Fremdenvolontäre, Megascene, Dezember 1999

Dezember 1999

Projekt Beschreibung

FREMDENVOLUNTÄRE

Die Einladung zum Hab-Acht-Stehen und Schlammrobben flattert zwar jedem Österreicher über 17 ins Haus. Doch nicht jeder muss die Pflicht mit dem neunmonatigen Vaterlandsverteidigungskurs à la Präsenzdienst hinter sich bringen: Zivildienst ist die Alternative. Und der ist auch im Ausland möglich!
  Sozial-, Friedens- und Gedenkdienst – seit 1992 kann der Zivildienst auch im Ausland geleistet werden. Und auch Mädchen können mitmachen.   „Egal, ob Messe oder Reggaefest: Diese Menschen können feiern! Obwohl der Hunger beißt, spürt man pure Lebensfreude,“ erzählt Johannes Schmidt, „dass die Gewalt zu späterer Stunde zu- und die Freude abnimmt, darf man nicht übersehen.“ Im Moment lebt und arbeitet der Sozialdiener im Centro Dommunitario Christo Libertador in Salvador da Bahia. Mit dem Auto holt er erbetteltes Gemüse vom Markt, mit dem Frauen die supao, eine Suppe, für Kinder und die Ärmsten der Gemeinde kochen. „Das Elend hier zieht mich oft ziemlich herunter. Aber die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen hier, vor allem der Kinder, spornen mich wieder an. Gerade bin ich dabei einen Computerraum einzurichten, um Kurse für Jugendliche anzubieten.“ Auslandszivildienst – das sind nicht vierzehn Monate Urlaub im exotischen Paradies. Dass sein Aufenthalt neben Horizonterweiterung und Sprachkenntnissen auch Unangenehmes mit sich bringt, hat Johannes gemerkt: Bei Bauprojekten muss er wie andere Arbeiter zupacken. Trotz der durch die enorme Hitze ermattenden Arbeit ist er vom Sozialdienst in Brasilien begeistert: „Ich habe Einblicke in das Arbeiterleben. Zivildienst in Österreich hätte mir auch andere soziale Sichtweisen eröffnet, aber die afro-brasilianische Kultur kennen zu lernen ist aufregend!“   „Jetzt muss ich Ausländer verteidigen, wenn jemand in der U-Bahn auf sie einschimpft. Vor meinem Gedenkdienst hätte ich nur weggeblickt!“, sagt Ralph, der derzeit Schulklassen über das Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen in Oranienburg führt. Kasernen, Wohnsiedlungen der SS, die Inspektion der Konzentrationslager und ein Häfltlingslager – der Ort unweit von Berlin wurde bereits 1933 „Stadt der SS“ genannt. Sich mit der Wiedergutmachung und Erinnnerungsarbeit auseinanderzusetzen, bereut er nicht, denn „den Blick, mit dem die österreichische Öffentlichkeit die eigene Vergangenheit wahrnimmt“, findet er schlichtweg „unaufrichtig“.   „Wer zu viel Energie hat, kann seine Ideen beim Zivildienst im Ausland verwirklichen. Für labile Persönlichkeiten ist das aber nichts“, sagt Robert Preis. Das Jugendmagazin „Burek“ hat der Friedensdiener im „Center for peace“ in Osijek ins Leben gerufen. Junge Menschen haben in der zerstörten Stadt kaum Perspektiven: schlechte Ausbildungsmöglichkeiten, kaum Jobs und die Tatsache, dass heute 25-jährige zur Kriegsgeneration gehören und mit 17 im Bosnien-Krieg gekämpft haben. Und fünfzig Jahre Kommunismus können auch nicht von heute auf morgen mit westlicher Demokratie überspielt werden.   „Wie soll’s dir schlecht gehen? Du wohnst ja gleich um die Ecke von Ikea!“, scherzte ein Jugendlicher unlängst. Den Wunsch nach CDs und Fernseher versteht Robert, „wichtiger wäre aber den Kopf frei zu bekommen. Denn der Hass zwischen Serben und Krotaten sitzt immer noch tief.“ Hin und wieder hat er sich ausgelaugt und ausgenützt gefühlt. „Andererseit war es eine ständige Rechtfertigungssituation, was mache ich hier und warum. Als Auslandsdzivildiener befriedigt man gewissermaßen das österreichische Gewissen.“ Zu schade, findet Robert, dass die Arbeit der Friedens-, Sozial- und Gedenkdiener von der österreichischen Gesellschaft kaum geschätzt wrid und erst im Nachhinein als Zivildienst anerkannt wird.   Verein „Niemals Vergessen“ Hohenstaufengasse 10 1010 Wien Tel: 01/53444/504 http://wieninfo.com/niemalsvergessen   Österreichischer Friedensdienst (ÖFD) Mengerstraße 23 4040 Linz Tel: 0732 / 24 40 11 – 566 email:   Internationaler Versöhnungsbund Lederergasse 23/3/27 Tel.: 01 / 408 53 32 email:   Friedensbüro Salzburg Steingasse 47 5020 Salzburg Tel.: 0662 / 87 39 31 email:  

Projekt Details

  • Datum 25. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1999

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