint ein Grab in Israel.

ATMO Golden Age Orchester / Eviva Espana

Das Innenministerium zahlt mir für die Betreuung der Täterrolle von Österreichern und für die Betreuung der Opfer 138. 000 Schilling, genauso viel wie einem österreichischen Zivildiener. Weil ich 14 Monate arbeite, und zu meinem Einsatzort fliegen muß, Ich bezahle selbst umgerechnet pro Arbeitsstunde 25 Schilling, Feiertags zahle ich doppelt, in Summe 80. 000 Schillinge. Dafür darf ich in allen Bereichen mitarbeiten, und bei den Festen mitfeiern, und natürlich auch mitessen.

Lieselotte hat wieder angefangen Deutsch zu reden. Sie fragt viel, erkundigt sich, mal über die politische Lage, mal übers Essen, mal wie es so geht. Sie muss als junge Frau eine Prinzessin gewesen sein.

OT Lieselotte

Wenn Sie jetzt zurückkommen, im Jänner, werden Sie darüber sprechen, was Sie hier gelernt haben? — Nein. — Ich kann doch nicht sagen, schaut’s wie normal die Juden sind. Ich werde nicht sprechen müssen, weil ich ja lebe. Ich werde Kinder erziehen müssen, oder dürfen, ich werde Lehrer sein, und die Art, wie ich mit ihnen umgehe, da muß ich gar nicht mehr reden. — Nein, nein nein, man muß nicht so, man kann zum Beispiel, Sie haben eine Klasse, da kann man sagen, zum Beispiel Franzl, weißt Du…

[ausgeblendet zum FIN]

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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